Stadtpräsidentin Kruit: «Kritik an meiner Politik völlig in Ordnung»
In der Serie «Erfolgreiche Frauen in Bern» spricht der BärnerBär mit Stadtpräsidentin Marieke Kruit (SP). Sie erzählt von Herkunft, Haltung und Verantwortung.

Wir treffen Berns Stadtpräsidentin Marieke Kruit (SP) an der Bushaltestelle ZPK und spazieren Richtung Schosshaldenwäldli. Der Weg führt am Schosshaldenfriedhof vorbei, an stillen Gräbern und verborgenen Geschichten.
«Ich bin sehr gerne hier», sagt Kruit, während wir weitergehen. Wenig später meldet sich aus einem Gehege ein Esel lautstark zu Wort. Wir lachen beide. «Ist es nicht grossartig, wie nah man hier an der Stadt ist und gleichzeitig sofort im Wald? Das liebe ich so sehr an Bern.»
Schliesslich setzen wir uns auf ein Bänkli. «Leider keines von unserem neuen Modell», sagt Marieke Kruit schmunzelnd. Denn Bern hat eigene Sitzbänke entwickelt, die etwas höher sind, damit sich ältere Menschen leichter setzen und wieder aufstehen können.
Auch für Sehbehinderte seien sie besser nutzbar. Es ist ein kleines Detail. Aber eines, das viel über die Stadtpräsidentin verrät: Genau hinschauen, praktisch denken, Dinge verbessern.

BärnerBär: Frau Kruit, wie würden Sie sich selbst beschreiben?
Marieke Kruit: Ich bin ein gradliniger Mensch, anpackend, und ich liebe es, Dinge umzusetzen. Ich bin immer pünktlich, weil ich finde, man sollte anderen Menschen nicht ihre Zeit stehlen. Und ich interessiere mich sehr für Menschen: ich höre gerne zu.
BärnerBär: Und wenn gerade einmal kein Termin ansteht?
Kruit: In meiner Freizeit koche ich extrem gerne. Jetzt aktuell zum Beispiel gerade mit Berner Spargeln. Auch mag ich holländische Gerichte, aber manchmal darf es auch einfach ein Burger sein.
BärnerBär: Holländische Gerichte, sind diese auf Ihre Wurzeln zurückzuführen?
Kruit: Ja, vermutlich (lacht). Meine Eltern kommen ursprünglich aus den Niederlanden. Ich bin zwar hier geboren, wurde aber erst mit zwölf eingebürgert. Ich bin im Berner Oberland aufgewachsen, wo meine Eltern ein einfaches Hotel mit Restaurant führten.
BärnerBär: Ah, von daher kommt die Freude am Kochen?
Kruit: Uh nein, eher weniger (lacht)! Früher habe ich gar nicht gern gekocht. Wir haben als Familie immer in der Küche gegessen, und dort war jeweils alles etwas hektisch. Diese grossen Töpfe, diese riesige Küche, das war nie wirklich meine Welt.
Mein Vater war Koch, mein Bruder auch. Da dachte ich: Das muss ich also nicht auch noch machen! Die Freude daran kam dann erst viel später.
BärnerBär: Ihr Berufsweg war dann auch nicht von Beginn weg politisch.
Kruit: Nein, nicht direkt. Ich habe zuerst im Tourismusbüro in Schönried die KV-Lehre gemacht und in Tourismusbetrieben gearbeitet. Danach war ich bei Radio Beo in Interlaken, machte in Bern das Halbtagsgymnasium und die eidgenössische Matura mit Schwerpunkt Wirtschaft.
Später arbeitete ich bei «Extra Bern» und bei TeleBärn, parallel dazu studierte ich Psychologie und wurde schliesslich auch Psychotherapeutin.
BärnerBär: Das ist eine spannende Mischung: Medien, Wirtschaft, Psychologie, Politik. Was hat Sie an der Politik gereizt?
Kruit: Politik hat mich eigentlich schon immer interessiert. Bei der SP bin ich, weil diese Partei meine Werte am besten vertritt: soziale Gerechtigkeit, gute Bildung, faire Arbeitsbedingungen.

