Cousins von CSD-Amokfahrer kämpften für IS
Nach dem tödlichen Anschlag beim Christopher Street Day in Berlin wird der Fall um den mutmasslichen Täter Abdul B. (†21) weiter aufgearbeitet.

Im Überblick
9- DNA-Spuren in Tat-Auto gefunden
- Cousins von CSD-Amokfahrer kämpften für IS
- Flucht durch CSD-Menschenmassen
- Anders als bisher vermutet: Nach offiziellen Angaben 31 Verletzte
- IS-Bekennervideo auf Handy von Abdul B. gefunden
- Polen ermittelt nach Tod von Mutter bei CSD-Anschlag
- Abdul B. versuchte im Jugendknast zu missionieren
- Anschlag in Berlin polarisiert den Wahlkampf
Am Samstagabend war ein weisser Transporter beim Christopher Street Day in Berlin in eine Menschenmenge gefahren. Mindestens eine Person starb, 29 weitere wurden verletzt oder schwerstverletzt, die Feier wurde daraufhin abgebrochen.
Der Fahrer floh zunächst, die Polizei leitete eine Grossfahndung ein und identifizierte den Verdächtigen. Es handelt sich um den 21-jährigen Abdul B., der der islamistischen Szene zugerechnet wird.
Am Sonntagabend spürte das SEK Berlin den Verdächtigen in einer Kleingartenanlage in Spandau auf. Nach Polizeiangaben lief Abdul B. mit einer Stichwaffe auf die Einsatzkräfte zu, woraufhin diese das Feuer eröffneten. Trotz Reanimationsversuchen starb er noch am Tatort.
Das Wichtigste gibt es hier im Nau.ch-Ticker:
Die Ermittler haben im Tatfahrzeug DNA-Spuren des mutmasslichen CSD-Attentäters Abdul B. gefunden, wie die Bundesanwaltschaft gegenüber «Focus» bestätigt.

In dem vor der Tat gemieteten Auto wurde auch das Handy von B. entdeckt. Darauf fanden die Ermittler das Bekennervideo des 21-Jährigen.
Wie die «Zeit» unter Berufung auf libanesische Ermittlungsakten berichtet, sollen zwei Cousins des mutmasslichen CSD-Attentäters Abdul B. Mitglieder der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gewesen sein.

Demnach heiratete seine Tante den radikalen Islamisten Omar Bakri Fustuq, ihre beiden Söhne sollen später für den IS gekämpft haben und dabei getötet worden sein.
Laut den Ermittlungsunterlagen soll Abdul B. zudem ein Foto seines toten Cousins als WhatsApp-Status geteilt haben. Die Erkenntnisse der libanesischen Behörden seien an den deutschen Bundesnachrichtendienst weitergeleitet worden, berichtet die «Zeit».
Neue Erkenntnisse zeigen: Die Flucht des mutmasslichen Attentäters führte mitten durch die Menschenmassen des Christopher Street Days in Berlin.
Mantrailer-Hunde, also Spürhunde, die den individuellen Geruch eines bestimmten Menschen verfolgen können, haben den mutmasslichen Fluchtweg des Täters erschnüffelt.

Demnach soll Abdul B. über die Strasse des 17. Juni, über den Platz des 18. März (Brandenburger Tor) und den Friedrich-Ebert-Platz (am Reichstag) bis zum Bahnhof Friedrichstrasse gerannt sein – eine Strecke, auf der auch kurz nach seinem Anschlag noch Tausende CSD-Besucher unterwegs waren.
Vom Bahnhof Friedrichstrasse konnte er, wohl mit einer S-Bahn, bis nach Spandau fahren.
Bei dem mutmasslich islamistisch motivierten Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin mit einer Toten sind nach offiziellen Angaben 31 Menschen verletzt worden.

Das sagte der Regierende Bürgermeister der deutschen Hauptstadt, Kai Wegner, auf einer Pressekonferenz. Bisher hatten die Behörden stets von 29 Verletzten gesprochen, darunter mehrere Schwerverletzte. Weitere Details nannte Wegner zunächst nicht.
Nach dem Terroranschlag am Rande des Christopher Street Days (CSD) in Berlin hat die Polizei auf dem Handy des Attentäters Abdul B. ein Bekennervideo gefunden.
Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe – Deutschlands oberste Anklagebehörde – bestätigte einen Bericht der «Bild»-Zeitung. Das Video beinhalte unter anderem einen Treueschwur auf die Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Laut «Spiegel» spricht der Mann in dem Video auf Arabisch.
Der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt bestätigte das Auffinden des Videos und weiteren Datenmaterials. Der Mann sei auf dem Video vermummt zu sehen; es sei aber davon auszugehen, dass es sich um den mutmasslichen Attentäter handele. Die Analysen dazu liefen.
Nach dem Tod einer polnischen Mutter beim mutmasslich islamistischen Terroranschlag in Berlin hat die Staatsanwaltschaft in Warschau Ermittlungen aufgenommen. Die Staatsanwaltschaft werde wegen eines Terroranschlags ermitteln, teilte die Behörde auf X mit.
Nach Angaben von Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner handelt es sich bei dem Todesopfer um eine polnische Staatsangehörige, die mit ihrer Tochter in Berlin gewesen ist.

