Berns Oberster Gewerbler warnt: «Wir werden sukzessive verdrängt»
Peter Steck sieht Fortschritte im Dialog mit der Stadt. Der Berner Gewerbeverband kämpft weiter für faire Rahmenbedingungen und den Wirtschaftsverkehr.

Der Dialog mit der Stadt habe sich zuletzt massiv verbessert, sagt Peter Steck, Präsident des Berner Gewerbeverbands. Man kämpfe weiterhin für faire Rahmenbedingungen – dazu gehöre auch Wirtschaftsverkehr.
BärnerBär: Peter Steck, wie geht es dem Stadtberner Gewerbe im Sommer 2026?
Peter Steck: Recht passabel, würde ich sagen. Insbesondere deshalb, weil wir sehr anpassungsfähig und innovativ sind. Denn die Rahmenbedingungen werden immer anspruchsvoller.
BärnerBär: Was meinen Sie damit genau?
Steck: Steigende Preise, Fachkräftemangel oder die politischen Rahmenbedingungen ganz allgemein. Aber wir sind keine Jammeris, wir verlangen bloss faire Rahmenbedingungen. Eine lebenswerte Stadt ist auf eine starke Wirtschaft angewiesen.
Sie lebt nicht nur von mediterranem Feeling, sondern ebenfalls von Wertschöpfung. Dazu gehört auch der nötige Verkehr.

BärnerBär: Das Verwaltungsgericht hat die Stadt beim Langzeitparkieren in der Unteren Altstadt letzte Woche zurückgepfiffen. Freuen Sie sich über den Entscheid?
Steck: Schade, dass damit das gemeinsam erarbeitete Verkehrskonzept «Wirtschaftsstandort Innenstadt» weiterhin blockiert bleibt. Wir hielten den damaligen Kompromiss für tragfähig.
Gleichzeitig verstehe ich den Unmut der betroffenen Anwohnenden sehr gut: Wer seinen Parkplatz verliert und als Ersatz das deutlich teurere Rathausparking angeboten erhält, fühlt sich verständlicherweise benachteiligt.
BärnerBär: Wo liegt für Sie eigentlich die Schmerzgrenze beim Parkplatzabbau?
Steck: Ich bin nicht per se gegen den Abbau von Parkplätzen. Doch eine Stadt funktioniert nur dann, wenn alle ihre Aufgaben erfüllen können – und dieses Gleichgewicht droht zu kippen. Jede Stadt verändert sich, klar.
Wenn allerdings etliche Parkplätze auf einmal verschwinden, braucht es sinnvolle Alternativen. Wirtschaftsverkehr ist kein Luxus, er ist eine Lebensader und lässt sich nicht auf Randzeiten und Velospuren verschieben.

BärnerBär: Das heisst?
Steck: Mein Credo lautet: Wir kämpfen nicht um wünschbaren Wirtschaftsverkehr, sondern um den nötigen. Lebensmitteltransporte, Baustellen, die Spitex, Pikettdienste … die Liste jener, die auf freie Strassenkapazitäten angewiesen sind, liesse sich beliebig erweitern.
Hinter jedem Kundenparkplatz stehen Menschen und Arbeitsplätze. Aus meiner Sicht stösst die klassische Verkehrsplanung nach und nach an ihre Grenzen.
BärnerBär: Es dauert nicht mehr lange, dann verschwinden rund ums Marzili zahlreiche Parkplätze, etwa jene bei der Dampfzentrale.
Steck: Als Gewerbler sage ich: Es muss Platz für alle haben. Unser Betrieb liegt ganz in der Nähe des Weyerlis. Sie sollten mal sehen, was hier am Wochenende los ist. Viele, gerade Familien, reisen mit dem Auto an, weil sie Sonnenschirme und Spielsachen mitnehmen.
Zu glauben, jeder könne mit dem Bus oder Tram kommen, halte ich für unrealistisch. Schon nur jene, die zum Beispiel in Frauenkappelen wohnen und ins Weyermannshaus wollen, müssen zweimal umsteigen.

