Sucht Wladimir Putin bewusst Eskalation mit Nato-Staat?
Russland wolle die Nato mit gezielten Nadelstichen schwächen, sagt Experte Ulrich Schmid. Einen offenen Krieg könne sich Wladimir Putin jedoch nicht leisten.

Das Wichtigste in Kürze
- Russland will laut Osteuropa-Experte Ulrich Schmid Deutschland destabilisieren.
- Die Drohnen-Attacke sei Teil einer gezielten Politik der Nadelstiche.
- Einen offenen Angriff auf einen Nato-Staat hält Schmid für unwahrscheinlich.
Eine mit Sprengstoff präparierte Drohne wird im Sicherheitsbereich eines deutschen Flughafens entdeckt.
Sie liegt zwischen ukrainischen Frachtmaschinen. Ausgerechnet an einem wichtigen Umschlagplatz für Hilfslieferungen an die Ukraine.
Passiert ist dies am 4. August am Flughafen Leipzig. Die Drohne war unter anderem mit einer Abwurfeinrichtung und zwei SIM-Karten ausgestattet. Zur Explosion kam es nicht.
Nach mehrwöchigen Ermittlungen ist die deutsche Bundesregierung überzeugt: Russland gab den versuchten Anschlag in Auftrag.
Sie stützt ihre Einschätzung auf das Tatmuster, nachrichtendienstliche Erkenntnisse sowie die verwendete Drohnen-, Sprengstoff- und Zündtechnik.

Doch was will Kreml-Chef Wladimir Putin mit einer solchen Aktion erreichen? Sucht er bewusst die Eskalation mit einem Nato-Staat?
Ulrich Schmid, Osteuropa-Experte an der Universität St. Gallen, sieht hinter dem Angriff eine klare Strategie. «Es geht darum, Deutschland zu destabilisieren», sagt er zu Nau.ch.
Russland setzt auf «Wegwerfagenten»
Dabei achte Moskau darauf, die eigene Verantwortung möglichst schwer nachweisbar zu machen. Laut Schmid setzt Russland sogenannte Wegwerfagenten ein, um die Urheberschaft zu verschleiern.
«Deshalb lautet die mantrahafte Frage im Kreml immer wieder: Wo sind die Beweise?›»
Genau so reagierte Wladimir Putin auf die Vorwürfe aus Berlin. Die deutschen Belege bezeichnete er als gefälscht, die angekündigten Strafmassnahmen als «schweren Fehler».
Leipzig ist laut Schmid kein Einzelfall. Russland führe solche Aktionen auch in anderen Nato-Staaten durch. Der Experte nennt unter anderem Polen, Rumänien, Dänemark, Lettland, Estland und Norwegen.
Wladimir Putin will die Nato schwächen
Einen offenen Krieg mit Deutschland sucht Wladimir Putin nach Einschätzung Schmids allerdings nicht. Vielmehr wolle der Kreml Unsicherheit schaffen.
«Es geht darum, das Nato-Verteidigungsbündnis zu schwächen», sagt Schmid.
Eine zentrale Rolle spielt dabei Artikel 5 des Nato-Vertrags. Dieser sieht vor, dass ein bewaffneter Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle gewertet wird.
Schmid warnt jedoch: «Art. 5 des Nato-Vertrags ist nicht wasserdicht und wurde bisher erst einmal bei 9/11 angerufen.»
Polen und Estland hätten nach vergleichbaren russischen Drohnen-Angriffen lediglich Konsultationen nach Artikel 4 verlangt. Dieser kommt zum Zug, wenn sich ein Mitglied in seiner Sicherheit bedroht sieht. Er löst jedoch nicht automatisch den Bündnisfall aus.
Trump schwächt die Nato
Auch die Politik von Donald Trump im Weissen Haus spielt Wladimir Putin laut Schmid in die Hände.
«Russland weiss genau, dass die transatlantische Hauptachse der Nato durch Trump entscheidend geschwächt ist. Und sendet deshalb seine Pfeile gegen die europäischen Nato-Staaten aus.»
Der Kreml spekuliert demnach darauf, dass das Bündnis bei hybriden Angriffen keine gemeinsame und entschlossene Antwort findet.
Zu einem offenen Angriff auf Deutschland oder einen anderen Nato-Staat dürfte es laut Schmid dennoch nicht kommen. Dafür fehlen Russland die Mittel.
«Russland wäre in der Tat nicht in der Lage, einen offenen Angriff auf ein Nato-Land durchzuführen. Es fehlen schlicht die finanziellen, personellen und militärischen Ressourcen.»
Billige Nadelstiche mit grosser Wirkung
«Eine Politik der Nadelstiche ist hingegen billig und sorgt für Unruhe in den Nato-Staaten», erklärt Schmid.
Die Angriffe sollen nach seiner Einschätzung nicht nur Angst und Unsicherheit verbreiten. Sie zielen auch auf die politische Stimmung in den westlichen Demokratien.
Moskau wolle jene Stimmen stärken, die ein rasches Ende des Ukraine-Kriegs fordern. Selbst wenn dafür grosse Zugeständnisse an Russland nötig wären.
Schmid warnt: «Ein solcher ‹Frieden› käme allerdings einer Kapitulation der Ukraine (und des Westens) gleich. Und würde das russische Regime zu neuen Aggressionen ermutigen.»
Putin demonstriert Rückhalt aus Asien
Deutschland reagiert auf den Vorfall unter anderem mit der Schliessung des russischen Generalkonsulats in Bonn. Auch der Vertrag für das Russische Haus in Berlin wird gekündigt.
Putins Antwort darauf erfolgte nicht zufällig am Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit im kirgisischen Bischkek, glaubt Schmid.

«Er signalisiert damit: Ich bin nicht allein, sondern habe auch starke asiatische Verbündete.»
Deutschland gehöre seit 2022 zu den schärfsten Kritikern Russlands innerhalb der EU. Zudem treibe Berlin die europäische Sanktionspolitik massgeblich voran.
Allerdings habe sich auch die Regierung von Kanzler Friedrich Merz eigene Grenzen gesetzt, hält Schmid fest.
«So hört man etwa nichts mehr von allfälligen Taurus-Lieferungen an die Ukraine, die Merz im Wahlkampf eigentlich versprochen hatte.»
Wladimir Putin sucht also nicht den grossen militärischen Zusammenstoss mit der Nato. Er setzt vielmehr auf kleine, schwer zurechenbare Angriffe. Und hofft, dass diese Europas Gesellschaften verunsichern und das Bündnis von innen schwächen.



















