Fussball-Talk: Thun als Meister ein Armutszeugnis für den FCB und YB
Jetzt hat es geklappt: Thun wird am Sonntag auf dem Sofa Schweizer Meister. Im Tabellenkeller muss man sich Sorgen um GC machen. Willkommen beim Fussball-Talk.

Das Wichtigste in Kürze
- Der FC Thun verliert in Basel, wird aber am Sonntag dank dem Sion-Sieg beim FCSG Meister.
- YB taucht auch in Lugano und wird nächste Saison nicht europäisch spielen.
- Um GC muss man sich nach dem 0:2 gegen Servette Sorgen machen. Was bewirkt Peter Zeidler?
- Fussball-Chefreporter Mischi Wettstein und Sportchef Christoph Böhlen im Gespräch.
Nau.ch: Es ist soweit: Der FC Thun hat seinen Meistertitel im Sack und darf trotz einer 1:3-Niederlage in Basel am Sonntag auf dem Sofa jubeln!
Mischi Wettstein: Eine Frage, Böhli: Mit wieviel Promille bestreitest du als Thuner heute den Fussball-Talk? Die Freinacht hat doch sicher Spuren hinterlassen...
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Christoph Böhlen: Ich war natürlich nicht an der Freinacht und bin heute wie jeden Tag mit 0,0 Promille zur Arbeit erschienen. Aber der Lärm der Freinacht vor dem Schlafzimmerfenster hat mich schon einige Stunden Schlaf gekostet. Wie fällt dein Meister-Fazit aus?
Mischi Wettstein: Es ist ein Armutszeugnis für unsere beiden Liga-Krösusse FCB und YB! Aber auch andere Clubs hatten eine bessere Ausgangslage als Thun – und haben es verpasst. Ich denke an den FCSG oder Lugano – die können mit sich auch nicht zufrieden sein. Es ist doch fast nicht möglich, konnte man Thun als Meister durchgehen lassen. Das soll aber den Erfolg der Berner Oberländer nicht schmälern: Herzliche Gratulation an den FC Thun!

Christoph Böhlen: Thun war schlichtweg die einzig konstante Mannschaft in der Super League. Was man aus dem kleinen Budget und diesem Team herausgeholt hat, ist fantastisch. Ich bin gespannt, wie das Kader nächste Saison aussieht.
Aber ich würde den meisten Spielern empfehlen, in Thun zu bleiben. Denn dieser Erfolg basiert auf einem funktionierendem Team – und weniger auf individueller Klasse: Ich sehe kaum einen Spieler, dem eine grosse Karriere bevorsteht. Das hat man auch beim Spiel in Basel gesehen, oder?
Mischi Wettstein: Ich wurde vom FC Basel endlich mal wieder positiv überrascht – und das erst noch ohne Shaqiri! Aber irgendwie war mir klar, dass der FCB an seinen Stolz appellieren kann: Der neue Meister soll nicht im Stadion des alten Meisters feiern. Dominik Schmid hat das nach dem Sieg auch so bestätigt. Das spricht für den FCB.
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Christoph Böhlen: Wenn du mich fragst, war der FCB in diesem Spiel nicht sonderlich stark. Der FC Thun hat es den Bebbi einfach gemacht. Man hat wie schon gegen Lugano gemerkt, dass die Unbeschwertheit beim neuen Meister fehlt. Aber ja, der Heimsieg der Basler ist sicher verdient. Denkst du, das reicht am Ende für Europa?
Mischi Wettstein: Das ist beim Blick auf das Restprogramm schwierig, frag mich besser nach den Lottozahlen am Wochenende. Es warten YB (a), der FCSG (h) und Lugano (a). Das wird ein schwieriges Unterfangen.
YB darf seine Fans am Wochenende nicht mit einer weiteren Niederlage vergraulen. Dafür liegen gegen den FCSG drei Punkte auf dem Silbertablett bereit, weil der Fokus der Espen auf dem Cupfinal liegt. Aber Europakonkurrent Sion ist in einer bestechenden Form, zu ihnen reist der siegestrunkene Meister aus Thun.
Christoph Böhlen: Was sagst du eigentlich zum Abgang von FCB-Sportchef Daniel Stucki?
Mischi Wettstein: Dani war für mich immer ein unheimlich sympathischer Ansprechpartner. Er hat dem FCB aus meiner Sicht an der Seite von Club-Boss David Degen sehr gut getan.
Für sportliche Entscheidungen kann man Stucki nicht an den Pranger stellen, wir wissen ja, wer beim FC Basel das letzte Wort hat. Der Abgang ist keine grosse Überraschung, darüber wurde schon länger gemunkelt.

