Bern-Pride-Besucher staunt: «So viel Polizei wie nie»
Am Samstag kam es zu einem Terrorattentat auf den CSD in Berlin. Noch wenige Stunden zuvor gab das grosse Sicherheitsdispositiv an der Bern Pride zu reden.

Das Wichtigste in Kürze
- Zeitgleich zum CSD in Berlin fand in der Stadt Bern die Pride statt.
- Besuchende berichten von einem auffällig grossen Sicherheitsaufgebot.
- Die Veranstaltenden hatten das Sicherheitskonzept nicht verstärkt.
- Die Kantonspolizei macht aus taktischen Gründen keine genauen Angaben.
10’000 Menschen haben am Samstag die Stadt Bern mit Regenbogenfarben gefüllt. Beim Umzug und dem anschliessenden Festival setzten sie sich für die Rechte der queeren Community ein.
Der Demonstrationszug der Bern Pride führte durch die Altstadt und das Marzili bis zum Bundesplatz. Begleitet wurde er von einem grossen Sicherheitsaufgebot.
«So viel Polizei hatte es noch nie»
Ein Nau.ch-Reporter, der am Samstag privat vor Ort war, schildert das Aufgebot so: Zuvorderst im Umzug fuhr ein Fahrzeug der Kantonspolizei.
Entlang der Strecke sperrten Polizei-Vans jede Seitenstrasse, während zahlreiche Uniformierte patrouillierten.
Das Festival auf dem Bundesplatz wurde mit Betonblöcken gesichert. Zusätzlich standen Sicherheitskräfte einer Berner Sicherheitsfirma im Einsatz.
Ein Besucher, der jedes Jahr an die Bern Pride kommt, sagt zu Nau.ch: «Ich bin jedes Jahr an der Pride. So viel Polizei wie in diesem Jahr hatte es noch nie.»

Andere Teilnehmende stimmen dem zu. So schreibt ein Besucher unter einem Instagram-Post der Kantonspolizei: «Merci Kapo für euren Einsatz. Habe gesehen, wie viele von euch gestern im Einsatz waren.»
Und weiter: «Zuerst dachte ich, es wäre vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber nachdem ich heute die Nachrichten aus Berlin gelesen habe, muss ich sagen: Lieber ein bisschen zu viel Sicherheit als zu wenig.»
Islamist rast bei Berliner Pride in Menschenmenge
Zeitgleich zum frohen Fest in Bern fand in Berlin nämlich das Pendant zur Bern Pride statt: die Feierlichkeiten zum Christopher Street Day (CSD). Und dort kam es zu einem tödlichen Terrorakt.
Der 21-jährige Islamist Abdul B. rammte mit einem Kleinbus mehrere Personen. Anschliessend griff er mehrere Personen mit einer Machete an.
Beim Attentat wurde eine 65-jährige Mutter aus Polen getötet. Sie war mit ihrer Tochter an den CSD gekommen. 31 weitere Personen wurden verletzt – manche davon schwer.
Nach einer grossangelegten Fahndung wurde der Islamist B. in einem Schrebergarten in Berlin-Spandau erschossen.
War wegen der Terror-Gefahr das Sicherheitsdispositiv der Bern Pride tatsächlich höher als in Vorjahren?
Bern Pride erhielt keine Drohungen
Auf Nachfrage von Nau.ch bestreiten die Veranstaltenden, dass das Sicherheitskonzept im Vergleich zu den Vorjahren verstärkt worden sei.
«Unser Sicherheitskonzept wird in Zusammenarbeit mit den Behörden und unserem Sicherheitsdienst kontinuierlich angepasst. Konkret verstärkt wurde es nicht», sagt Mediensprecher Tim Binda.

