Radikale Sauna: Wer nicht nackt ist, fliegt raus!
Gegen das Berliner Herbstgrau hilft nur die Sauna. Doch der radikale Nacktzwang bringt das Schamgefühl unserer Kolumnistin erst mal ans Limit.

Das Wichtigste in Kürze
- In der Sauna in Berlin herrscht absolute «textilfreiheit».
- Das bedeutet: Selbst ein Handtuch ist zu viel.
- Der radikale Nacktzwang bringt das Schweizer Schamgefühl anfangs gewaltig ans Limit.
Wenn mir der berüchtigte, nasskalte Berliner Herbst tief in die Knochen kriecht, hilft nur noch die Flucht in die Wärme.
Dafür gibt es mitten in Berlin einen Ort, der fast wie eine religiöse Stätte verehrt wird: das «Vabali». Ein riesiger Saunatempel – elegant, ruhig, entspannt. Eigentlich das komplette Gegenteil von Berlin.
In einer Sache ist diese Oase dann aber doch radikal Hauptstadt: bei der gnadenlosen Textilfreiheit.

Regelmässig lassen sich hier Touristen und Neu-Berliner beobachten, denen das Wörtchen «textilfrei» noch nicht in seiner ganzen Tragweite bewusst ist.
Trippeln sie schüchtern, eng in das Handtuch gewickelt, in die Sauna, werden sie von der alteingesessenen Berliner Saunapolizei rüder zusammengefaltet als beim Schwarzfahren in der S-Bahn: «Runter mit dem Fummel, das ist keine Modenschau hier!»
Textilfrei heisst nämlich: komplett nackt oder raus! Das Handtuch dient hier einzig dazu, dass der Popo nicht die Sitzbank berührt. Selbst im Schwimmbecken ist die Badehose strengstens verboten.
Manche finden das unhygienisch – auf den Regeltafeln steht jedoch das pure Gegenteil: Nackt sein ist hier die einzige Form von Hygiene.
Mich als Schweizerin kostete dieser Komplett-Nackt-Zwang anfangs enorme Überwindung. Vor allem, wenn die Saunabank so voll war, dass man beinahe Hintern an Hintern klebte.
In der Schweiz wickelte ich mir in der gemischten Sauna stets schützend das Badetuch um den Körper. Man zeigt schliesslich nicht alles.
Wie schnell man sich jedoch assimiliert, merkte ich nach einigen Jahren in Berlin auf Heimatbesuch. Als ich fröhlich-unbeschwert ohne Hülle durch die Sauna im Bernaqua spazierte, meinte meine Freundin nur trocken: «Man merkt, dass du in Berlin lebst.»
Im Adamskostüm beim Federball
Ob Dellen, Bierbauch oder Sixpack, zwanzig oder achtzig: In Berlin ist Nacktheit nichts, wofür man sich schämt.
Im Gegenteil. Es gibt hier berühmt-berüchtigte Technoclubs, in denen Körper, Nacktheit und alles, was dazugehört, geradezu zelebriert werden. Die Sauna ist da nur die harmlose Vorstufe.

An den Seen im Umland spielen ganze Familien im Adamskostüm Federball auf der Wiese, während ich angezogen mit meinen Hunden mitten durch die hüllenlose Menge spaziere. Entspannte ostdeutsche FKK-Kultur in Perfektion.
Nackt-Networking bei 75 Grad
Diesen radikal entspannten Umgang mit dem eigenen Körper musste ich mir erst antrainieren.
Der ultimative Härtetest folgte prompt: die Begegnung, vor der sich jeder in der Sauna am meisten fürchtet. Plötzlich stand er vor mir: ein Geschäftskontakt vom letzten Networking-Event.
Meine innere Schweizerin wollte augenblicklich im Holzboden versinken.
Er hingegen blieb völlig unaufgeregt. Splitternackt rief er ein lautes «Hallo!» durch die schwitzende Menge. «Na, wie läuft’n dit Projekt?», fragte er unbeschwert auf Berlinerisch.
Mein Kopf wurde noch röter, als er bei 75 Grad ohnehin schon war. Doch weil wir beide gleich wenig anhatten, fühlte sich der Smalltalk schon nach zwei Minuten wie das Normalste der Welt an.
Meinen Schweizer Frottee-Schutzpanzer habe ich mittlerweile endgültig abgelegt. Die damit einhergehende radikale Unverkrampftheit ist schlicht befreiend.
Und Nackt-Networking bei 75 Grad ist mir heute sogar lieber als jeder verklemmte Business-Apéro. Schliesslich weiss man beim Gegenüber sofort, woran man ist – ganz ohne, dass jemand die Hosen runterlassen muss.
Zur Person
Mirjam Walser (39) ist 2018 von Bern nach Berlin gezogen. In ihrer Kolumne berichtet sie über die Unterschiede und Gepflogenheiten der Hauptstädter – und was sie voneinander lernen können.
