Ich bin aber nicht in jedem Punkt immer gleicher Meinung und genau das finde ich gut. Politik lebt vom Diskutieren, vom Dialog und manchmal auch davon, für ein Anliegen zu kämpfen. Man muss zudem unbedingt andere Meinungen aushalten können.
BärnerBär: Ist das schwieriger geworden?
Kruit: Ja, ich habe schon den Eindruck, dass vieles emotionaler geworden ist. Menschen nehmen sehr schnell viel persönlich. Und wenn man sehr emotional ist, wird rationales Denken schwieriger. Das ist selten hilfreich.
BärnerBär: Spricht da jetzt die Psychologin?
Kruit: Absolut. Ich habe in diesem Beruf gelernt, dass es nicht immer sofort eine Lösung geben kann. Zuerst muss man ein Problem von Grund auf verstehen.
Dazu gehört, dass man gut zuhören kann und nicht gleich mit einem Vorschlag reingrätscht. Das hilft mir im politischen Alltag.
BärnerBär: Wo ist Ihnen die psychologische Ausbildung sonst noch dienlich?
Kruit: Ich habe insbesondere gelernt, einen kühlen Kopf zu bewahren und Dinge besser zu analysieren. Und was mir besonders hilft, ist so etwas wie die radikale Akzeptanz: ich engagiere mich gerne in der Sache.
In Dinge, die man aber schlicht nicht verändern kann, sollte man keine Energie investieren. Daran versuche ich mich konsequent zu halten.
BärnerBär: Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Kruit: Mit viel Vertrauen. Ich interessiere mich sehr für die Arbeit meiner Mitarbeitenden, ohne alles kontrollieren zu müssen. Ich möchte wertschätzend führen. Und mir ist wichtig, dass Menschen sagen, wenn sie etwas anders sehen. Ich schätze es, wenn sie kritisch sind und sich einbringen.
BärnerBär: Sie stehen als Stadtpräsidentin stark im Fokus. Wie gehen Sie mit Kritik um?
Kruit: Kritik an meiner Politik ist völlig in Ordnung, das gehört dazu und damit habe ich auch kein Problem. Kritik an meiner Person habe ich bisher kaum erlebt.
BärnerBär: Sie werden aber, nehme ich an, schon sehr oft erkannt in Bern?
Kruit: Ja, doch, häufig. Aber meistens sind diese Begegnungen sehr freundlich. Manchmal werde ich im Bus angesprochen, so wie vorhin auch grad wieder. Da wollte eine Dame wissen, ob man eigentlich in der Stadt Hühner halten dürfe.
BärnerBär: Und? Darf man?
Kruit: Ich hatte aus dem Stand keine Ahnung (lacht)! Aber sie hat mir ihre Koordinaten gegeben. Ich werde mich nachher schlaumachen und sie wird eine Antwort erhalten.
BärnerBär: Das stört Sie nicht?
Kruit: Nein, überhaupt nicht. Ich finde das eher schön. Und ich habs ja selbst schon gemacht (schmunzelt).
Ich erinnere mich an einen Anlass, an welchem ich Migros-Präsidentin Ursula Nold getroffen und sie während unseres Gesprächs effektiv nach meiner Lieblingsglacé gefragt habe, die ich plötzlich nicht mehr im Sortiment finde! Das war mir so rausgerutscht und etwas peinlich im Nachhinein. Aber sie nahm es mit Humor!
BärnerBär: Sie sind die erste Stadtpräsidentin von Bern. Was bedeutet Ihnen das?
Kruit: Die Wahl war schon ein sehr eindrücklicher Moment: voller Freude, aber auch voller Respekt. Lustig war, als sich das Historische Museum meldete und eines meiner Wahlplakate für ihre Sammlung haben wollte.
Da wurde mir so richtig bewusst: Jetzt werde ich tatsächlich Teil der Berner Stadtgeschichte. Das war schon sehr ergreifend.
BärnerBär: Apropos Wahlplakate: Wie finden Sie es, wenn diese verunstaltet werden?
Kruit: Ich finde das höchst bedauerlich. In einer Demokratie gehört es dazu, andere Ansichten auszuhalten, auch wenn man sie nicht teilt. Meinungsfreiheit und Toleranz sind keine Selbstverständlichkeit, sondern Werte, die wir aktiv schützen müssen.

