Birgit Steinegger: «Mit der Zeit nehmen Rollenangebote für Hexen zu»

Andrea Bauer
Andrea Bauer

Bern,

In der BärnerBär-Serie «Erfolgreiche Frauen in Bern» spricht Birgit Steinegger über ihr Leben, ihre Karriere und ihren ungebrochenen Humor.

Birgit Steinegger
Birgit Steinegger im Interview mit dem BärnerBär. - Daniel Zaugg

Noch selten haben wir während eines Interviews so viel gelacht, wie an diesem Donnerstag mit Birgit Steinegger. Denn nicht immer sass sie allein neben mir auf dem Bänkli im Rosengarten.

Manchmal waren auch Elvira Iseli und Frau Schruppatelli, oder gar ehemalige Bundesräte mit dabei. Obwohl auch in Birgit Steineggers Leben nicht nur die Sonne schien, ist die 77-Jährige noch immer genauso fröhlich und positiv, wie man sie aus ihren Comedy-Zeiten kennt.

Auf die Frage, warum sie sich den Rosengarten als Treffpunkt ausgesucht habe, antwortet sie mit einem Lachen:

«Weil ich grad in der Nähe wohne!» um sich dann sofort zu korrigieren: «Nein nein, nicht nur deshalb, sondern einfach, weil es hier so wunderschön ist mit all diesen Blumen! Schaut mal, was da alles blüht! Und erst diese Aussicht! Da hat man doch gleich einen guten Tag, wenn man all das hier geniessen darf!»

Birgit Steinegger
Obwohl auch in Birgit Steineggers Leben nicht nur die Sonne schien, ist die 77-Jährige noch immer genauso fröhlich und positiv, wie man sie aus ihren Comedy-Zeiten kennt. - Daniel Zaugg

Ist das somit ein bisschen ihr Credo, ihr Lebensmotto? «Ja durchaus. Ich bin überzeugt, dass man jedem Tag und jeder Situation etwas Positives abgewinnen kann.»

BärnerBär: Zu Beginn, Birgit Steinegger, wie würden Sie sich in drei Sätzen beschreiben?

Birgit Steinegger: Ich bin eine 77-jährige Halbschwedin, Halbschweizerin. Eine kulturbegeisterte Schauspielerin. Ein interessierter Mensch, der sich bemüht, ein guter Mensch zu sein.

BärnerBär: Sie haben das Alter als ersten Punkt genannt …

Steinegger: Weil es ist, wie es ist. Ich habe kein Problem mit dem Alter, es ist ja schliesslich keine Krankheit. Und auch keine Schande. Aber für Frauen in meinem Beruf ist es definitiv schwieriger als für Männer, da Frauen halt noch immer stärker über ihr Äusseres beurteilt werden.

Während man in jungen Jahren oft als Liebhaberin verpflichtet wird, nehmen mit der Zeit die Rollenangebote für «Hexen» doch deutlich zu! Männer hingegen werden auch in gestandenem Alter noch als Verführer besetzt.

BärnerBär: Sie haben aber nach wie vor Angebote, wie jetzt gerade bei der TV-Produktion «Maloney» oder vor ein paar Jahren sogar für eine Oper in Zürich. Wie kam das?

Steinegger: Ich hab einfach eines Tages einen Anruf bekommen. Zuerst dachte ich, jemand erlaube sich einen Scherz mit mir. Aber es war tatsächlich das Opernhaus Zürich und sie wollten mich erneut als Duchesse de Crakentorp in Gaetano Donizettis Oper «La fille du régiment».

Das ist eine ältere Diva, man könnte sie auch eine «Schreckschraube» nennen, die einen längeren Monolog hält. Eine Rolle, die ich liebe! Und was für ein Geschenk mit Edita Gruberova, oder Sabine Devielhe auf der Bühne zu stehen!

Ich liebe grundsätzlich die Zusammenarbeit mit Musikern. Beispielsweise auch als Sprecherin bei «Peter und der Wolf» oder «l’histoire du soldat». Die Zusammenarbeit mit Philippe Jordan und Muhai Tang bleibt unvergessen. Schon als Fünfjährige erhielt ich im Konsi Bern Geigenunterricht, später kam noch Klavierunterricht hinzu.

