«Infantinos bester Freund im Wallis ist der Coiffeur»
Der Doyen des Walliser Sportjournalismus, Hans-Peter Berchtold (66), zieht eine ernüchternde Bilanz über den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino (56).

Das Wichtigste in Kürze
- Hans-Peter Berchtold war 45 Jahre Journalist beim «Walliser Boten».
- Über 30 Jahre war er als Sportchef tätig.
- Berchtold kennt den Kanton - und auch den berüchtigten Walliser Filz.
- Im Interview spricht er über Fifa-Präsident Gianni Infantino.
Vom Briger Hoffnungsträger zum hochumstrittenen Fifa-Präsidenten. Gianni Infantino war noch vor einigen Jahren im Oberwallis eine respektierte Persönlichkeit.
Seit seiner Schulzeit ist Infantino befreundet mit SRF-Moderator Rainer-Maria Salzgeber, Adrian Arnold (Medienchef des Schweizer Fussballverbands) und dem früheren Bundesligatrainer Martin Schmidt.
Mittlerweile hat Infantino aber auch in seiner Heimat viel Kredit verspielt. Die meisten gehen auf Distanz zum Fifa-Präsidenten. Das sagt zumindest Hans-Peter Berchtold, der den Fussball zwischen Naters und Rio de Janeiro seit Jahrzehnten eng begleitet.
Der langjährige Sportchef des «Walliser Boten» spricht im Nau.ch-Interview über Pfeifkonzerte in Visp, den Vergleich mit Sepp Blatter und die Frage, weshalb Infantino im Wallis heute kaum noch als einer der ihren gilt.

Nau.ch: Gianni Infantino wurde einst als «Mann aus Brig» bekannt. Ist er im Wallis überhaupt noch einer von euch?
Hans-Peter Berchtold: Schon lange nicht mehr. Er ist für viele hier unnahbar geworden. Nach seinem grossen «Gianni's Game» 2017 in Brig hat er sich im Oberwallis kaum noch blicken lassen und ist auch für die Walliser Medien unerreichbar geworden. Mit seinem Friedenspreis für Donald Trump und den umstrittenen Entscheiden rund um die WM ist er in seiner Heimat endgültig zur umstrittenen Figur geworden.

Nau.ch: Wie werden die jüngsten Schlagzeilen im Wallis aufgenommen?
Berchtold: Man geht auf Distanz. Das beste Beispiel waren die Public-Viewings in Visp und Naters: Immer, wenn Infantino im TV-Bild erschien, setzte ein Pfeifkonzert ein – und das in seiner eigenen Heimat.
Nau.ch: Hat Gianni Infantino im Wallis überhaupt noch Freunde?
Berchtold: Ausserhalb der Familie nur wenige. Wer noch immer zu ihm hält, ist Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold sowie – paradoxerweise – Daniel Nellen, der Coiffeur aus Brig. Mit einem Augenzwinkern könnte man sagen: Sein bester Freund ist der Coiffeur.
Nau.ch: Viele Walliser waren einst stolz, als Sepp Blatter in der Fifa Karriere machte. Weshalb entwickelte sich die Stimmung bei Infantino anders?
Berchtold: Blatter blieb trotz aller Probleme ein volksnaher Visper und Oberwalliser. Er zeigt sich hier, kennt die Menschen und unterstützt Vereine und Institutionen. Bei Infantino war man anfangs ebenfalls stolz. Doch seine Auftritte in Katar und in den USA sowie Aussagen wie «den Schweizer Pass brauche ich eigentlich gar nicht» liessen die Stimmung kippen.

Nau.ch: Wie wird der Vorwurf der übermässigen Kommerzialisierung im Wallis aufgenommen?
Berchtold: Anfangs akzeptierte man, dass Infantino die FIFA wirtschaftlich weiterentwickelte. Immerhin wurde Sepp Blatter einst auch dafür gelobt, die Fifa zu einer wirtschaftlich hochkarätigen Firma aufgebaut zu haben. Diese Kritik der internationalen Medien wurde in seiner Heimat noch einigermassen verdaut. Der geplante Verkauf von WM-Rechten an private Investoren war jedoch eine Zäsur. Die Nähe zu Trump und der Eindruck, sich selber einen lukrativen Posten und einen Jahreslohn von 30 Millionen Franken nach der Zeit als FIFA-Präsident sichern zu wollen, haben Infantino ins Abseits manövriert. Damit ist er selbst in seiner Heimat für viele untragbar geworden.
Nau.ch: Verstärkt die Affäre das Klischee vom Walliser Filz?
Berchtold: Beziehungen zu haben, die einem zum Vorteil werden können, ist ja per se nichts Schlechtes. Aber das Wallis kämpft seit jeher gegen den Ruf, ein politischer Filz zu sein, wo anscheinend vieles unter den Teppich gekehrt wird. Es wird dieses Bild aus Sicht der Deutschschweiz und darüber hinaus wohl nie los. Diesem Klischee bediente man sich selbst nach der Tragödie beim Silvester-Brand in Crans-Montana, eine makabre Sichtweise. Und trotzdem hat diese provinzielle Region, in der scheinbar andere Regeln gelten, zweimal den welthöchsten Fussball-Funktionären hervorgebracht. Handkehrum war Infantino nie der typische Walliser. Er sagte selber, er sei als Jugendlicher ein Aussenseiter gewesen. Ich sehe in ihm eher einen Narzissten, der sich zwielichtigen Personen an den Hals wirft. So etwas mag man im Wallis noch weniger als anderswo.
Nau.ch: Tut es weh, wenn das Wallis international mit Fifa-Skandalen verbunden wird?
Berchtold: Natürlich wünscht man sich andere Vorbilder. Mit Nico Hischier haben wir einen Weltsportler, der Werte wie Bodenständigkeit und Glaubwürdigkeit verkörpert. Die beiden Fifa-Präsidenten werfen zwar ein schiefes Licht auf das Wallis, gleichzeitig ist es bemerkenswert, dass aus einer kleinen Bergregion gleich zweimal der höchste Fussballfunktionär der Welt hervorgegangen ist – aus Orten, die nur acht Kilometer voneinander entfernt liegen.
Nau.ch: Ist von der Walliser Erfolgsgeschichte des Secondo Gianni Infantino noch etwas übrig?
Berchtold: Wenig bis nichts. Infantino passt heute eher in einen Italo-Western, wo Intrigen gesponnen werden und Schüsse fallen als in eine Walliser Saga, wo es um geheimnisvolle Gestalten geht.
Nau.ch: Wie wird man in 50 Jahren auf ihn zurückblicken?
Hinweis
Autor Thomas Renggli ist Journalist und Buchautor und arbeitete zwischen 2012 und 2015 für die FIFA. Heute unterstützt er Sepp Blatter bei der Medienarbeit und kennt das Wallis laut eigenen Angaben besser als viele «Üsserschwiizer».
Berchtold: Er war der Walliser Secondo, der sich durch politisches Geschick auf den höchsten Stuhl im Weltfussball hievte – der Transparenz posaunte und eine Säuberung der Fifa versprach. Oben angekommen, machte er den Fussball fast nur noch für die Elite zugänglich, verdribbelte sich beim geplanten Verkauf der WM-Rechte und sorgte damit wohl selber für seinen unrühmlichen Abgang.












