Stimme aus Berlin: Sind die Deutschen wirklich so kalt? Nein!
Kolumnistin Mirjam Walser entdeckt in Berlin ein deutsches Temperament, das gegen unsere Schweizer Art plötzlich wahnsinnig feurig wirkt.

Das Wichtigste in Kürze
- In Berlin beklagen sich viele Zugezogene über die Kälte der Deutschen.
- Kolumnistin Mirjam Walser erlebt die Deutschen fast als wahre Temperamentsbündel.
- Ihre helvetische Zurückhaltung wird in Berlin arg herausgefordert.
Die Deutschen gelten nicht gerade als Meister des südländischen Temperaments. Distanziert, unterkühlt, verbissen – so das Klischee.
Das höre ich auch regelmässig von meinen internationalen Freunden hier in Berlin. Egal, ob sie aus Ecuador, den USA oder Frankreich kommen, das Urteil ist einstimmig: «Die Deutschen sind so kalt! Es ist unmöglich, Freunde zu finden.»
Ich stehe dann meistens daneben, reibe mir verwundert die Augen und denke: Bitte was?
Ich habe mir hier in Rekordzeit ein soziales Netz aufgebaut. Ein Tempo, von dem ich in Bern, Zürich oder Genf – Städte, in denen ich gelebt habe – nur träumen konnte. Und das sagt wohl mehr über unsere Schweizer Mentalität aus als über die deutsche.
Lieber nackt in die Aare als eine Einladung zum Znacht
Das verbindende Element der Schweiz ist nämlich weder Raclette noch die kollektive Liebe zu den Bergen. Der wahre Kitt unserer Nation ist die akkurat gepflegte, höfliche Reserviertheit.
Wer als Erwachsener in eine neue Schweizer Stadt zieht, merkt schnell: Freundschaften schliessen ist hier eine schwierige Angelegenheit: Erst mal auf einen unverbindlichen Kaffee treffen. Zwei Monate später noch einen. Im Folgequartal eskaliert man wagemutig zu einem gemeinsamen Spaziergang.
Und dann, nach endlosen Monaten des taktischen Beschnupperns, folgt endlich die Einladung ins heimische Wohnzimmer zum «Znacht»?
Träum weiter! Man will sich ja nicht gleich aufdrängen. Viel zu intim! Da hätte man auch gleich vorschlagen können, gemeinsam nackt in der Aare schwimmen zu gehen. Völlig undenkbar.
Schocktherapie für mein Schweizer Gemüt
Als ich nach Berlin zog, erwartete ich eigentlich die Endstufe dieser Steifigkeit. Doch das Gegenteil passierte. Ehe ich mich versah, wurde ich zu Partys eingeladen, auf denen ich ausser dem Bruder der Ex-Freundin des Gastgebers niemanden kannte. Die Berliner Ansage: «Egal, komm einfach! Und bring mit, wen du willst.»

Berliner haben zwar auch ihre festen Cliquen, aber die Türen stehen offen. Gelegenheiten zur ungefragten Kontaktaufnahme lauern buchstäblich überall, vom Museumsbesuch bis zur Technoparty.
Mein absoluter Eisbrecher: Die Hundewiese!
Hier wird man gnadenlos angequatscht. Nachdem man gemeinsam verzückt den Hunden beim Spielen zugeschaut hat, tauscht man Nummern aus – und plant das nächste Hundedate.
Während mein helvetisch-diplomatisches Gemüt in solchen Momenten manchmal noch panisch die soziale Notbremse sucht (direkt nach der Handynummer fragen?! Ui, Übergriff in die Privatsphäre!), walzen die Berliner ohne mit der Wimper zu zucken über meine Hemmungen drüber.
Und setzen dann gleich noch einen drauf: «Ich gehe morgen mit den Hunden und ein paar Freunden an den See, willst du mitkommen?»
Pfeif auf die Konventionen!
Zurückhaltung ist hier fehl am Platz. In Berlin pfeift man ohnehin auf Konventionen. Man sagt, was man denkt, und fragt, was man will. Diese Direktheit war anfangs ein Schock für mein helvetisch-reserviertes Gemüt. Mittlerweile erkenne ich in ihr genau die unverblümte Offenheit, die mir in der Schweiz oft fehlt.
Klar, auch wir Schweizer sind herzliche Menschen. Nur: Bis man bei uns zu diesem warmen Wesenskern vordringt, muss erst mal eine dicke Schicht Permafrost abgetaut werden. Die Berliner kommen da lieber gleich mit dem Flammenwerfer. Subtil ist anders, aber es funktioniert.
Zur Person:
Mirjam Walser (39) ist 2018 von Bern nach Berlin gezogen. In ihrer Kolumne berichtet sie über die Unterschiede und Gepflogenheiten der Hauptstädter – und was sie voneinander lernen können.