BärnerBär: Gehen wir zunächst ganz an den Anfang zurück. Wo sind Sie aufgewachsen?

Steinegger: Bis und mit 1. Klasse in der Berner Länggasse. Dann zog unsere Familie weiter. Ich durfte eine sehr behütete Kindheit erleben. Ich wuchs ausserdem viersprachig auf, mit Bärndütsch, Schwedisch, Dänisch und Italienisch, was aber nicht immer vorteilhaft war.

BärnerBär: Warum?

Steinegger: Nun ja, wenn ich beispielsweise im Laden um die Ecke «eine Tube ‹Senape›» (Ital. ‹Senf›) verlangte und man mich nicht verstand.

Andererseits war es natürlich sehr praktisch, wenn ich mit meiner Mutter beispielsweise im Tram unterwegs war: auf Schwedisch konnten wir uns wunderbar über andere Leute unterhalten. Ich habe die Menschen schon immer geliebt und sie gerne beobachtet.

BärnerBär: Woher dann das Italienische und das Dänische?

Steinegger: Meine Eltern hatten sich während des 2. Weltkriegs in Mailand kennengelernt und zusammen Italienisch gesprochen, da sie die Sprache des andern noch nicht beherrschten.

Und meine Grosseltern lebten lange in Dänemark, jahrelang verbrachten wir die Sommerferien in Skandinavien. Deshalb auch die dänische Sprache. Eine sehr prägende Zeit!

BärnerBär: Inwiefern prägend?

Steinegger: Viele schöne Kindheitserinnerungen aber auch ein sehr einschneidendes Ereignis: Ich erkrankte in Dänemark an Kinderlähmung. Die ganze linke Seite war gelähmt und ich musste alle Bewegungen neu lernen.

Birgit Steinegger
Birgit Steinegger: «Ich bin überzeugt, dass man jedem Tag und jeder Situation etwas Positives abgewinnen kann.» - Daniel Zaugg

Ausser einem ganz minimen Hinken, besonders wenn ich müde bin, verging das Ganze glücklicherweise ohne Folgen. Dadurch bekam ich hingegen schon früh einen etwas anderen Blick auf den Wert des Lebens.

BärnerBär: Was prägte Sie sonst noch in Ihrer Jugend?

Steinegger: Ein weiteres Merkmal für unser Daheim war die Musik. Unser Haus war immer voll davon. Denn meine Mutter war klassische Musikerin, regelmässig gab es auch Hauskonzerte.

Selbst in unserem Garten veranstaltete sie kleine Opernaufführungen und im Keller richtete sie sogar ein kleines Theater ein. Die Bestuhlung dazu hatte sie einem Kino in Bern abgekauft, das geschlossen wurde.

BärnerBär: Ihr Vater war auch Kulturschaffender?

Steinegger: Nein (schmunzelt), er war Ökonom, Patron und Besitzer der Firma Bucher in Burgdorf. Dennoch hat er mich entscheidend geprägt.

Nach dem kulturellen folgte an diesen Abenden der gemütliche Teil und er unterhielt die Leute dann jeweils mit witzigen Reden und Parodien, beispielsweise auf Hitler, Mussolini oder Charly Chaplin. Das hat mich enorm beeindruckt. Und so wuchs in mir der Wunsch, Schauspielerin zu werden.

BärnerBär: Diesen Weg schlugen Sie dann auch schon in jungen Jahren ein?

Steinegger: Ja, nebst Geige und Klavier – ich habe jahrelang in verschiedenen Orchestern mitgewirkt – nahm ich auch Schauspiel-Unterricht hier in Bern, bei Ingeborg Arnoldi und Rudolf Hamacher. Dann bestand ich die Aufnahmeprüfung bei «Lecoq» in Paris.

Das war quasi der Startschuss. Es folgten vier Anfängerjahre am Städtebundtheater Biel-Solothurn, dann viele Jahre im «Atelier-Theater» oder im Stadttheater Bern. Bald kamen Radio und Fernsehen hinzu bis zu meiner eigenen Sendung «Total Birgit».

BärnerBär: Was gefällt Ihnen besser, TV-Studio oder Theaterbühne?

