«Menschen suchen wieder stärker nach Heimat und Verbundenheit»

In der Serie «Gelebtes Brauchtum» besucht der BärnerBär die Trachtenschneiderei Gantrisch in Riggisberg. Romina Spahni verbindet dort Tradition mit Gegenwart.

Romina Spahni zeigt uns ihr Prüfungsstück, eine Gotthelftracht.
Romina Spahni zeigt uns ihr Prüfungsstück, eine Gotthelftracht. - Daniel Zaugg

Zwischen sanften Hügeln und gepflegten Häusern wirkt Riggisberg wie ein Ort, an dem die Zeit langsamer läuft. Und doch entsteht hier etwas, das alles andere als rückwärtsgewandt ist:

In der Trachtenschneiderei Gantrisch übernimmt mit Romina Spahni eine junge Schneiderin die Nadel und zeigt, wie viel Gegenwart in einem Kleidungsstück stecken kann, das seit Jahrhunderten Geschichten erzählt.

Riggisberg, so heisst es auf deren Webseite, sei eine «Naturparkgemeinde im Herzen des Gantrischgebietes. Ein Ort zum Wohnen, zum Arbeiten, zum Geniessen.» Wer durch das Dorf spaziert, spürt, was damit gemeint ist: gepflegte Häuser, sanfte Hügel am Horizont und eine angenehme Ruhe, die Beständigkeit ausstrahlt.

Mitten im Dorf finden wir die Schneiderei Gantrisch. Sie hat nichts mit einem angestaubten Atelier mit Spitzenvorhängen und vergilbten Schnittmustern zu tun, sondern ist ein heller, liebevoll eingerichteter Laden. Rechts hängen ordentlich aufgereiht Berner Trachten für Frauen und für Männer, bei Letzteren «Berner Mutz» genannt.

Trachtenschneiderei
In der Trachtenschneiderei Gantrisch übernimmt mit Romina Spahni eine junge Schneiderin die Nadel. - Daniel Zaugg

Links findet sich eine grosse Auswahl unterschiedlichster Vorhangstoffe. Und hinter dem Ladentisch steht nicht etwa eine ältere Dame, sondern eine junge Frau: Romina Spahni, die ihre Ausbildung eben erst abgeschlossen und die Schneiderei im Oktober 2025 eröffnet hat.

Gemeinsam mit ihrer Mutter, gelernte Innendekorateurin, die sich auf das Nähen von Vorhängen und Taschen spezialisiert hat, führt sie das Geschäft. Lebendige Tradition mit einer neuen Generation am Werk.

Eine Vielfalt, die Geschichte erzählt

Über 700 verschiedene Trachtenarten gibt es in der Schweiz. Diese erstaunliche Zahl erklärt sich aus der kleinteiligen Geschichte des Landes: In jedem Kanton, oft sogar von Dorf zu Dorf, unterschieden sich Stoffe, Schnitte und Farben.

«Im Kanton Bern allein existieren mehr als 70 Varianten», erklärt uns Romina Spahni. Während sie spricht, fährt sie mit der Hand über einen dunkelblauen Wollstoff. «Im Oberland sind die Stoffe wärmer, robuster», sagt sie.

«Im Mittelland feiner und heller.» Man sieht förmlich die Landschaften vor sich, eingenäht in Farben und Falten. Geprägt vom Klima, der Lebensweise und den wirtschaftlichen Möglichkeiten.

«Inzwischen haben sich vor allem die Gotthelf- und die Sonntagstracht als die Beliebtesten durchgesetzt», erklärt sie und nimmt eine solche vom Bügel. Es sind auch jene zwei Modelle, die sie am häufigsten neu anfertigt. Und zwar vermehrt auch für sehr junge Kundschaft.

Konfirmation statt Kaffeekränzchen

Wer Trachten ausschliesslich mit älteren Generationen verbindet, liegt falsch. Romina Spahnis Kundschaft wird nämlich zunehmend jünger. «Diese Tracht hier nähe ich für eine Konfirmandin. Sie wünscht sich diese als Geschenk von der ganzen Familie.»

Vorsichtig zeigt sie uns den dafür vorgesehenen Stoff und das bereits in den Grundzügen genähte Mieder. Es habe allerdings eine Zeit gegeben, so gegen Ende der 1980er-Jahre, da hätten viele Menschen ihre Trachten weggegeben, da sie diese Tradition für überholt hielten.

