Crans-Montana: Wunderkerzen durften gar nicht in Flasche stecken

Andrea Schüpbach
Andrea Schüpbach

Crans-Montana,

Nach der Tragödie in Crans-Montana verbietet der erste Kanton Pyros in Innenräumen. Feuerwerk-Experte Erich Frey versteht es nicht. Das Problem sei ein anderes.

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So soll der Todes-Brand in Crans-Montana entstanden sein: Wunderkerzen werden auf Champagner-Flaschen in die Luft gestreckt. - Facebook

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Kanton Waadt verbietet nach der Crans-Montana-Tragödie Pyros in Innenräumen.
  • Aus der Politik gibt es offene Ohren für ein Schweiz-weites Verbot.
  • Pyro-Experte Erich Frey sagt, dass das wahre Problem nicht die Wunderkerzen seien.
  • «Heute liest niemand mehr eine Anleitung durch.»
  • Dort würde zum Beispiel stehen, dass Wunderkerzen eine feuerfeste Unterlage brauchen.

Eine Frau mit Helm sitzt einer Person mit Maske in der Silvester-Nacht auf der Schulter. Sie streckt eine Champagner-Flasche mit einer brennenden Wunderkerze in die Luft.

Kurz danach bricht in der Crans-Montana-Bar «Le Constellation» Feuer aus, mindestens 40 Menschen sterben. Die Walliser Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Wunderkerzen die Decke anzündeten.

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40 Menschen kommen im Bar-Feuer von Crans-Montana ums Leben. - keystone

Solche Wunderkerzen sind in Bars, Restaurants und Clubs weit verbreitet. Vielerorts gehören sie zu Anlässen und Partys fix dazu.

Zürcher Wunderkerzen-Beizer verzichtet jetzt freiwillig

«Auch wir benutzen Wunderkerzen hauptsächlich bei Geburtstagen auf dem Kuchen», sagt etwa Bruno Exposito, Inhaber des Zürcher Szene-Restaurants Schützengasse. «Vereinzelt werden sie auch eingesetzt, um die Stimmung zu heben und den Konsum anzukurbeln.»

Aktuell verzichte man aber aus Respekt auf den Einsatz von Wunderkerzen.

Nach Tragödie: Komplettes Pyro-Verbot in Waadt

Crans-Montana hat nach der Neujahrs-Katastrophe reagiert und Feuerwerk aus geschlossenen Räumen verbannt. Als erster Kanton verkündete Waadt am Donnerstag-Mittag gar ein kantonsweites Pyrotechnik-Verbot in öffentlichen Einrichtungen.

Sollten Wunderkerzen in Bars und Restaurants verboten werden?

In der Schweizer Politik entfacht nun die Diskussion, ob Wunderkerzen sogar landesweit aus Innenräumen verbannt werden sollen.

FDP-Nationalrat offen für schweizweites Verbot

So zeigt sich der Walliser FDP-Nationalrat Philippe Nantermod gegenüber Nau.ch offen für ein Verbot in der ganzen Schweiz.

Partei-Kollegin und Nationalrätin Bettina Balmer will ein nationales Verbot ebenfalls nicht ausschliessen. Die Justiz müsse ihre Arbeit tun.

Und je nach Ergebnissen, müssten auf politischer Ebene Konsequenzen gezogen werden. «Dazu würde auch ein Verbot von Wunderkerzen in Innenräumen gehören.»

Philippe Nantermod
Philippe Nantermod (FDP) zeigt sich gesprächsbereit für ein Schweiz-weites Wunderkerzen-Verbot in Bars. - keystone

Der Bündner SVP-Nationalrat Roman Hug sagt: «Nach einer solch unvorstellbaren Tragödie ist es richtig, wenn auch auf nationaler Ebene eine Neubeurteilung gemacht wird. Wie die genau aussieht, das muss seriös in der zuständigen Kommission geprüft werden.»

Von linker Seite blieben sämtliche Anfragen an die Politikerinnen und Politiker unbeantwortet.

Eine klare Meinung hat dafür Erich Frey. Er ist Feuerwerks-Experte und Inhaber der Firma «CrazyFlash», dem grössten Anbieter von Indoor-Pyrotechnik in der Schweiz.