Steinegger: Beides ist fantastisch. Auf der Bühne hat man halt dieses Momentum, dieses Einzigartige, das bei jeder Aufführung wieder ein klein bisschen anders ist. Im TV arbeitet man mit Aufzeichnungen, dort sind Wiederholungen möglich und die Arbeitsweise unterscheidet sich.

Beim Film kann es sein, dass man beispielsweise zuerst den Schluss einer Geschichte umsetzt. Beides hat seinen Reiz.

Gehst du oft ins Theater?

BärnerBär: Was geben Sie jungen Menschen mit, die diesen Berufswunsch haben?

Steinegger: In der Schweiz ist das nicht ganz einfach. Gerade in der heutigen Zeit mit Social Media und den Veränderungen durch KI. Ich würde jedem ans Herz legen, sich noch ein zweites Standbein aufzubauen.

Als Kindergartenlehrperson konnte ich immer wieder unterrichten, wenn die Angebote auf sich warten liessen. Ich erinnere mich sehr gerne an meine Klassen in Ostermundigen!

BärnerBär: Was fasziniert Sie an der Schauspielerei am meisten?

Steinegger: Ich liebe es, in andere Charaktere einzutauchen – bei «Total Birgit» waren es über 100 verschiedene Figuren. Darunter auch Männer. Das ist übrigens nicht ganz einfach. Während ein Mann sich einfach Netzstrümpfe, ein Röckli und hohe Schuhe anziehen kann und dadurch sofort lustig wirkt, ist das umgekehrt nicht der Fall.

Einfach breit da sitzen reicht da längst noch nicht und ist auch nicht a priori lustig. Aber meines Erachtens ist es grundsätzlich einfacher, die Leute zum Weinen, als zum Lachen zu bringen: Alle wissen, was lustig ist, aber alle wissen etwas anderes …

BärnerBär: Zurzeit gibt es immer wieder grosse Diskussionen um die «kulturelle Aneignung» …

Steinegger: Gerade Satire lebt ja oft vom Parodieren und dass man spezielle Charakterzüge hervorhebt, sodass alle verstehen, worauf angespielt wird. Und, um jemanden parodieren zu können, muss man ihn sehr lange beobachten und ihn auch, zumindest ein bisschen, gernhaben.

Ich habe jeweils sehr viele Briefe meiner «Opfer» bekommen, bis hin zu Bundesräten, die ich parodiert habe. Und die meisten haben sich darüber gefreut und sich bedankt. (Wechselt in eine Aussprache mit französischem Akzent, ändert die Stimmlage und sofort erkenne ich sie: alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey!) «Voilà, meine Schwerpunkt ist das Harmonie in die Bundesrat!».

Mir war es denn auch immer ein grosses Anliegen, liebevoll und nie verletzend zu sein.

BärnerBär: Von Ihrer Sendung «Total Birgit», die von 1998 bis 2015 auf SRF zu sehen war, hat meine Familie kaum eine Folge verpasst. «Frau Iseli» hat meine Tochter quasi durch ihre Kindheit und Jugend begleitet. Welche der Figuren mochten Sie selbst am liebsten?

Steinegger: Wohl schon Frau Iseli und Frau Schruppatelli. Bei all meinen Figuren kam mir meine Liebe für verschiedene Dialekte, meine Vielsprachigkeit und auch meine Musikalität zugute.

Man braucht ein sehr gutes Ohr, um all die Nuancen beim Sprechen herauszuhören. (Sie wechselt ins typisch Italienisch-Deutsche von Frau Schruppatelli) «Si si, muesche guete lose, du!»

BärnerBär: Elvira Iseli ist bekannt für ihre bodenständige, direkte Art und ihre chaotischen bis erfolgreichen Lösungsansätze. Wie ähnlich ist Birgit Steinegger Frau Iseli?

Steinegger: Sie hat schon sehr viel von mir, ich bin auch ein Mensch, der jeweils nach pragmatischen Lösungen sucht. Aber als Frau Iseli getraue ich mich viel mehr, bin viel frecher.

Steinegger
Birgit Steinegger: «Satire lebt davon, dass man spezielle Charakterzüge hervorhebt, sodass alle verstehen, worauf angespielt wird.» - Daniel Zaugg

So wäre ich als Birgit nie. Und gerade das ist so faszinierend an diesem Beruf. Dass man dank einer Rolle anders sein kann und spüren darf, wie sich das anfühlt.

