Crans-Montana: Vize-Gemeindepräsidentin entschuldigt sich für alles
Während noch viele Fragen offen sind, findet heute die Trauerfeier für Crans-Montana statt. Im Ticker verpasst du keine Neuigkeit.

Das Wichtigste in Kürze
- Bei der Brandkatastrophe in Crans-Montana starben 40 Menschen, über 100 wurden verletzt.
- Sie werden heute bei einer Trauerfeier in Martigny geehrt.
- Mit dem Ticker von Nau.ch bleibst du auf dem Laufenden.
Heute findet in Martigny die Trauerfeier für die Opfer des Brandes in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana statt. Zahlreiche ausländische Staatschefs und drei Bundesräte werden erwartet. Zudem werden heute die Besitzer der Bar erstmals vernommen.
Derweil läuft die Strafuntersuchung weiter. Viele Fragen sind noch offen. Neben den Barbesitzern stehen auch die Gemeinde und die Ermittlungsbehörden in der Kritik.
Im aktuellen Ticker von Nau.ch bleibst du auf dem Laufenden:
Gemeinde entschuldigt sich
19.30: Drei Tage nachdem Vertreterinnen und Vertreter von Crans-Montana vor die Medien getreten waren, entschuldigte sich Vize-Gemeindepräsidentin Nicole Bonvin-Clivaz im RTS.

«Wir entschuldigen uns und bitten alle Familien, die trauern und leiden, um Vergebung», sagte sie RTS am Freitag kurz nach der Gedenkfeier für die Opfer in Martigny. Sie räumte Fehler und Versäumnisse ein, die durch die Untersuchung geklärt werden müssten.
Am Dienstag an der Medienkonferenz des Gemeinderats von Crans-Montana war keine solche Entschuldigung ausgesprochen worden, was viel Kritik hervorrief.
«Sind keine Gangster»: Jetzt spricht Jaques Morettis Vater
17.39: Jean Matthieu Moretti, Vater des inhaftierten Bar-Betreibers Jaques Moretti, hat sich gegenüber «24heures» zu Wort gemeldet.
Er sei angewidert von der Art und Weise, wie die Presse seine Familie behandelt.
«Was hat die Vergangenheit meines Sohnes, die Fehler seiner Jugend, für die er bis zum letzten Cent bezahlt hat, mit den 40 Toten zu tun?»

Moretti beschreibt seinen Sohn als einen «unermüdlichen Arbeiter», der alles mit seinen eigenen Händen aufgebaut hat.
Der Vater erzählt gegenüber der Zeitung auch, wie schwer das Unglück auch seinen Sohn getroffen habe. «Es ist eine unerträgliche Situation für die Toten, aber auch für die Lebenden.»
Und fährt fort: «Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Jacques weinen sah.»
Jean Matthieu Moretti erklärt zudem, dass sich seine Familie weder verstecken noch drücken werde. «Wir sind seriöse Menschen, keine Gangster!»
Das sagte der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis
16:34: Der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis richtet sich an der Medienkonferenz auf Französisch und Englisch an die Medienvertreter. Crans-Montana sei ein international bedeutender Begegnungsort, betont Cassis.
Entsprechend stammten zahlreiche Opfer der Tragödie aus dem Ausland. Nach dem verheerenden Brand hätten sich viele seiner Amtskollegen aus anderen Ländern bei ihm gemeldet. Dafür spreche er ihnen seinen aufrichtigen Dank aus.

Auch das Thema Verantwortung greift Cassis auf. Er zitiert den Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry mit den Worten, Menschsein bedeute, Verantwortung zu übernehmen. In der Schweiz gälten strenge Sicherheitsvorschriften – würden diese nicht korrekt umgesetzt, sei das nicht hinnehmbar.
Das Geschehene habe Auswirkungen weit über die Landesgrenzen hinaus, sagt Cassis auf Englisch an die ausländischen Angehörigen der Opfer gerichtet. Er drückt ihnen sein tiefes Mitgefühl aus. Und versichert, dass die Schweiz sie so lange unterstützen werde, wie es erforderlich sei.
Jessica Moretti entschuldigt sich sichtlich bewegt
15:42: Während Jacques Moretti im Anschluss an die Einvernahme festgenommen wurde, verliess Jessica Moretti das Gericht wieder.
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Vor Journalisten sagte sie: «Ich möchte mich entschuldigen. Bei allen Opfern.» Das Video wurde von «Léman Bleu» verbreitet.
Weiter sagte sie: «Meine Gedanken sind ständig bei den Opfern. Es ist eine unvorstellbare Tragödie, die in unserem Lokal passiert ist.» Sie sagt die Worte sichtlich betroffen.
Barbesitzer Moretti in Gewahrsam
15:03: Jacques Moretti, der Betreiber der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana, wurde am Freitag in Sion in Untersuchungshaft genommen. Dies berichten mehrere übereinstimmende Quellen gegenüber «24heures».
Die Entscheidung erfolgte nach einer langen Einvernahme durch die Walliser Staatsanwaltschaft. Die Anordnung muss innerhalb von 48 Stunden vom zuständigen Zwangsmassnahmengericht bestätigt werden.