«...und nun kommt ein Haufen selbst ernannter Fachleute»

Er sagt zu Nau.ch: «Crans-Montana ist eine tragische Geschichte. Doch nun kommt ein Haufen selbst ernannter Fachleute und schreit nach Verboten. Das ist der falsche Weg.»

Erich Frey
Die Firma von Pyro-Experte Erich Frey ist zum Beispiel auch bei Konzerten im Hallenstadion für die Sicherheit der Spezialeffekte zuständig. - zVg

In den Schweizerischen Brandschutzvorschriften VKF stehe schon heute, erinnert Frey: In Innenräumen mit Menschenansammlungen ist es verboten, Feuer oder Feuerwerk anzuzünden.

«Das Gesetz verbietet es also. Für jeden Anlass braucht es eine Ausnahme-Bewilligung», weiss Frey. Sei es nun für ein Konzert im Hallenstadion oder Feuerwerk in einem kleinen Club.

Wunderkerzen sind eine rechtliche Grauzone

Das Problem bei Wunderkerzen (auch Eis-Fontänen genannt) sei, dass man sich in einer Grauzone bewege. «Alle Personen ab zwölf Jahren dürfen sie verwenden.»

Hast du für Partys auch schon Wunderkerzen gekauft?

Auf der Verpackung stehe zwar, dass sie für Innenräume geeignet seien. «Es steht aber auch, dass sie auf einer feuerfesten Unterlage gezündet werden müssen. Und man muss einen Meter Sicherheitsabstand einhalten.»

Das wahre Problem? «Heute liest niemand mehr eine Anleitung durch»

Sie sollen also sicher nicht in Champagner-Flaschen in die Höhe gestreckt werden. «Das ist doch das grundlegende Problem», so Frey.

«Man muss nur lesen. Aber heute liest niemand mehr eine Anleitung durch, geschweige denn, hält sich an die Vorgaben.» So wisse kaum jemand, dass man auch bei einem «Zuckerstock» einen Sicherheitsabstand von 20 Meter einhalten müsste...

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So wie im Crans-Montana-Club «Le Constellation» sollen Wunderkerzen nicht verwendet werden. - Screenshot / Youtube

«Wenn nichts Entflammbares in der Nähe ist und man die Vorschriften einhält, sind Wunderkerzen kein Problem. Gesunder Menschenverstand ist gefragt.»

Feuerwerk-Experte: «Dort haben solche Produkte nichts zu suchen»

Genauso sieht es der Feuerwerks-Experte Janosch Bär. «Die sogenannten Tortenfontänen aus der Kategorie F1 sind bei korrekter Anwendung ungefährlich.»

Janosch Bär
«Bei korrekter Anwendung sind Tortenfontänen ungefährlich», sagt Feuerwerks-Experte Janosch Bär. - akindoffire.ch

Auch er verweist auf die Sicherheitsabstände. «Diese betragen meist einen Meter seitlich, wie auch in Sprührichtung. Wenn die Fontäne auf einer Torte steckt und man die Torte auf einen Tisch stellt, kann beim Abbrand nichts passieren.»

Gefährlich werde es in grossen Menschenmassen oder sehr niedrigen Räumen. Wie in Crans-Montana. Bär wird deutlich: «Dort haben solche Produkte nichts zu suchen.»

Basler Nachtmanager rät zu Wunderkerzen-Verzicht

Für die Schweizer Bar und Club-Kommission ist es wichtig, dass die Katastrophe in Crans-Montana sorgfältig aufgearbeitet werde. Dann würde man sehen, ob Brandschutz-Bestimmungen in der ganzen Schweiz angepasst werden müssten, so Vorstands-Mitglied Alexander Bücheli.

Bereits einen Schritt weiter geht man in Basel, wie Nachtmanager Roy Bula vom Verein Kultur & Gastronomie sagt. «Betrieben, welche ‹Champagner-Wunderkerzen› verwenden oder Pyro-Shows durchführen, empfehlen wir, auf diese zu verzichten.»

Schützengasse-Inhaber Exposito ist der Meinung, dass Betriebe bis zu einem tatsächlichen Verbot selbst entscheiden dürfen. Gleichzeitig finde er es aber wichtig: «Gäste sollen die Möglichkeit haben, klar zu äussern, ob sie Wunderkerzen möchten oder nicht.»

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