Midterms: Wähler bestrafen Republikaner für Trumps Politik
Die US-Wähler rechnen mit der Politik von Donald Trump ab: Die Demokraten holen das Repräsentantenhaus und den Senat. Viele seiner Wunschkandidaten verlieren.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Demokraten holen bei den Midterms laut Prognosen das Repräsentantenhaus und den Senat.
- Die Wähler haben die Zwischenwahlen zum Referendum über Trumps Politik gemacht.
- Kandidaten, die er persönlich ausgesucht oder unterstützt hatte, schneiden schlecht ab.
Es ist ein Tsunami in Blau, ein «Bluenami» – oder mit anderen Worten: Donald Trump erlebt das «Blaue Wunder». Die Demokraten holen bei den US-Midterms nicht nur das Repräsentantenhaus, sondern auch den Senat. Sechs Senatssitze haben sie den Republikanern mindestens abgenommen, netto brauchten sie vier. Damit kontrollieren sie ab Januar den gesamten Kongress.
Der Sieg im Repräsentantenhaus war früh klar. Die Demokraten brauchten netto nur drei Sitze mehr, laut NBC kommen sie auf mindestens 252. Es könnte ihre grösste Mehrheit seit fast zwei Jahrzehnten werden. Demokraten-Chef Hakeem Jeffries dürfte damit der erste schwarze Sprecher des Repräsentantenhauses werden.
Im Senat holten die Demokraten North Carolina durch Roy Cooper, South Carolina durch Annie Andrews, Texas durch James Talarico, Ohio durch Sherrod Brown, Kansas durch Adam Hamilton und zuletzt Iowa durch Josh Turek. Einzelne Rennen, etwa in Maine, Alaska und Michigan, sind noch offen.
Die Wut der Wähler
Die Wähler haben die Wahl zum Referendum über die Politik von Präsident Donald Trump (80) gemacht und ihm eine Ohrfeige sondergleichen verpasst. In der grossen Wählerbefragung machten 62 Prozent seine Politik für die steigenden Lebenshaltungskosten verantwortlich.
37 Prozent sind mit der Lage im Land unzufrieden, 38 Prozent sogar wütend. Zusammen sind das 75 Prozent. Die Zustimmung zu Trump liegt bei lediglich 38 Prozent, wie CBS und NBC melden. Bei den Midterms 2018 waren es noch 45 Prozent, und auch Präsident George W. Bush stand 2006 besser da, als seine Republikaner beide Kammern verloren.

Im Zentrum stehen die Preise. Für 39 Prozent war die Wirtschaft das wichtigste Thema. Besonders die Benzinpreise sind seit dem von Trump begonnenen Iran-Krieg stark gestiegen, in der Mitte des Landes zum Teil um mehr als 70 Prozent.
Fast zwei Drittel sagen ausserdem, Trumps Zölle hätten der Wirtschaft geschadet. Erstmals trauen mehr Wähler den Demokraten (43 Prozent) als den Republikanern (38 Prozent) zu, die Wirtschaft anzukurbeln. Laut CNN lehnt sogar rund ein Fünftel von Trumps Wählern von 2024 inzwischen seine Amtsführung ab.
Wunschkandidaten verlieren
Besonders schmerzhaft dürften für die Republikaner die Niederlagen von Kandidaten sein, die Trump persönlich förderte. In South Carolina hatte er Darline Graham (62) überredet, nach dem Tod ihres Bruders Lindsey für den Senat zu kandidieren, und warb im Wahlkampf persönlich für sie.
Nun verliert sie gegen die Kinderärztin Annie Andrews (45), in einem Bundesstaat, den Trump 2024 mit fast 18 Prozentpunkten gewann. Im Rennen um den Senatssitz von North Carolina unterlag ebenfalls sein Wunschkandidat Michael Whatley.

Sogar im sonst tiefroten Texas geht ein Trump-Kandidat unter. Der Präsident hatte kurz vor der Stichwahl im Mai den Generalstaatsanwalt Ken Paxton unterstützt.
Paxton setzte sich daraufhin gegen den langjährigen republikanischen Senator John Cornyn durch, den ersten Texaner im Senat seit 1970, der die Nominierung verlor. Nun unterliegt Paxton laut CNN-Prognosen dem Demokraten James Talarico.

Zugleich verlieren die Republikaner in Texas das Gouverneursamt. Die Demokratin Gina Hinojosa (52) schlägt Amtsinhaber Greg Abbott und verwehrt ihm eine vierte Amtszeit. Sie wird die erste Latina an der Spitze von Texas.
Es ist ein historischer Umschwung: Texas hat seit 1990 keinen demokratischen Gouverneur mehr gewählt und seit 1994 keine landesweite Wahl mehr an die Demokraten vergeben.