BärnerBär: Seit rund eineinhalb Jahren ist Marieke Kruit Berner Stadtpräsidentin. Hat sich mit ihr etwas verändert, für das Gewerbe gar zum Besseren gewendet?
Steck: Der Dialog mit der Stadt hat sich deutlich verbessert. So hat beispielsweise auch der Wirtschaftsverkehr mehr Priorität erhalten.
In der Begleitgruppe dazu sitzen Vertreterinnen und Vertreter aller relevanten Akteure am selben Tisch – von Bernmobil über Verkehrs- bis zu den Wirtschaftsverbänden sowie involvierten Behörden, Polizei und Blaulichtorganisationen. Gemeinsam suchen wir pragmatische Lösungen.
BärnerBär: Es geht also vorwärts?
Steck: Gute Gespräche sind zwar toll, doch sie sind kein Selbstzweck. Wir müssen jetzt über tragfähige Lösungen nachdenken.
Der Respekt untereinander ist definitiv gewachsen, oftmals werden hingegen die langfristigen wirtschaftlichen Konsequenzen zu wenig miteinbezogen. Man plant und stellt erst zu einem späteren Zeitpunkt fest: Das ist suboptimal.
BärnerBär: Sie haben im BärnerBär an der Mitgliederversammlung Ihren Unmut über das neue Amt mit dem Namen «Wirtschaft Stadt Bern» kundgetan. Was genau stört Sie?
Steck: Nun, die Wirtschaft … das sind wir, nicht sie. Sie sind eine Behörde. Die Hauptsache ist für mich aber nicht der Name. Entscheidend ist, dass wir gemeinsam daran arbeiten, damit Gewerbe und Wirtschaft in der Stadt Bern auch künftig erfolgreich wirken können.
BärnerBär: Bern ist schon seit längerem eine Baustellenstadt. Gab es deswegen aus dem einen oder anderen Betrieb eine hässige Rückmeldung?
Steck: Baustellen sind, wenn es um Einschränkungen für unser Gewerbe geht, ein riesiges Thema – genauso wie beispielsweise Demonstrationen.
Wir stehen in intensivem Austausch mit der Stadt und versuchen unser Bestes, um die Baustellenlogistik zu verbessern. Baustellen braucht es selbstverständlich, gleichzeitig verfügen sie über grosses Belastungspotenzial; das liegt in der Natur der Sache.
BärnerBär: Mit der Wirtschaftsnacht wollte Bern im Juni veranschaulichen, was seine Unternehmen leisten. Doch es kam kaum jemand, sprich: Der Anlass war ein Flop.
Steck: Erstens handelte es sich bei der Wirtschaftsnacht um eine Premiere. Dazu erklärten wir von Anfang an, dass wir den Erfolg nicht an der Anzahl Besuchender messen.
Bei der Amag etwa ist man mit dem Resultat sehr zufrieden, sie würde bei der nächsten Ausgabe gerne wieder mit dabei sein.
BärnerBär: Trotzdem: Das geringe Besucherinteresse muss Sie enttäuscht haben.
Steck: Vielleicht gab es die eine oder andere kleine Enttäuschung, wir verzeichneten hingegen kaum eine Reklamation. Wir wollten zeigen, was die Berner Wirtschaft leistet. Das ist uns gelungen. Es besuchten uns zudem mehrere Schulklassen.
PERSÖNLICH
Peter Steck ist 65 Jahre alt und seit 2023 Präsident des Gewerbeverbands KMU Stadt Bern. Er ist zudem Inhaber der Carrosserie Steck, die sein Grossvater gegründet hat und die in der Nähe des Weyermannshauses liegt.
BärnerBär: Was bereitet Ihnen als KMU-Präsident der Stadt am meisten Sorgen: fehlende Kundschaft, fehlende Fachkräfte oder zu viel Bürokratie?
Steck: In der Summe ist es die Erreichbarkeit innerhalb der Stadt. Wir werden sukzessive verdrängt – und ich rede hier weniger vom Auto, sondern von der Kundschaft. Sprich: Wie kommen die Menschen überhaupt noch zu unseren Geschäften?
Kürzlich habe ich gelesen, dass Leute, die an einem Schaufenster vorbeilaufen anstatt vorbeifahren, mehr kaufen. Solche pauschalen Aussagen greifen aus meiner Sicht zu kurz.
Wir denken langfristig: Wie entwickelt sich ein Quartier, was passiert mit den Läden dort? Häufig stelle ich fest: Jede einzelne Vorschrift, die erlassen wird, mag zwar sinnvoll sein, in der Summe sind es allerdings zu viele.
BärnerBär: Wenn Sie dem Berner Gemeinderat für die nächsten zwölf Monate einen Auftrag zugunsten der Berner KMU geben dürften: Welcher wäre es?
Steck: Wenn ich einen Wunsch frei hätte: Nehmt die Wirtschaft mit ins Boot, und zwar von Anfang an. Wir möchten eine Stadt, in der Wohnen, Arbeiten und Wirtschaft gleichermassen Platz haben. Unser Ziel ist eine Verkehrslenkung statt eine Verkehrsverdrängung.








