Frauen sollen Statussymbole nach aussen tragen und sich weniger entschuldigen, wenn sie Karriere machen wollen. Solche Tipps verkennen, worum es wirklich geht.
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Spezifische Karriere-Tipps für Frauen. Braucht es diese? - Pexels

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Internet ist voller gut gemeinter «Karriere-Tipps für Frauen».
  • Diese Tipps sind zu einfach, weil sie sich nur auf die Geschlechter beziehen.
  • Ein Modell aus der Persönlichkeitspsychologie zeigt, worum es beim Thema wirklich geht.

Im Internet und in Ratgeberbüchern wimmelt es nur so von «Karriere-Tipps für Frauen». Möchte Frau im Job durchstarten und sich erfolgreich in Männer-Domänen etablieren, wissen die «Experten» genau, was zu tun ist.

Die Frau soll sich sichtbarer machen, mehr Verantwortung übernehmen. Sie soll weniger Konjunktive benutzen und sich nicht so häufig entschuldigen.

Zudem wäre es gut, sie würde mehr Statussymbole nach aussen tragen, zum Beispiel eine teure Uhr. Im Berufsalltag darf sie nicht die Rolle der «Serviererin» einnehmen, sondern soll mehr delegieren.

Diese kleine Auswahl der meist genannten «Karriere-Tipps für Frauen» bezieht sich jedoch nicht primär auf das Geschlecht. Dahinter steht ein psychologisches Modell.

Sollen Frauen zu Männern werden?

Ein Klischee-Beispiel. Wird ein Mann im Bewerbungsgespräch gefragt, wie es um sein Französisch steht, sagt er: «Französisch kann ich, das hatte ich in der Schule.»

Die Frau hingegen erwidert: «Französisch kann ich kaum, das hatte ich das letzte Mal in der Schule.»

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Können sich Männer besser verkaufen, weil sie Männer sind? - Pexels

Kurzum: Männer sind selbstbewusster und trauen sich mehr zu. Frauen sollten sich nun anscheinend ein Stück davon abschneiden und selbst «männlicher» werden.

Doch ist die Welt wirklich so einfach? Zählen für die erfolgreiche Karriere nur «männliche» Eigenschaften? Was bedeutet das wirklich?

Der Fokus auf die Persönlichkeit

Schaut man genauer hin, erkennt man, dass die gut gemeinten «Karriere-Tipps für Frauen» mehrheitlich auf ein psychologisches Persönlichkeitsmerkmal hindeuten. Ein Ausflug in die wissenschaftliche Forschung gibt Aufschluss.

In der Persönlichkeitspsychologie existiert das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit, kurz «Big Five» genannt. Dieses wurde in den letzten 20 Jahren und in über 3'000 Studien mehrfach bestätigt.

Das Modell beschreibt fünf Persönlichkeitsmerkmale, welche jeder Mensch in gewisser Ausprägung aufweist und die gemessen werden können. Diese Merkmale gelten als stabil und kulturübergreifend.

Persönlichkeit Big Five Faktoren
Die Farben des Menschseins: Fünf Persönlichkeitsmerkmale sind in jedem unterschiedlich stark ausgeprägt. - Pexels

Die fünf Persönlichkeitsmerkmale sind Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und psychische (In-)Stabilität.

Der Faktor, auf den alle «Karriere-Tipps für Frauen» abzielen, ist die Verträglichkeit.

Das Persönlichkeitsmerkmal «Verträglichkeit»

Menschen mit starker Ausprägung in Verträglichkeit zeigen situationsübergreifend ein höheres Ausmass an Verständnis, Wohlwollen und Mitgefühl.

Sie schenken anderen schneller ihr Vertrauen, sind hilfsbereit und zählen darauf, dass sich die Aussenwelt ihnen gegenüber genau so wohlwollend verhält.

Es ist wissenschaftlich belegt, dass Frauen konsistent höhere Werte in Verträglichkeit aufweisen als Männer.

Jedoch wäre es ein Fehler, alle und jeden über einen Kamm zu scheren und zu behaupten «Alle Männer sind so und alle Frauen sind so». Es gibt auch sehr viele verträgliche Männer und sehr viele unverträgliche Frauen.

Verträglichkeit als Karrierebremse?

Personen mit hohen Werten in Verträglichkeit laufen Gefahr, schneller ausgenutzt zu werden. Egal, welches Geschlecht sie haben.

Andere schmücken sich mit den Resultaten ihrer Leistungen. Sie werden einfacher übergangen oder übersehen, sie geben schneller nach.

Zu verträgliche Personen können im Haifischbecken der Karriere-Welt wenig Schaden anrichten. Sie stehen da, wie Gärtner auf dem Schlachtfeld.

Verträglichkeit Persönlichkeit Big Five
Willkommen im Haifischbecken. Überverträglichkeit macht Sie zur leichten Beute. - Pexels

Kommt Ihnen das bekannt vor? Und ist Ihre Überverträglichkeit womöglich eine Karrierebremse?

Dann setzen Sie sich über das Schwarz-Weiss-Denken «Mann vs. Frau» hinweg. Mit plumpen Macho-Kategorien à la «ich bin eben so, weil ich eine Frau / ein Mann bin» ist Ihnen nicht geholfen.

Der reine Fokus auf das Geschlecht verfehlt das Ziel. Sie brauchen keine klischierten «Karriere-Tipps für Frauen».

Viel wichtiger ist es, überverträgliche Persönlichkeitsmerkmale bei sich selbst wahrzunehmen und herauszufinden, in welchen Situationen sie Ihnen mehr schaden als nützen.

Vergessen wir nicht, dass Verträglichkeit viele Vorteile mit sich bringt. Vielleicht werden genau Sie von Ihrem Umfeld für Ihre warme Persönlichkeit besonders geschätzt – egal, ob Mann oder Frau.

Ihre Meinung ist gefragt!

Was sind Ihre Gedanken zum Thema? Teilen Sie sie in den Kommentaren und lassen Sie uns diskutieren.

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Artikel verfasst von Lucas Zehnder

Bewerbungsschreiben Lucas Zehnder
Lucas Zehnder ist Personalberater und Sozialpsychologe - zVg

Lucas Zehnder (38) vermittelt und coacht seit 2012 Fach- und Führungskräfte jeder Stufe und blickt hinter die Kulissen der Job-Welt.

Seit 2019 unterhält er seinen Youtube-Kanal «Lucas Training» rund um Bewerbung, Job und Karriere mit bereits über 150 Videos.

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