BärnerBär: KI, Sie haben es vorhin angesprochen, hält ja in allen Berufen Einzug. Auch im TV… bereitet Ihnen das Sorgen?

Steinegger: KI kann Schauspieler auf der Bühne meiner Meinung nach nicht ersetzen. Man will im Theater doch Menschen sehen, spüren und riechen. Im Film vielleicht noch eher: Hier könnte aber dadurch vielleicht etwas Herzlichkeit und Menschlichkeit verloren gehen …

BärnerBär: Wenn wir schon bei aktuellen Entwicklungen sind. Wie beurteilen Sie das aktuelle Weltgeschehen?

Steinegger: Weltpolitik beschäftigt mich sehr. Ich bin ein Nachkriegskind und ich wollte immer schon wissen, was geht. Einfach nicht hinschauen ist für mich keine Option.

Aber ich bin sehr dankbar, dass ich hier in der Schweiz sein darf. Ich empfinde das als grosses Privileg. Und versuche einfach in meinem Umfeld, ein guter Mensch zu sein.

BärnerBär: Was denken Sie, wäre die Welt eine Bessere, wenn mehr Frauen regieren würden?

Steinegger: Hm (überlegt), schwierige Frage. Frauen sind ja nicht einfach grundsätzlich und per se bessere Menschen. Mit Bestimmtheit herrscht ein bedauerliches Ungleichgewicht vor. Macht macht viel mit einem Menschen, egal ob Mann oder Frau, das darf man niemals unterschätzen.

BärnerBär: Sie setzen sich beispielsweise in einem privaten Projekt für ein besseres Älterwerden ein. Warum und wie?

Steinegger: «Das Schlimmste am Älterwerden ist nicht, was man auf dem Weg dorthin alles verliert, sondern, mit wem man am Schluss noch zurückbleibt», hat es Marcus Signer als Detektiv Maloney in der Folge «Feierabend» sehr gut formuliert.

Wichtig ist doch, dass man so lange wie möglich daheimbleiben kann. Mit seinen Erinnerungen, Gewohnheiten und umgeben von lieben Menschen. Dort setzt unser Projekt an:

Leute zusammenbringen, ein feines Essen, ein Gespräch, ein Spaziergang, Hilfe im Alltag, viel Herz und Nähe. Sodass Älterwerden nicht nur mehr Sinn, sondern auch mehr Freude bereitet. So sieht unser Projekt aus.

BärnerBär: Was tun Sie sonst für sich gerne?

Steinegger: Ich bin, wie erwähnt, ein kulturbegeisterter Mensch. Und Bern hat diesbezüglich so viel zu bieten. Grossartige Ausstellungen, viele spannende Theater, Filme und Konzerte. Auch bin ich sehr sportbegeistert und spiele mit grosser Leidenschaft Golf.

Aber auch einfach ein gutes Buch unter einem Baum sitzend zu lesen und das Vogelgezwitscher zu hören – was gibt es Schöneres?

INFO

Serie: Erfolgreiche Frauen in Bern

In dieser Serie spricht der BärnerBär mit bekannten Frauen in Bern und will herausfinden, welche Menschen sich hinter den prominenten Namen verbergen, was ihnen wichtig ist, wer sie prägte und wie sie zu dem wurden, was sie heute sind.

Weitere Interviews aus dieser Serie mit Marieke Kruit, Manuela AngstImke WübbenhorstNicole Loeb und Livia Anne Richard.

BärnerBär: Zum Schluss die obligate Frage nach der Superkraft?

Steinegger: Ich hätte gerne die Superpower, um den Kriegstreibern auf dieser Welt ein für alle Mal zu sagen: hört auf! (wechselt in den typischen Duktus von Frau Iseli) «Anstatt d ’Chriegstrumele z ’rüehre, würde sie gschieder d’Friedenstube lah flüge! Die sölle die Chriegsbieli ändlech begrabe, oder zmingscht öppis gschieders mache mit dene Bieli. Zum Bischpiu Holz hacke. Siiicher!»

Und damit endet unser Gespräch ebenso fröhlich, wie es begonnen hatte. Oder um es mit einem Zitat von Charles Dickens zu sagen: «Gibt es schliesslich eine bessere Form, mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?»

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