Wer Sozialhilfe bezieht, weist einen deutlich schlechteren Gesundheitszustand auf als die restliche Bevölkerung.
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2018 ist die Sozialhilfequote erstmals seit zehn Jahren zurückgegangen, wenn auch nur um 0,1 Prozentpunkte. (Archivbild) - sda - Keystone/CHRISTIAN BEUTLER

Das Wichtigste in Kürze

  • Sozialhilfeempfänger weisen einen schlechteren Gesundheitszustand auf.
  • Zu diesem Schluss kommt eine Studie im Auftrag des BAG.
  • Besonders ältere Personen sind von diesem Unterschied betroffen.

Wer Sozialhilfe bezieht, weist einen deutlich schlechteren Gesundheitszustand auf als die restliche Bevölkerung. Dies gilt auch im Vergleich mit Menschen, die ebenfalls in prekären finanziellen Verhältnissen leben. Zu diesem Schluss kommt eine Studie im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG).

Besonders ältere Sozialhilfebeziehende leiden demnach bedeutend häufiger an chronischen Erkrankungen als die gleichaltrige Restbevölkerung (63 Prozent gegenüber 29 Prozent), wie die Forschenden der Berner Fachhochschule (BFH) und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) berichten.

Hausärzte doppelt so oft aufgesucht

Auch leiden Sozialhilfebeziehende überdurchschnittlich häufig an depressiven Symptomen und nehmen mehr Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel ein und ein Grossteil gibt eine tiefe Lebensqualität an. Sie beanspruchen dementsprechend oft Gesundheitsleistungen. Hausärzte suchen sie rund doppelt und Spezialistinnen etwa viermal so häufig auf wie die Restbevölkerung und andere Personen in prekärer finanzieller Lage.

Dennoch bestehe das Risiko zur Unterversorgung, teilten die BFH am Mittwoch mit. Denn Sozialhilfebeziehende berichteten häufiger, auf notwendige medizinische Unterstützung zu verzichten.

Sozialhilfeempfänger rauchen mehr

Ebenso zeigte sich, dass Sozialhilfebeziehende sich weniger bewegen, häufiger zu wenig Gemüse und Früchte essen und tägliches Rauchen bei ihnen doppelt so häufig vorkommt wie bei der Restbevölkerung (43 Prozent gegenüber 21 Prozent).

Die Studie weist zudem darauf hin, dass sich die schlechtere Gesundheit in der Wiederaufnahme einer Erwerbstätigkeit niederschlägt: «Wer beim Eintritt in die Sozialhilfe eine schlechte Gesundheit aufweist, hat geringere Chancen wieder eine Stelle zu finden», liess sich der BFH-Forscher Dorian Kessler zitieren.

Studie erstreckt sich über grossen Zeitraum

Es liess sich auch feststellen, dass es den Menschen gesundheitlich deutlich besser geht, wenn sie aus der Sozialhilfe austreten. Das könne unter anderem daran liegen, dass gewisse Lebensereignisse wie eine Scheidung sowohl zu einer Verschlechterung der Gesundheit als auch zur Sozialhilfe führten, so die Autorinnen und Autoren. Schliesslich könne sich Sozialhilfe auch etwa wegen Stigmatisierung oder Stress auf die Gesundheit niederschlagen.

Für die Studie verknüpften und analysierten die Forschenden Daten zum Gesundheitsprofil, zum Gesundheitsverlauf, zu Gesundheitsleistungen und zur Erwerbsreintegration. Je nach Indikator konnten sie so auf bis zu einer halben Million Beobachtungen über den Zeitraum zwischen 2007 und 2018 zurückgreifen.

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