WC-Papier im Archiv – «lire, rire, sourire»
In der Burgerbibliothek wird WC-Papier aus dem Nachlass von Rudolf Mumprecht als Kunstobjekt aufbewahrt – ein ungewöhnliches Zeugnis zwischen Kunst und Politik.

Nein, WC-Papier ist normalerweise nicht archivwürdig. In wenigen Ausnahmefällen allerdings schon, insbesondere, wenn das Papier zum unvergesslichen Manifest wird.
Tatsächlich befindet sich in den Sammlungen der Burgerbibliothek eine Rolle WC-Papier. Diese wird wie für Archivalien üblich in säurefreiem Karton sicher aufbewahrt und ist im Katalog fein säuberlich verzeichnet.
Zu finden ist sie im Nachlass des bekannten Berner Zeichners und Malers Rudolf Mumprecht (1918-2019). Bekannt ist Rudolf Mumprecht vor allem für seine Sprach- und Schriftbilder. Seine Werke hängen in Museen, vielen privaten Sammlungen und sind ein hintergründiger Blickfang in mehreren Berner Verwaltungsgebäuden.
Dass Kunst nicht nur eine Geschmackssache, sondern zuweilen auch eine politische Ansichtssache ist, zeigt ein Eklat, der Ende 1980 die Berner Politik und Kunstschaffenden beschäftigte. Im Dezember 1980 hatte die Städtische Kunstkommission dem Gemeinderat den Ankauf von Mumprechts «Hommage à Gotthelf» für 20'000 Franken vorgeschlagen.

Das Schrift-Bild thematisierte Gotthelfs Vorwort im «Bauernspiegel» von 1837, eine sozialkritische Abrechnung mit dem Verdingwesen. Der Gemeinderat lehnte den Ankauf wider Erwarten und trotz vielseitiger Empfehlungen aus Fachkreisen ab – ohne Begründung.
Mumprecht war enttäuscht, reagierte aber souverän: mit einem Geschenk des gleichen Textes und einem bitter-ironischen Brief an den Gemeinderat. Der Kunstkommission hingegen dankte er mit einer WC-Papierrolle, schliesslich sei sie vom Gemeinderat «verschissen» worden. Diese Reaktion hätte Gotthelf, den man lange Zeit als «Kuhfladenschriftsteller» verschrien hatte, sicher gefreut.