BärnerBär: Was ist anders geworden mit Ihnen als Frau im Stadtpräsidium?
Kruit: Ich glaube weniger, dass es am Geschlecht liegt, sondern eher an Erfahrung und persönlicher Geschichte. In meiner ersten Führungsposition im Gesundheitswesen war ich noch etwas unsicherer und dachte, ich müsse alles kontrollieren.
Heute bin ich viel entspannter. Generell würde ich sagen, dass die Hierarchien flacher geworden sind. Man arbeitet stärker im Team, zusammen mit Fachleuten, und dadurch gibt es auch mehr Durchmischung. Eine durch und durch positive Entwicklung, von der alle profitieren können.
BärnerBär: Hinter erfolgreichen Männern, so sagt der Volksmund, stünden oft starke Frauen. Gilt das umgekehrt genauso?
Kruit: Bei mir trifft das sicher zu. Mein Mann ist mein grosser Rückhalt. Ich bekomme von ihm, und überhaupt von meiner ganzen Familie und meinem engen Freundeskreis, enorme Unterstützung.
Das ist extrem wichtig. Zudem achte ich bewusst darauf, dass ich mir Zeit nur für mich nehme. Da gehe ich dann ins Fitness oder spaziere hier mit dem Hund unserer Freunde durch den Wald. Das ist enorm wertvoll für mich.
BärnerBär: Haben Sie ein persönliches Credo für volle Tage mit vollen Agenden?
Kruit: Ja, in solchen Situationen versuche ich jeweils: Mich auf das Wesentliche beschränken, durchatmen und weitermachen.
BärnerBär: Was wollten Sie eigentlich als Kind werden?
Kruit: Ich wollte Radiomoderatorin werden! Zusammen mit meiner Freundin haben wir – damals noch – Kassetten mit «Sendungen» von uns aufgenommen. Ich habe dann mit sehr viel Freude beim Radio gearbeitet.
Später im Stadtrat wurde mir bewusst, wie viel Freude mir die Politik macht. Und obwohl das Parlament spannend war, hatte ich mehr Interesse an der Exekutive. Mich faszinierte das Umsetzen, das Ausführen, das konkrete Gestalten.
BärnerBär: Somit ist Ihr heutiger Job wohl ziemlich nah an einem Traumjob?
Kruit: Ja, das ist er tatsächlich. Ich habe ein super Team, und die Themen sind spannend: Stadtplanung, Hochbau, Wirtschaft, Kultur, der Austausch mit anderen Städten. Es ist unglaublich vielfältig. Und ich lerne ständig neue Menschen kennen, was ich total bereichernd finde.
BärnerBär: Was beschäftigt Sie derzeit besonders?
Kruit: Kurzfristig freue ich mich auf die Wirtschaftsnacht hier im Galgenfeld, die im Juni stattfinden wird. Und dann natürlich auf die grossen Geschäfte: Ausserholligen zum Beispiel, wo ein komplett neues Stück Stadt entsteht. Oder auf die Entwicklungen im ESP Wankdorf.
Mich interessiert dabei immer die Frage: Wie schaffen wir eine durchlässige Stadt, in der Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Ausbildung gut zusammenspielen?
BärnerBär: Sie haben es angesprochen, Bern wächst. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Kruit: Ich denke, es ist wichtig, dass man nicht Wachstum auf Teufel komm raus fördert, sondern darauf achtet, dass die Stadt mit Qualitäten wächst. Zum Beispiel an den richtigen Orten, mit sozialräumlichen und ökologischen Infrastrukturen.

Mir geht es um eine Stadt, die lebenswert bleibt. Gleichzeitig ist das natürlich eine grosse Herausforderung: soziale Brennpunkte, Infrastruktur für immer mehr Menschen, unterschiedliche Bedürfnisse auf engem Raum. Es gibt viel zu tun.
BärnerBär: Erschwerend dürfte dazukommen, dass wir in eher unsicheren Zeiten leben. Vieles ist ungewiss. Wie gehen Sie damit um?
Kruit: Es ist aktuell eine sehr belastende Zeit, und wir spüren deutlich die Ängste in der Bevölkerung. Die Gefahr ist gross, dass Menschen in solchen Zeiten in starren Mustern verharren oder sich abgrenzen. Das kann aber nicht der Weg sein.
Für uns als Stadt ist wichtig, dass wir nach wie vor keine Ausgrenzung, keinen Antisemitismus und keine Diskriminierung tolerieren. Wir brauchen umso mehr Dialog.
Die Sozialen Medien gaukeln das zwar vor, schaffen aber oft nur Bubbles, in denen Unwahrheiten plötzlich zu Wahrheiten werden. Das ist sehr gefährlich und hier gilt es, mit gezielter Information Gegensteuer zu geben.
Info zur Serie «Erfolgreiche Frauen in Bern»
In dieser Serie spricht der BärnerBär mit bekannten Frauen in Bern und will herausfinden, welche Menschen sich hinter den prominenten Namen verbergen, was ihnen wichtig ist, wer sie prägte und wie sie zu dem wurden, was sie heute sind.
Weitere Interviews aus dieser Serie mit Manuela Angst, Imke Wübbenhorst, Nicole Loeb und Livia Anne Richard.
BärnerBär: Was heisst das konkret für die Demokratie?
Kruit: Da wären wir wieder bei der Plakatdiskussion: Wir müssen die Demokratie aktiv und fortwährend pflegen.
Denn Freiheit, demokratische Prozesse, Föderalismus – all das ist nicht einfach da. Es muss immer wieder erkämpft werden. Mit Gesprächen, Auseinandersetzungen und sehr viel Geduld. Das ist anstrengend, aber unendlich wertvoll.
Ich kann in diesem Zusammenhang übrigens die Ausstellung «Macht und Heimat. Föderalismus in der Schweiz und anderswo.» im Politforum Bern sehr empfehlen.
BärnerBär: Zum Schluss: Wenn Sie eine Superkraft hätten, welche wäre das?
Kruit: Teleportieren! Das würde die Wege zwischen meinen vielen Terminen enorm verkürzen. Aber mit meinem schnellen E-Bike bin ich dieser Superkraft schon ziemlich nahe!
Wir machen uns auf den Weg zurück zur Bushaltestelle. Und auch ohne Superkraft sind wir keine fünfzehn Minuten später schon wieder mitten im geschäftigen Gewusel der Stadt.








