Blatter: «Der heutige Fifa-Präsident hat sich Trump unterworfen!»
Im Gespräch mit Nau.ch spricht Blatter über Gigantismus, Ronaldos Tränen, die Schweiz – und weshalb der Weltfussball dringend unabhängiger werden müsse.

Das Wichtigste in Kürze
- Nau.ch trifft Ex-Fifa-Präsident Joseph S. Blatter in Zürich zum exklusiven Interview.
- Blatter spricht über die WM – und über den kürzlichen Eingriff von Donald Trump.
Die WM mit 48 Teams überzeugt den früheren Fifa-Präsidenten Joseph S. Blatter sportlich mehr als erwartet. Doch der Eingriff von Donald Trump zugunsten des US-Stürmers Folarin Balogun bringt den 90-Jährigen auf die Palme.
Joseph S. Blatter empfängt Nau.ch heute in seiner Wohnung im Zürcher Seefeld mit Blick auf den Zürichsee.
Der ehemalige Fifa-Präsident verfolgt die WM mit grossem Interesse. Über den Fussball spricht er mit sichtbarer Freude – über die Entwicklungen neben dem Platz deutlich kritischer.
Nau.ch: Herr Blatter, die WM mit 48 Mannschaften ist die grösste der Geschichte. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?
Joseph S. Blatter: Positiv. Das Wichtigste ist, dass guter Fussball gespielt wird. Natürlich dauert das Turnier mit 48 Teams sehr lange, und irgendwann setzt eine gewisse Sättigung ein. Aber es gibt Überraschungen und spannende Spiele. Das freut mich.
Nau.ch: Ist die Ausweitung der WM auch eine Bestätigung Ihrer früheren Vision, den Fussball weltweit zu verbreiten?
Blatter: Ja. Als ich 1974 in die Fifa kam, war der Fussball vor allem in Europa und Südamerika zuhause. Unser Ziel war es, Afrika, Asien und den Rest der Welt einzubeziehen. Dass heute auch kleinere Nationen konkurrenzfähig sind, bestätigt diesen Weg.
Nau.ch: Was gefällt Ihnen weniger?
Blatter: Die Trinkpausen. Sie verändern das Spiel und geben den Trainern zusätzliche Möglichkeiten, einzugreifen. Sie verändern die Taktik im Fussball. Und sie sind eine direkte Folge des Austragungslandes USA. Dort werden viele Sportarten – werbefreundlich – in vier Vierteln gespielt. Ich hoffe, dass sich so etwas in Europa nicht durchsetzt.
Nau.ch: Themawechsel: Cristiano Ronaldo hat nach dem Ausscheiden Portugals Tränen vergossen. Hat Sie dies berührt?
Blatter: Ja. Dazu muss man wissen: Ronaldo war in seiner Jugend als Fussballer kein Naturtalent, sondern hat sich alles hart erarbeitet. Sein Ehrgeiz ist einzigartig. Als ich ihn nach dem Spiel weinen sah, hat mich dies bewegt.

Nau.ch: Die Schweiz trifft heute um 22 Uhr auf Kolumbien. Was erwarten Sie?
Blatter: Einen harten Kampf. Die Schweiz kann gewinnen, wenn sie ihr Potenzial ausschöpft. Entscheidend ist auch, dass nur jene Spieler auf dem Platz stehen, die wirklich fit sind.

Nau.ch: Kommen wir zum grossen Politikum: Donald Trump soll die Aufhebung der Sperre gegen Folarin Balogun erwirkt haben. Ihre Reaktion?
Blatter: Die Intervention von Trump ist inakzeptabel. So etwas hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben. Zwischen einem Staatspräsidenten und dem Fifa-Präsidenten gab es gegenseitigen Respekt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Einfluss auf sportliche Entscheide zu nehmen.
Nau.ch: Was hätten Sie an der WM 1994 Bill Clinton gesagt, wenn er Sie angerufen hätte?
Blatter: Ich hätte gesagt: «Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Probleme. Ich rede Ihnen auch nicht in Ihre Arbeit hinein.»
Nau.ch: Hat sich die Fifa damit der Politik unterworfen?
Blatter: Ja. Der heutige Fifa-Präsident hat sich Donald Trump unterworfen. Das darf nicht passieren. Der Sport muss unabhängig bleiben.
Nau.ch: Braucht die Fifa einen neuen Präsidenten?
Blatter: Es braucht vor allem eine Persönlichkeit, die unabhängig ist. Vielleicht sogar jemanden von ausserhalb des Systems.
Nau.ch: Welche Note geben Sie dieser WM?
Blatter: Eine knappe Vier auf der Schweizer Sechserskala. Sportlich ist vieles gut. Aber für die Zukunft gilt: Hört auf mit dem Gigantismus. Noch mehr Mannschaften machen eine WM nicht besser.