Auch Ohio, Iowa und Kansas kippen
Die Entscheidung um den Senat war gefallen, als Josh Turek (47) Iowa für die Demokraten eroberte. Der frühere Rollstuhlbasketballer und Paralympics-Goldmedaillengewinner schlägt die Republikanerin Ashley Hinson im Rennen um den Sitz der abtretenden Senatorin Joni Ernst. Iowa hatte seit 2008 keinen Demokraten mehr in den Senat gewählt, Trump gewann den Bundesstaat 2024 mit 13 Prozentpunkten Vorsprung.
Auch Ohio geht an die Demokraten. Der frühere Senator Sherrod Brown, der 2024 abgewählt worden war, kehrt in die Kammer zurück. Er setzt sich gegen den Republikaner Jon Husted durch, der den Sitz von Vizepräsident JD Vance übernommen hatte. Das Gouverneursamt in Ohio fällt laut NBC an die Demokratin Amy Acton.

Die grösste Überraschung der Nacht kommt derweil aus Kansas. Dort schlägt der Pastor Adam Hamilton (62) laut CNN-Prognosen Amtsinhaber Roger Marshall mit fast neun Prozentpunkten Vorsprung. Hamilton leitet die grösste methodistische Gemeinde der USA und war bis vor Kurzem noch Republikaner.
Noch im Juli galt der Sitz bei Wahlexperten als sicher republikanisch. Marshall hatte ihn 2020 mit elf Prozentpunkten gewonnen, Trump holte den Bundesstaat 2024 mit 16 Prozentpunkten Vorsprung. Am Wahltag hatte der Präsident Marshall noch als «einen der besten Senatoren» gelobt. Hamilton ist der erste Demokrat seit 1932, also seit 94 Jahren, den Kansas in den Senat wählt.
Trump: «Ich stand nicht auf dem Stimmzettel»
Trump selbst meldete sich am späten Abend (Ortszeit) erstmals zu Wort. «Ich stand nicht auf dem Stimmzettel, und wenn ich darauf gestanden hätte, hätten wir HAUSHOCH gewonnen!», schrieb er auf Truth Social. Die Kandidaten, die er unterstützt hatte, erwähnte er mit keinem Wort. Dabei hatte er seine Anhänger im Wahlkampf immer wieder aufgefordert, sich vorzustellen, er stünde auf dem Stimmzettel. Viele Wähler taten ihm den Gefallen, mit dem Ergebnis, das nun vorliegt.
Das Weisse Haus schiebt die Schuld derweil auf die Kandidaten. «Präsident Trump stand nicht auf dem Stimmzettel, und es hat sich gezeigt, dass Trump-Wähler zur Urne gehen, wenn er auf dem Stimmzettel steht», sagte ein Vertreter laut CBS. Gegenüber CNN hiess es zudem, Trump habe viele Kandidaten besser beworben, als diese es selbst getan hätten. Die Stimmung im Weissen Haus sei trotzig.

Später am Abend zeigte sich Trump in einem Telefoninterview mit der «New York Times» überraschend versöhnlich. «Ich bin absolut bereit, diese Ergebnisse zu akzeptieren», sagte er, während er die Resultate im Weissen Haus verfolgte. Er wolle mit den Demokraten zusammenarbeiten: «Wir werden wohl etwas aushandeln.»
Das ist bemerkenswert, denn vor der Wahl hatte er noch erklärt, er erkenne das Ergebnis nur an, wenn die Wahl «ehrlich» ablaufe. Seine Niederlage gegen Joe Biden 2020 räumt er bis heute nicht ein. Seine Unterstützung für die Kandidaten bereue er nicht, sagte Trump laut «NYT». Die Niederlagen führte er auch in dem Telefoninterview darauf zurück, dass er nicht auf dem Stimmzettel stand.
Was jetzt folgt
Trump signalisierte zwar Bereitschaft zur Zusammenarbeit, doch die Demokraten haben schon länger umfangreiche Untersuchungen gegen ihn im Visier. Mit der Mehrheit im Repräsentantenhaus können sie ab Januar Untersuchungen einleiten, Gesetze der Republikaner blockieren und Trumps Haushalt torpedieren.
Mit dem Senat können sie auch Personalentscheide Trumps wie Richter- und Ministerernennungen bremsen. Ein Amtsenthebungsverfahren wäre zwar möglich, doch im Senat bräuchte es dafür 67 Stimmen. Das gilt als kaum erreichbar.
