Ist dir der Erhalt der Trachtentradition wichtig?

Nun aber kehre das Interesse zurück. Sie vermutet: «In einer Zeit, in der vieles schnelllebig und global ist, suchen Menschen wieder stärker nach Heimat und Verbundenheit.» Eine Tracht sei ein sichtbares Zeichen regionaler Identität. Fast wie eine Fahne, die man mit Stolz trage.

Vom Töfflimech zur Trachtenschneiderin

Dass sie selbst einmal Trachten nähen würde, war keineswegs geplant. Zwar stammt Romina Spahni aus einer Näh- und Trachtenfamilie und trug sogar schon an ihrer Taufe eine Tracht, dem Nähen generell war sie aber nicht besonders zugetan.

«Ich fand es immer sehr langweilig, den ganzen Tag Vorhänge und gerade Nähte zu nähen, wie das meine Mutter machte. Ich wollte lieber etwas Cooles tun. Töfflimech war mein Traumberuf!»

Als es dann aber um einen Wochenplatz ging, war in dieser Branche nichts frei. Dafür aber in der Trachtenschneiderei in Blumenstein.

«Dann geh ich halt dort hin», dachte sich Romina Spahni und entdeckte zu ihrer Überraschung eine äusserst faszinierende Welt, die sie nicht mehr loslassen sollte. «Zum ersten Mal sah ich, was man mit Nadel und Faden sonst noch alles machen kann. Und war total begeistert!»

Fast ausschliesslich von Hand genäht

Tatsächlich wird eine Tracht auch heute noch zu 90 Prozent von Hand genäht. Nur etwa eine halbe Stunde täglich sitzt Romina Spahni an der Nähmaschine. Als wir sie besuchen, ist sie daran, in einem Mieder die Metallstäbe einzunähen.

«Früher waren diese aus Fischgräten und wurden mit der Zeit spröde und brüchig. Mit Metall passiert das heute nicht mehr.» Das Mieder, Mittelpunkt der Tracht, ist denn auch das aufwändigste Stück. «Dafür brauche ich rund drei Tage.»

Wenig erstaunlich, wenn man die exakte und sorgfältige Handarbeit betrachtet. Zwei weitere Tage benötigt die Schneiderin für Rock, Unterrock, Schürze und Bluse. Auch die Stickerei auf der Bluse wird von Hand angebracht. In einer einzigen Tracht steckt also rund eine Woche Arbeit, akkurate Handarbeit, um genau zu sein.

Die aufwändigen Accessoires wie z.B. die Haube und das Gärndli sind in dieser Zeit noch nicht eingerechnet. Im Regal neben der Nähmaschine befinden sich viele wertvolle Bücher und Ordner gefüllt mit Fachwissen, Schnitten und historischen Details. Gerne blättert Romina Spahni in den traditionsreichen «Heierli-Büchern» wo es immer wieder Neues zu entdecken gibt.

Zwei Jahre dauerte die Weiterbildung zur Trachtenschneiderin, zusätzlich zu den drei Ausbildungsjahren zur Bekleidungsgestalterin. Ich zeige ihr eine Fotografie aus dem Jahre 1940, das von meinen Grosseltern an ihrem Hochzeitstag aufgenommen wurde.

«Oh wie schön!», Romina Spahni guckt genau hin: «Dein Grossmami trägt die Brauttracht auch Hochzeits-Tschöpli genannt, was man am langärmligen Mieder, das aus derselben Damastseide wie die Schürze gefertigt ist, gut erkennt», sagt sie mit einem Lächeln.

Ganz in ihrem Element, fährt sie fort: «Die Herkunft einer Tracht erkennt man übrigens auch am ‹Fäckli›, das ist dieser Teil hier», und damit deutet sie auf den hinteren Teil der Tracht unterhalb des Oberteils.

«Je nach Region wird dieses anders gefaltet, genäht oder verziert. Bei der Berner Festtagstracht besteht es aus Samt. In der Mitte sind schwarze Knöpfe angebracht. Früher zeigte ihre Anzahl, wie viele Kinder eine Frau hatte. Heute näht man meist drei oder fünf an.»

