Crans-Montana: «Notausgang war mit Kette verschlossen»
«Keine Rache, nur Gerechtigkeit»: Italienerin Sofia (16) überlebte das Inferno von Crans-Montana – jetzt erhebt sie Vorwürfe zum verschlossenen Notausgang.

Das Wichtigste in Kürze
- In der Bar «Le Constellation» kam es zum Jahreswechsel zu einem Inferno mit 41 Toten.
- Die 16-jährige Italienerin Sofia überlebte schwer verletzt und kämpft mit den Folgen.
- Sie ist sicher: die Katastrophe hätte verhindert werden können.
In der Silvesternacht geschah in Crans-Montana das Unfassbare.
In der Bar «Le Constellation» geriet die Decke des Untergeschosses in Brand – ausgelöst durch Wunderkerzen auf Champagnerflaschen.
Innerhalb weniger Sekunden verwandelte sich der Partyraum in eine tödliche Feuerhölle.
41 Menschen starben, 115 wurden verletzt – viele von ihnen Jugendliche und junge Erwachsene.
Die Schuldfrage ist bis heute ungeklärt. Im Fokus der Ermittlungen stehen die Bar-Besitzer Jessica und Jacques Moretti sowie Verantwortliche der Gemeinde Crans-Montana.
Während die juristische Aufarbeitung weitergeht, kämpfen die Opfer und ihre Familien mit den Folgen dieser Nacht.
Eine von ihnen ist die 16-jährige Italienerin Sofia. Sie wollte mit ihren Schulfreunden in Crans-Montana ins neue Jahr feiern. Stattdessen begann für sie ein monatelanger Kampf ums Überleben.
60 Tage im Spital und über zehn Operationen
60 Tage lag Sofia im Spital, mehr als zehn Operationen musste sie über sich ergehen lassen. Ihre Stimmbänder wurden durch den Rauch schwer beschädigt – mit Logopädie kämpfte sie darum, ihre Stimme zurückzubekommen.
Immer wieder tauchten im Spital die Bilder der Brandnacht in ihrem Kopf auf.
Innert weniger Sekunden erfassten die Flammen ihren Kopf und den Rücken. Auf allen vieren versuchte sie, aus der Bar zu flüchten, erzählt Sofia im Interview mit «La Repubblica». «Aber es hatte so viel Rauch, dass ich in Ohnmacht fiel.»
Heute zeichnen schwere Brandverletzungen ihre Arme, Hände, Beine und weite Teile ihres Körpers.
Notausgang verschlossen
Doch besonders eine Erinnerung lässt sie nicht los: Der Notausgang.
Der Sicherheitsausgang sei immer geschlossen gewesen. «Mit einer Kette und einem Hängeschloss und vor der Tür hatte es einen Hocker», sagt Sofia.

Für die 16-Jährige ist die Rückkehr in den Alltag ein langer Weg. Sie arbeitet inzwischen als Betreuerin in einem Jugendfreizeitzentrum der lokalen Pfarrei. Drei Mal pro Woche muss sie jedoch für Physiotherapie und Logopädie ins Spital. Alle 45 Tage stehen Laserbehandlungen an.
Besonders schlimm für Sofia: Beim Brand hat sie ihre Haare verloren. «Was mir am meisten wehtut, ist, dass ich meine Haare nicht mehr habe», sagt sie im Interview.
Sie habe sie immer lange getragen. «Sie waren ein wichtiger Teil von mir.» Und wahrscheinlich werden sie nicht mehr nachwachsen, so die Schülerin.
Perücke gibt ihr Sicherheit
Die Perücke bereitete ihr zunächst Mühe. Inzwischen gebe diese ihr aber Sicherheit. «Jetzt fällt es mir schwer, ohne Perücke aus dem Haus zu gehen. Als würde ich mich nicht geschützt fühlen.»
Trotz allem fordert Sofia keine Vergeltung: «Ich fordere keine Rache, sondern nur Gerechtigkeit. Denn dieses Ereignis hat das Leben vieler Menschen ruiniert, die dies nicht verdient haben.»
Sie ist überzeugt: Die Katastrophe hätte verhindert werden können, wenn der Notausgang nicht verschlossen gewesen wäre.
Ihre Klassenkameraden vom Virgilio-Gymnasium in Rom liegen noch immer im Spital: «Unsere vier leeren Schulbänke standen alle nebeneinander: Francesca und ich sassen nebeneinander, hinter uns sassen Leo und Kean.»
An sie und an ihr früheres Leben denke sie ständig. «Und an das Leben derer, die es in jener Nacht so verloren haben.»

