Laut den vorliegenden Informationen begründet die Staatsanwaltschaft den Antrag auf Haft mit einem möglichen Fluchtrisiko. Was zu diesem Kurswechsel geführt hat, ist derzeit unklar.
Noch am 4. Januar hatten die Walliser Ermittler erklärt, dass keine Haftgründe vorlägen. Auch ein Rückfall- oder Verdunkelungsrisiko wurde ausgeschlossen.
Giorgia Meloni fordert Aufklärung der Brandkatastrophe
13:51: Für Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ist die Brandkatastrophe kein Unfall.
Es sei das Ergebnis davon, «dass zu viele Menschen ihre Arbeit nicht gemacht haben. Oder dachten, sie könnten leichtes Geld verdienen», sagte Meloni am Freitag. «Die Verantwortlichen müssen gefunden werden.»
Die italienische Regierungschefin äusserte sich laut der Nachrichtenagentur Ansa auf einer Pressekonferenz in Rom.
«Als die ersten Videos veröffentlicht wurden, war ich sehr überrascht. Darüber dass einige dieser Jugendlichen im Gebäude geblieben waren, obwohl das Feuer bereits ausgebrochen war», so Meloni. Sie habe nicht verstanden, warum.

Es gebe zu viele Fragen, sagte Meloni. Eine Mutter habe gefragt: «Die Musik spielte weiter, und die Tatsache, dass junge Menschen eine niedrigere Gefahrenschwelle haben als wir, war nicht hilfreich.
Warum wurde die Musik nicht ausgeschaltet? Warum wurden die Jugendlichen nicht aufgefordert, das Gebäude zu verlassen? Warum hat der Bürgermeister keine Kontrollen durchgeführt?«
Es gebe zu viele Fragen, weshalb es zur Silvester-Tragödie in der Schweiz gekommen sei, so Meloni weiter.
Bilder der Katastrophe bleiben im Kopf
13:16: Die schockierenden Bilder und Videos vom Brand der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana haben sich rasch über soziale Netzwerke verbreitet. Oft ungefiltert und ohne Warnung. Besonders Jugendliche sind von diesen Eindrücken stark betroffen.
Bei der Notrufnummer 147 von Pro Juventute verzeichnet man aktuell eine deutlich erhöhte Zahl an Anrufen. Vor allem aus der Romandie, wie SRF berichtet.

Nicole Platel, Direktorin von Pro Juventute, sieht einen Zusammenhang mit der geografischen Nähe und persönlichen Verbindungen zu den Opfern.
Kinder- und Jugendpsychologe Matthias Obrist erklärt gegenüber «10 vor 10», dass die Reaktionen je nach persönlicher Betroffenheit unterschiedlich stark ausfallen. Der Gedanke «Das hätte auch mir passieren können» sei besonders belastend.
«Das Wort für meine Gefühle existiert in unserer Sprache nicht»
11:00: Laetitia und Arthur Brodard wurden nach dem Brand in der Bar Le Constellation in Crans-Montana zu bekannten Gesichtern der Tragödie.
Am 2. Januar bat die Mutter in einem TV-Appell um Hinweise zu ihrem 16-jährigen Sohn. Da war er bereits unter den Opfern.
Am Donnerstag fand die Trauerfeier in der reformierten Kirche von Lutry statt, wie CH Media berichtet. Doppelt so viele Menschen kamen wie im Inneren Platz fanden. Trotz Schnee, Regen und Kälte harrten Hunderte draussen aus.
Laetitia Brodard sagte: «Das Wort für meine Gefühle existiert in unserer Sprache nicht.» Für sie war es mehr als ein Unfall: «Es waren Kinder, die verbrannten.»