Das Mieder ist Mittelpunkt und aufwändigstes Teil einer Tracht.
Das Mieder ist Mittelpunkt und aufwändigstes Teil einer Tracht. - Daniel Zaugg

Sodass die Tradition gewahrt wird, ohne aber ein Code zu sein. Die Schürzen bestehen meist aus farbiger Damastseide oder Changeant-Taftseide. Auch an ihnen lasse sich meist die jeweilige Region erkennen.

Von bäuerlicher Kleidung zum Identitätssymbol

Die Tracht ist denn auch kein erfundenes Folklorekonstrukt. Sie entwickelte sich über Jahrhunderte aus der bäuerlichen Alltagskleidung des 17. und 18. Jahrhunderts. Aus Wolle, Leinen und später Seide sei sie stets ein sichtbares

Zeichen des sozialen Standes gewesen. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert verschwand dann die traditionelle Kleidung aus dem Alltag. Gleichzeitig erwachte das Bedürfnis der Menschen nach Heimat und Identität neu.

Nach der Gründung des Bundesstaates 1848 und in der Zeit der Romantik begann man, Trachten bewusst zu pflegen. Typische Elemente wurden vereinheitlicht, regionale Unterschiede bewahrt und Vereine gegründet. 1926 entstand der Schweizerische Trachtenverband.

In den folgenden Jahrzehnten wurden Stoffe, Farben, Schmuck und Kopfbedeckungen verbindlich festgelegt. Was früher Alltagskleidung gewesen war, wurde zur bewusst gepflegten Festtagstracht.

Im Kanton Bern allein existieren mehr als 70 Varianten der Tracht.
Im Kanton Bern allein existieren mehr als 70 Varianten der Tracht. - Daniel Zaugg

«Man wollte die regionalen Eigenheiten bewahren und gleichzeitig Ordnung schaffen», sagt Romina Spahni. Seither steht die Tracht nicht nur für Herkunft, sondern auch für ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis.

Sorgfalt statt Schnelllebigkeit

Was Romina Spahni an ihrem Beruf ganz besonders liebt, ist die Wertigkeit. Eine Tracht wird nicht für eine Saison gekauft. Sie wird über Generationen weitergegeben. «Und die Freude der Menschen, wenn sie ihre Tracht das erste Mal anprobieren, das ist für mich der schönste Moment!»

Wie aber stellt sie sicher, dass die Tracht immer wieder angepasst werden kann? Menschen verändern sich ja im Laufe der Zeit. «Es wird immer viel Nahtzugabe eingeplant, damit man das Kleidungsstück verlängern oder auslassen kann.»

Obwohl sie bereits an ihrer zweiten neuen Tracht in diesem Jahr arbeitet, sind insbesondere Anpassungen, Reparaturen und Änderungen Hauptbestandteil von Romina Spahnis Alltag. Wer für einen besonderen Anlass wie eine spezielle 1. August-Feier, ein Schwing-, Jodleroder sonst ein Volksfest gerne eine Tracht tragen würde, kann eine solche hier auch mieten.

«Ich habe eine grosse Auswahl an Miet-Trachten, sodass für jede Grösse etwas dabei ist», bestätigt die Schneiderin.

Lebendige Tradition

Sie selbst mag insbesondere die Müngertracht, weil diese «so schön farbig ist». 1928 wurde sie von Kunstmaler Rudolf Münger neugestaltet. Das Schnabelmieder hat einen leicht gewölbten Ausschnitt, das sogenannte «Zackenfäckli» ist aus geblümtem Samt, Vorderteil und Göller sind aus handbestickter Seide gefertigt, eingefasst mit schwarzem Samtband.

Der filigrane Silberschmuck fällt feiner und zarter aus als bei der schwarzen Berner Tracht. Die Müngertracht gibt es ausserdem in vier verschiedenen Farben und wird auch die neue farbige Berner Sonntagstracht genannt. Es sind diese Details, die zeigen, wie lebendig Tradition sein kann.

INFO

Serie: Gelebtes Brauchtum

Der BärnerBär wandelt auf den Spuren von verschiedenen Berner Traditionen und besucht Menschen, die sich aktiv damit beschäftigen.

Als wir gehen, beugt sich Romina Spahni wieder über das auf dem Nähtisch liegende Mieder. Stich für Stich verbindet sie Stoff mit Geschichte. Draussen liegt Riggisberg still in der Nachmittagssonne. Drinnen entsteht Zukunft: aus Samt, Seide und viel Geduld.

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