Drohungen im Vorfeld der Pride habe es keine gegeben. «Wir sind im ständigen Austausch mit den Behörden und gehen situativ auf Lagen ein. Genaue sicherheitsrelevante Informationen haben wir nicht», sagt er.
Das diesjährige Sicherheitsdispositiv beurteilt die Organisation als «etwa gleich» wie in den vergangenen Jahren. Genaue Zahlen zum Aufgebot lägen ihr allerdings nicht vor.
Kantonspolizei äussert sich nicht zu Grösse des Einsatzes
Die Kantonspolizei Bern äussert sich aus taktischen Gründen nicht zur Grösse ihres Aufgebots. Sie macht weder Angaben zur Anzahl der Einsatzkräfte noch dazu, ob das Dispositiv grösser war als in den Vorjahren.
Laut Kantonspolizei gab es im Vorfeld der Bern Pride keine Drohungen oder sicherheitsrelevanten Hinweise gegen die Veranstaltung.
Die Sicherheitslage von Veranstaltungen werde jedoch laufend überprüft und beurteilt. Dabei würden auch die aktuelle weltpolitische Lage, die allgemeine Gefährdungslage bei Grossveranstaltungen sowie sicherheitsrelevante Vorfälle im nahen Ausland berücksichtigt.
Gestützt darauf würden jeweils die nötigen Massnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit getroffen. Zu konkreten Massnahmen äussert sich die Kantonspolizei nicht.
Terrorlage in der Schweiz aktiv
Der Anschlag auf den CSD in Berlin wirft auch in der Schweiz Fragen zur Sicherheit von Grossveranstaltungen auf.
Grundsätzlich wäre ein ähnlicher Angriff auch hierzulande möglich. Laut dem jüngsten Lagebericht des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB) ist die Terrorbedrohung in der Schweiz weiterhin erhöht.
Demnach geht die Terrorbedrohung weiterhin von dschihadistisch inspirierten Einzelpersonen oder Kleingruppen aus, die spontan Gewaltakte mit einfachen Mitteln verüben.
Im Bericht heisst es: «Solche Gewaltakte richten sich am ehesten gegen schwer zu schützende Ziele. Grossveranstaltungen und publikumswirksame Anlässe im öffentlichen Raum bleiben für Dschihadisten ideale Gelegenheiten, Anschlagsabsichten umzusetzen.»
Erst vor zwei Jahren konnte ein Anschlag auf die Zurich Pride verhindert werden.
Queere halten an Pride fest
Trotz der Ereignisse in Berlin halten Schweizer Prides und LGBTIQ-Dachverbände an ihren Veranstaltungen fest.
In einer gemeinsamen Mitteilung schreiben sie: «Die Ereignisse in Berlin werfen nicht nur Fragen zur Sicherheit der Prides in der Schweiz auf. Sondern auch zum Sicherheitsgefühl der queeren Community und ihren Nächsten.»

Alessandra Widmer, Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS), sagt gegenüber Nau.ch, der Anschlag löse auch in der Schweiz viele Emotionen aus: «Angst, Trauer, Wut – aber allem voran Anteilnahme.»
Das Thema Sicherheit beschäftige die Community bereits seit Jahren. «Wir haben hier eine grosse Verantwortung – und die nehmen wir auch wahr», sagt Widmer.

Gleichzeitig dürfe der Schutz nicht allein Aufgabe der queeren Community sein. Gefordert seien auch die Behörden, die Politik, die Medien und die Gesellschaft.
Die Gefahr beschränke sich zudem nicht nur auf islamistische Extremisten. «Queerfeindlichkeit ist leider in verschiedensten extremistischen Ideologien präsent», sagt Widmer.
Gesellschaftliches Klima ist «die grösste Gefahr»
Die Argumente seien oft austauschbar: Angriffe würden sich gegen Menschen richten, die nicht den traditionellen Vorstellungen von Liebe, Beziehungen und Geschlecht entsprächen.
Besondere Sorge bereitet Widmer das gesellschaftlliche Klima: Queerfeindliche Aussagen würden «zunehmend gesellschaftsfähig gemacht» und seien längst über extremistische Kreise hinaus verbreitet. «Darin besteht langfristig vielleicht sogar die grösste Gefahr», sagt sie.
Für einen besseren Schutz der queeren Community brauche es mehr Sensibilisierung bei Gesellschaft, Polizei und Behörden mit Blick auf Hassverbrechen. Zudem fordert sie, die Anti-Diskriminierungs-Strafnorm auf trans Personen auszuweiten.
Ihr Fazit: «Es braucht einen differenzierten Blick darauf, wo die Gefahren liegen und wie ihnen wirksam begegnet werden kann.» Genau dafür setze sich die Lesbenorganisation gemeinsam mit weiteren Verbänden ein.
















