Beim Bericht über den Ukraine-Krieg überging Amnesty International sein lokales Team. Kiew und Experten kritisieren das Schreiben, Moskau jubelt.
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Amnesty International kritisiert, dass Ukrainer ihre Stützpunkte in Städten aufschlagen. - keystone
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Das Wichtigste in Kürze

  • Amnesty International macht Kiew im Ukraine-Krieg schwere Vorwürfe.
  • Der Bericht wurde von internationalen Mitarbeitern erstellt, lokale wurde übergangen.
  • Das Ukraine-Büro von Amnesty versuchte die Veröffentlichung zu verhindern.

Der neuste Bericht von Amnesty International über den Ukraine-Krieg schlägt hohe Welle. Denn darin wird der ukrainischen Armee vorgeworfen, mit der Kriegsführung teils Zivilisten zu gefährden. Die Soldaten errichten in Wohngebieten, Krankenhäusern und Schulen ihre Stützpunkte, was gegen das humanitäre Völkerrecht verstosse. Kampfhandlungen seien weit möglichst von Zivilisten entfernt durchzuführen, so die Menschenrechtsorganisation.

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Kinder überreichen einem Soldaten im Ukraine-Krieg Essensboxen. - Keystone

Während Russland über den Bericht jubelt und ihn fleissig weiterverbreitet, wird er von der Ukraine aufs Schärfste kritisiert: Täter und Opfer würden auf eine Stufe gestellt, sagt Präsident Wolodymyr Selenskyj. Aussenminister Dmytro Kuleba wirft Amnesty vor, sich «an der Schaffung einer falschen Realität zu beteiligen».

Die Kritik am Bericht kommt auch aus den eigenen Reihen: Das ukrainische Büro von Amnesty distanziert sich ausdrücklich davon, denn es hat nicht daran partizipiert, schreibt Direktorin Oksana Pokalchuk. Weder an der Vorbereitung noch am Schreiben oder der Veröffentlichung sei man beteiligt gewesen, schreibt sie auf Facebook. Stattdessen wurde ein internationale Team eingeflogen.

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Amnesty International wirft der Ukraine vor, Zivilisten unnötig gefährdet zu haben. - Keystone

Bereits zu Beginn seien Argumente ihres Teams über die Unzulänglichkeit und Unvollständigkeit des Materials ignoriert worden, schreibt Pokalchuk. Es hätte den Bericht nicht im Voraus erhalten, die Bitte, eine Stellungnahme des Verteidigungsministeriums einzuholen, sei aus Zeitgründen ignoriert worden. Das Ukraine-Team habe alles getan, um die Veröffentlichung zu verhindern. Nun weigere man sich, den Bericht auf der Website zu publizieren oder ins Ukrainische zu übersetzen.

Auch Experten kritisieren Amnesty-Bericht zum Ukraine-Krieg

Kritik gibt es auch von Experten: Strategie-Professor Phillips O'Brien von einer schottischen Universität sagt gegenüber «Spiegel»: «Amnesty kritisiert die Ukraine dafür, dass sie einen völkermörderischen Eindringling effektiv bekämpft.» Die Menschenrechtsorganisation scheine zu wollen, dass die Ukraine so kämpfe, dass mehr Ukrainer sterben und der Krieg länger dauere.

Edward Arnold von einem britischen Thinktank merkt an, dass die Kämpfe sehr urban seien, die Ukraine Bevölkerungszentren und Bürger verteidige. Deshalb müsse die Taktik, die der Bericht für falsch hält, angewendet werden. Nur wenige Analysten würden den Bericht ernst nehmen.

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Oksana Pokalchuk, die Chefin des Ukraine-Büros von Amnesty International, tritt wegen des Berichts zurück. - Facebook

Jack Watling vom gleichen Thinktank wirft Amnesty vor, kein Verständnis von militärischen Operationen zu haben. Es sei kein Völkerrechtsverletzung, wenn sich Militärangehörige im Gebiet aufhalten, dass sie verteidigen müssten, anstatt in einem angrenzenden Waldstück. Denn dort könnten sie einfach umgangen werden.

Dass der Bericht einen Einfluss auf Kiews Taktik im Ukraine-Krieg haben wird, dürfte bezweifelt werden. Die Regierung hat ihn umgehend zurückgewiesen. Dafür hat er eine Folge für Amnesty International: Oksana Pokalchuk, die Chefin des Ukraine-Büros tritt nach sieben Jahren zurück.

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