Mangelnde Zuneigung in Säuglingsheimen senkt Lebenserwartung
Eine Studie der Uni Zürich zeigt drastische Langzeitfolgen früher Heimplatzierungen. Betroffene lebten im Schnitt zwölf Jahre kürzer als Kinder in Familien.

Das Wichtigste in Kürze
- Ehemalige Heimkinder starben laut Zürcher Studie im Schnitt zwölf Jahre früher.
- Grund war nicht Mangelpflege, sondern fehlende Nähe, Bindung und Anregung.
- Die Babys lagen oft isoliert und hatten kaum Kontakt zu Bezugspersonen.
Wer in den 1950ern als Baby ins Heim kam, lebte im Schnitt zwölf Jahre kürzer. Das zeigt eine neue Studie der Universität Zürich.
Ursache sei ein Mangel an Zuwendung, teilte die Universität am Donnerstag mit. In den untersuchten Säuglingsheimen waren die Kinder demnach zwar körperlich und medizinisch gut versorgt. Es mangelte ihnen jedoch an verlässlicher Zuwendung, stabilen Beziehungen und anregenden frühen Erfahrungen.
Zum Schutz vor Infektionen und Säuglingssterblichkeit wurden sie weitgehend isoliert. Sie verbrachten den Grossteil des Tages allein in ihren Bettchen mit weniger als einer Stunde Kontakt zu Betreuungspersonen.
Todesfälle traten deutlich häufiger auf
Für die Studie analysierten Forschende die Daten von 830 Personen. Davon hatte etwas mehr als die Hälfte zwischen 1958 und 1961 in Säuglingsheimen gelebt. Die restlichen wuchsen in Familien auf.
Es zeigte sich: Todesfälle vor dem 40. Lebensjahr traten bei den ehemaligen Heimkindern etwa doppelt so häufig auf.
Die Studie leistet laut den Forschenden auch einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in der Schweiz.
Bis weit ins 20. Jahrhundert war es gängige Praxis, Säuglinge und Kleinkinder ausserfamiliär unterzubringen. Betroffen waren oft Kinder von unverheirateten Müttern oder aus sogenannten Gastarbeiterfamilien.
Einzigartige Datenlage
Die Datenlage der Studie gilt laut der Universität als einzigartig, da über Säuglingsheime bisher wenig bekannt ist. Viele Betroffene können sich aufgrund ihres jungen Alters bei der Platzierung nicht erinnern.
Für die Studie konnten die Forschenden auf Daten zurückgreifen, die seit den späten 1950er-Jahren systematisch zu allen Kindern in den damaligen Zürcher Säuglingsheimen erhoben wurden.
Da die Säuglinge meist kurz nach der Geburt platziert wurden und sich im Geburtsgewicht nicht von der Allgemeinbevölkerung unterschieden, können belastende Einflüsse vor der Unterbringung weitgehend ausgeschlossen werden.















