Arbeit: Wo hört Flexibilität auf und fängt Ausbeutung an?
In der Schweiz ist flexible Arbeit Alltag. Doch Überstunden, ständige Erreichbarkeit und digitale Überwachung zeigen auch ihre Schattenseiten.

Das Wichtigste in Kürze
- Flexibilität am Arbeitsplatz sollte freiwillig sein und nicht zur Norm werden.
- Kontrollen brauchen klare Regeln, sonst entstehen Druck und Misstrauen.
Flexible Arbeit klingt an sich erstmal gut. Man kann früher starten, später aufhören oder zwischendurch etwas Privates erledigen. In der Praxis zeigt sich jedoch oft eine Schattenseite. Flexibilität wird zur stillen Erwartung, ständig verfügbar zu sein. Wer zu oft einspringt, arbeitet schneller regelmässig länger als geplant.
Der Übergang ist meistens schleichend. Stück für Stück kommen mehr Arbeiten oder Aufgabenbereiche auf einen hinzu. Echte Pausen werden kürzer und die Unsicherheit wird grösser. Wer Grenzen setzt, fürchtet manchmal Nachteile im Team oder bei Beförderungen. So entsteht ganz klar Druck, der nicht sein muss.
Überstunden: Normalzustand oder Warnsignal?
Überstunden sind nicht automatisch Ausbeutung. In gewissen Branchen gibt es Spitzenzeiten, Projektphasen oder Notfälle. Problematisch wird es, wenn Mehrarbeit zur Dauerlösung wird. Dann fehlen Personal, klare Prioritäten oder realistische Zeitpläne. Genau hier beginnt die Frage nach Fairness. Wie viel Mehrarbeit ist noch freiwillig, wie viel wird erwartet?

In der Schweiz zeigt die Arbeitsvolumenstatistik des Bundesamts für Statistik, dass 2024 etwas über acht Milliarden Arbeitsstunden geleistet wurden. Das entsprach einem leichten Plus gegenüber dem Vorjahr. Zugleich sank die tatsächliche wöchentliche Arbeitszeit von Vollzeitarbeitnehmenden zwischen 2019 und 2024 im Durchschnitt auf 40 Stunden und vier Minuten.
Diese Entwicklung klingt zunächst positiv, sagt aber wenig über Belastungsspitzen aus. Denn kürzere Durchschnittswerte können parallel zu höherem Druck und mehr «unsichtbarer» Mehrarbeit entstehen. Gerade bei Homeoffice verschwimmen Grenzen schneller.
Arbeit: Kontrolle im digitalen Alltag
Mit hybriden Modellen wächst auch die technische Kontrolle. Viele Systeme messen Logins, Mausbewegungen oder Aktivitätszeiten. Solche Instrumente werden oft mit Sicherheit oder Effizienz begründet. Für Beschäftigte fühlt es sich jedoch schnell nach Misstrauen an. Dabei ist entscheidend, wie Daten eingesetzt werden.

Werden Daten genutzt, um Prozesse zu verbessern oder um Druck aufzubauen? Besonders heikel wird es, wenn Leistung nur noch über Kennzahlen bewertet wird. Das kann falsche Signale senden und Stress erzeugen.
Wichtig ist auch Transparenz: Mitarbeitende müssen wissen, was genau erfasst wird. Ebenso zentral ist die Verhältnismässigkeit, die in der Schweiz rechtlich stark gewichtet wird. Arbeitgeber sollten erklären können, warum eine Überwachung nötig ist.
Homeoffice und hybride Arbeit
Hybride Arbeit ist in der Schweiz längst etabliert. Wie die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in einer Studie von 2024 beschreibt, hat sich bei 78 Prozent der Befragten der Anteil an Homeoffice oder Arbeit an dritten Orten erhöht.

Gleichzeitig sagen 66 Prozent, sie könnten ihren Job grundsätzlich zwei bis vier Tage ausserhalb des Büros erledigen. Diese Werte zeigen, wie stark sich die Arbeitswelt verändert hat. Doch es gibt auch Nebenwirkungen. So kann beispielsweise der Übergang in den Feierabend oft schwer sein. Da kann es schnell passieren, dass man eigentlich mehr arbeitet als vor Ort.
Wo endet Flexibilität und wo beginnt Ausbeutung?
Ob die Flexibilität kippt, erkennt man an Signalen. Überstunden werden selbstverständlich, aber nie kompensiert oder bezahlt.
Erreichbarkeit wird erwartet. Zudem bleibt die Bezahlung gleich, obwohl Ressourcen sinken oder Aufgaben wachsen.

Besonders heikel ist «stille Mehrarbeit», die niemand offiziell erfasst. Dazu zählen das schnelle Antworten auf Mails, das Nachbereiten von Sitzungen oder das Planen und Organisieren nebenbei.
Deswegen ist es wichtig, sich persönlich Zeiten und Aufgaben immer zu notieren. Notfalls mit einer App oder Browsererweiterung. So lassen sich Aufgaben im Minutentakt genau nachvollziehen.
Was Beschäftigte und Betriebe jetzt konkret tun können
Betriebe können helfen, dass Mitarbeiter sich wohlfühlen. Dazu gehören Regeln für Erreichbarkeit, klare Erwartungen und saubere Zeiterfassung.
Ideal ist Freiraum für die Mitarbeiter ohne viel Druck. Wenn Überwachung eingesetzt wird, muss sie begründet und begrenzt sein.