Nach sechs anstrengenden Jahren beim FC Basel, davon lange an der Seite von Dave Degen, kann ich verstehen, dass der Punkt kommt, an dem man sich neu orientieren will. Ich wünsche ihm alles Gute und hoffe, dass man sich wieder einmal antrifft.
Klar ist auch: Auf den neuen Sportchef wartet unfassbar viel Arbeit! Am Rheinknie muss man mit dem Schaufelbagger hinter die Kaderplanung. Das sieht ja bei deinen Young Boys nicht anders aus, Böhli! Habt ihr in Bern einen Schaufelbagger bereit?
Christoph Böhlen: Zu YB kommen wir später, zuerst müssen wir noch über den FCSG sprechen, der mit dem 0:3 gegen Sion die Thuner Sofa-Meisterschaft ermöglicht.
Mischi Wettstein: Wir haben doch in unserem Instagram-Tippspiel beide vorausgesagt, dass Sion in St.Gallen nicht verliert. Daher war das keine Überraschung, schliesslich stellt Sion die beste Abwehr der Super League. Aber ganz neutral betrachtet: Mit Blick auf die erste Halbzeit kann das Spiel auch ganz anders laufen.

Christoph Böhlen: Es ist nicht nur die Abwehr: Für mich ist Sion derzeit die stabilste Mannschaft der Super League. In der aktuellen Form sind die Walliser kaum zu schlagen. Und Hand aufs Herz: In St.Gallen hat doch niemand mehr mit dem Meistertitel gerechnet. Der Fokus liegt auf dem Cupfinal – und jetzt muss man sich auch nicht mehr künstlich verstellen.
Nau.ch: Dann kommen wir jetzt zu YB, das nach dem 0:1 in Lugano den Europapokal definitiv verpassen wird.
Mischi Wettstein: Ich weiss, dass du das nicht schlimm findest, Böhli. Aber das ist doch zum Fremdschämen? Deine Berner müssten eigentlich heute zum Wochenstart zur Strafe zehnmal auf den Hausberg Gurten rauf- und wieder runterrennen.

Christoph Böhlen: Halt, Mischi: Ich habe nicht gesagt, dass ich es nicht schlimm finde. Aber damit wird man bei YB gezwungen, die Kaderzusammenstellung noch radikaler zu hinterfragen: Es braucht logischerweise weniger Spieler für zwei Wettbewerbe, bei Härtefällen wird man jetzt vielleicht eher den Daumen senken.
Bei aller Qualität, die auf dem Papier vorhanden ist: Die Zusammenstellung dieses Teams ist nicht gut. Hier wird man bestimmt den Hebel ansetzen.
Mischi Wettstein: Gerade du als Berner solltest wissen, dass die Mühlen bei euch eher langsam drehen... Ich bezweifle, dass das bei YB jetzt plötzlich schnell gehen soll. Da ändert auch der schwache Auftritt im Tessin nichts.

Christoph Böhlen: Das 0:1 in Lugano kommt ja nicht völlig überraschend. Wieso sollte es ausgerechnet im Tessin besser werden, wo man sowieso immer Mühe hat? Den Europapokal hat man weiss Gott schon früher verspielt.
Mischi Wettstein: Aber man kann doch aus so einem Spiel auch mal einen Punkt mitnehmen? YB steht auf Platz sechs – unfassbar!
Schauen wir uns mal die Fakten an: Giorgio Contini wurde auf Rang 5 entlassen, damals lag man drei Punkte hinter Platz 2 und sieben Zähler hinter dem damaligen Leader Thun. Heute sind es 26 (!) Punkte Rückstand auf den Meister, das kann man unmöglich schönreden. Allein der objektive Blick auf die Zahlen zeigt: Das ist eine Bilanz des Grauens, der Trainerwechsel zu Gerry Seoane hat nichts gebracht.