Aus dem Aussenministerium in Warschau hiess es am Montag, die erwachsene Tochter werde in einer Klinik behandelt, schwebe aber nicht in Lebensgefahr. Sie wurde demnach über den Tod ihrer Mutter informiert.
Abdul B. betete während er in einer Jugendstrafanstalt sass fünfmal täglich, versuchte Mitgefangene zum Beten zu bewegen und trat ihnen gegenüber als Vorbeter und Missionar auf, wie die «Bild» schreibt.
Wegen der Sorge, dass er andere Insassen beeinflussen könnte, wurde er zeitweise von ihnen getrennt untergebracht. Interne Einschätzungen der Behörden beschreiben, dass er gezielt Kontakt zu gleichgesinnten Gefangenen suchte und eine religiöse Führungsrolle einnahm, so die Zeitung.

Auch nach seiner Haftentlassung soll er den Kontakt zu ehemaligen Mitgefangenen aufrechterhalten und sich ihnen gegenüber weiterhin als religiöser Mentor präsentiert haben.
Der mutmasslich islamistische Terroranschlag am Rande des Christopher Street Days (CSD) in Berlin wird nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Thorsten Faas spürbare Auswirkungen auf den Wahlkampf haben.
«Wir sehen bereits, dass sich der Fokus der Medien und damit auch der Öffentlichkeit verschiebt», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. «Fragen der inneren Sicherheit und der Integration stehen im Fokus, anderes wird in den Hintergrund gedrängt.»
Gleichzeitig sei Ziel des Anschlags zu berücksichtigen: «Auch der CSD ist ja ein politisches Event», sagte Faas, der eine Professur für Politikwissenschaft an der Freien Universität (FU) in Berlin hat. Dadurch rücke dieser Aspekt stärker in den Mittelpunkt.
«Das könnte insgesamt zu noch mehr Polarisierung führen.» In Sachsen-Anhalt wird am 6. September gewählt, in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin jeweils 14 Tage später.
Anschläge wie der vom Wochenende können nach Einschätzung des Experten die politische Stimmung massgeblich verändern oder sogar wahlentscheidend sein. «Alleine schon die Verschiebung der öffentlichen Aufmerksamkeit ist relevant.»

«Denn mit unterschiedlichen Themen sind unterschiedliche Parteien positiv oder negativ verknüpft», sagte Faas. «Solche Anschläge spielen tendenziell rechten Parteien in die Hände. Aber durch das Ziel des Anschlags – der CSD – kann ein solches Ereignis auch links der Mitte mobilisieren.»
Bis zum Wahltermin in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sind es allerdings noch fast zwei Monate: «Das Thema wird nicht acht Wochen lang die Öffentlichkeit dominieren, dafür passiert zu viel», so der Politikwissenschaftler vom Otto-Suhr-Institut der FU.
Der deutsch-israelische Psychologe und Extremismusforscher Ahmad Mansour hat sich gegenüber der «Bild» zum mutmasslich islamistischen Anschlag beim CSD in Berlin geäussert. Mansour, selbst Muslim, warnte eindringlich: «Wir stehen vor einer Radikalisierungs-Welle», sagte er.
Seit dem 7. Oktober 2023 erlebe er an Schulen eine Zunahme an Radikalisierung, wie er sie zuvor noch nie gesehen habe, so Mansour weiter. Viele Jugendliche mit muslimischem Hintergrund hätten das Gefühl, Deutschland sei «Mittäter» am Krieg in Gaza und lasse Muslime im Stich – ein Gefühl, das Islamisten gezielt ausnutzten, um radikalisierungsbereite Personen zur Gewalt zu bewegen.

Mansour verwies zudem auf bestehende Parallelgesellschaften in Deutschland. Damit meine er nicht einfach Strassenzüge, in denen Arabisch gesprochen werde, sondern Orte, an denen Kinder in Deutschland aufwachsen und geboren würden, ohne die Grundwerte des Landes zu teilen. Genau das treffe auch auf den Attentäter von Berlin zu.
«Politik und Bevölkerung hatten Angst das Thema anzusprechen»
Beim Thema Islamismus habe Deutschland «viele Jahre verschlafen», kritisierte Mansour weiter. Man habe sowohl in Teilen der Bevölkerung als auch in der Politik Angst gehabt, das Thema anzusprechen und Lösungen anzubieten.
Die Zurückhaltung erklärt Mansour mit einem gesellschaftlichen Klima, in dem jede Kritik am Islamismus schnell als «anti-muslimischer Rassismus» gebrandmarkt werde.

Jetzt sei es an der Zeit, dass alle Parteien das Thema ernster nähmen und konkrete Massnahmen entwickelten, um vor allem jugendliche Musliminnen und Muslime der zweiten und dritten Generation vor Islamismus zu schützen.
