Auf Arthurs Handy fand sie viele Videos und Fotos, aber keine Hinweise auf Alkohol oder Aufnahmen des Feuers. Das oft gezeichnete Bild leichtsinniger Jugendlicher treffe auf ihren Sohn und seine Freunde nicht zu.
Sein Iphone habe sie am 1. Januar geortet. «Es lag in der Leichenhalle», sagt sie.
Gemäss einer Rekonstruktion blieben den Jugendlichen nach Brandausbruch nur 50 Sekunden zur Flucht. Arthur konnte sich nicht retten. Seine Mutter sagt: «Ich habe gesehen, dass mein Arthur nicht mehr in diesem Körper ist.»
Sie stellt sich vor, dass er nun mit den anderen Opfern auf einer ewigen Party ist. Ein Bild, das nicht alle teilen, das ihr aber Trost spendet.
08:41: Am Freitagmorgen wird das Betreiberpaar der Katastrophen-Bar erstmals als Beschuldigte verhört. Fotos zeigen, wie die Morettis bei der Staatsanwaltschaft in Sitten eintreffen.

Gegen die Betreiber des «Le Constellation» wurde eine Strafuntersuchung wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst eröffnet.

Das Ehepaar Moretti war zwar bereits zuvor vernommen worden – jedoch als Zeugen, und nicht als Beschuldigte.
Parmelin wendet sich mit offenem Brief ans Volk
07:47: Bundespräsident Guy hat in einem offenen Brief an die Bevölkerung anlässlich des nationalen Trauertags zugesichert, aus der Brandkatastrophe in Crans-Montana Konsequenzen zu ziehen. An diesem Tag sei die Schweiz in Trauer und im Herzen vereint.
«Wir schulden den Betroffenen, Familien und Angehörigen Respekt, Erinnerung – und die Verpflichtung, alles zu tun, damit sich eine solche Katastrophe nicht wiederholt», schrieb er in einem in mehreren Schweizer Tageszeitungen veröffentlichten Brief.

Die Justiz untersuche derzeit, inwiefern Sicherheitsbestimmungen missachtet wurden, und werde die Konsequenzen daraus ziehen. «Das sind wir den Opfern und ihren Angehörigen schuldig.»
Er sprach diesen sein aufrichtiges Beileid aus. Er verneige sich vor all jenen, «die zwar das Glück hatten, die Brandkatastrophe zu überleben, nun aber erst am Anfang eines langen Wegs der Genesung stehen.»
Er zolle allen Menschen Respekt, «die auf vielfältige Weise geholfen haben». Kein Land könne eine solche Ausnahmesituation alleine meistern.
Kanton Wallis ignorierte fehlende Kontrollberichte jahrelang
07:14: Der Walliser Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer hatte sich nach Bekanntwerden der fehlenden Brandschutzkontrollen in Crans-Montana tief erschüttert gezeigt.
Zwar liegt die Durchführung der Kontrollen gesetzlich bei den Gemeinden, der Kanton trägt jedoch Verantwortung für Überwachung und Koordination. So müssen Gemeinden dem Kanton alle Kontrollberichte einreichen – auch für Bars wie Le Constellation.

Diese Berichte blieben jedoch über Jahre aus, ohne dass der Kanton reagierte. Auf Anfrage von SRF erklärte Philipp Hildbrand, Leiter des Amts für Feuerschutz:
«Wenn kein Bericht eingeht, gehen wir davon aus, dass alles in Ordnung ist.» Er räumt ein, dass viele Gemeinden ihre gesetzlichen Pflichten nicht erfüllen könnten. Dennoch habe der Kanton die Berichte nicht systematisch eingefordert.
Ein Grund dafür sei, dass ursprünglich eine schweizweite Lockerung der Brandschutzvorgaben geplant war. Ab 2027 sollten Kontrollen nur noch alle zehn Jahre erfolgen.
Daher habe man die Gemeinden nicht zusätzlich belasten wollen. Diese Pläne wurden Anfang der Woche angesichts der Tragödie von Crans-Montana vorerst gestoppt.
03.00: Die jährlich vorgeschriebene Brandschutzkontrolle wurde im «Le Constellation» letztmals 2019 durchgeführt. Gegenüber dem «Spiegel» berichten lokale Gastronomen von «mafiösen Strukturen».

Grosse Teile des Dorfes gehörten demnach einer kleinen Gruppe von Besitzern. Und wer angesehen sei, müsse von den Behörden «eigentlich gar nichts» befürchten, sagt ein Gastronom. Er vermute, dass die Korruption die fehlenden Sicherheitsvorkehrungen begünstigt und das Ausmass der Katastrophe vergrössert habe.