Christoph Böhlen: Finger weg von Seoane, Mischi! Der Trainer ist der einzige, den ich grösstenteils von Schuld freispreche. Die Bilanz zeigt einzig, dass es eben nicht am Trainer liegt. Wenn nicht mal Seoane den Turnaround hinkriegt, dann wird es umso klarer, dass ein Umbruch geschehen muss. Ich bin sicher, das Seoane fest im Sattel sitzt. Aber er braucht jetzt im Hinblick auf die neue Saison dringend ein anderes Kader.
Mischi Wettstein: Ich habe nur die Fakten aufgetischt. Dass dir diese nicht schmecken, ist mir klar. Das hat aber gar nichts mit Gerry als Menschen zu tun. Und Seoane wird sich selbst am meisten über seine Bilanz ärgern – also alles im grünen Bereich.
Nau.ch: Wir wechseln den Kanton. Mischi, du hast an diesem Wochenende alle drei Zürcher Clubs gesehen. Starten wir bei GC?
Mischi Wettstein: Eine gute Idee, mit den Hoppers zu starten. Denn für den Zürcher Fussball gilt aktuell: Schwach, schwächer am schwächsten – und das ist GC. Die Hoppers sind derzeit die schwächste Zürcher Mannschaft in der Super League, gefolgt von Winterthur, denen der Stecker gezogen wurde. Und dann folgt noch das Flickwerk FCZ.

Christoph Böhlen: Gemessen an dem, was ich vom 0:2 der Hoppers gegen Servette gesehen habe, hättest du dir auch einen freien Sonntag gönnen können?
Mischi Wettstein: Das Spiel war nach einer halben Stunde gelaufen: GC-Arigoni fliegt vom Platz, ein Eigentor sorgt für die Servette-Führung. Damit wurde dem Spiel komplett der Stecker gezogen. Ich habe noch selten eine so leere, seltsame Stimmung in einem Stadion erlebt. Wahnsinn: Man hat einfach akzeptiert, dass in diesem Spiel nichts mehr passieren wird.
Christoph Böhlen: Auch wenn wir vor einigen Wochen noch anderer Meinung waren: Für mich ist gar nicht mehr klar, dass GC als Favorit in die Barrage gehen wird. Wäre ich Aarau oder Vaduz, würde ich mir mit Blick auf die Hoppers-Form die Hände reiben.
Mischi Wettstein: Wenn sogar GC-Sportchef Alain Sutter sagt, dass es so nicht reicht, dann ist damit wohl genug gesagt! Jetzt ruhen bei den Hoppers alle Hoffnungen auf Peter Zeidler. Der neue Trainer ist der letzte GC-Strohhalm. Sonst geht die Titanic unter...
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Christoph Böhlen: Ich bin nicht sicher, ob es unter Zeidler zum grossen Turnaround kommt. Er ist ein Taktik-Fanatiker und hat eine klare Spielphilosophie. Doch dass die nicht zum Abstiegskampf passt, hat man in Bochum gesehen. Für mich ist er kein Feuerwehrmann – darum erwarte ich keine Wunder.
Mischi Wettstein: Zeidler ist ja auch kein Feuerwehrmann, Böhli: Sein Vertrag gilt auch im Abstiegsfall.
Christoph Böhlen: ...und wie gut das läuft, wenn man einen abgestiegenen Trainer behält, sieht man ja regelmässig!
Nau.ch: Machen wir weiter im Text: Mischi, das Kantonsduell zwischen Winterthur und deinem FCZ (2:2) hat wohl auch niemanden vom Hocker gehauen?
Mischi Wettstein: Schauen wir mal neutral auf das Spiel: Wer nicht mit dem Zürcher Fussball verbunden ist, hat die TV-Kiste am Samstag wohl vorzeitig ausgemacht. Beim einen Team ist der Tank sowieso leer – und bei der anderen Mannschaft ist nur noch wenig Benzin im Kanister.

Christoph Böhlen: Das Einzige, was ich mir überlegt habe: Weiss Marcel Koller, worauf er sich beim FCZ ab Sommer einlässt? Das wird eine ganz mühsame Aufgabe für den erfolgsverwöhnten Zürcher.
Immerhin korrigiert Interimscoach Carlos Bernegger seine Schnapsidee aus der Vorwoche und stellt für Yanick Brecher wieder Silas Huber ins Tor. Das Goalie-Talent rettet seinem Team gegen Winti nämlich den Arsch. Freust du dich eigentlich auf das Zürcher Krisen-Derby am Samstag, Mischi?
Mischi Wettstein: Selbstverständlich, ich freue mich auf jedes Derby. Nur diesmal werde ich ohne Erwartungen anreisen! Die FCZ-Fans haben ihren Spielern auf der Schützenwiese unmissverständlich mitgeteilt, was sie erwarten. Und ob es bei GC jetzt sofort besser wird, wage ich zu bezweifeln: Peter Zeidler kann nur mit den Zutaten kochen, die er zur Verfügung hat. Oder er bringt ein unbekanntes Zaubermittel mit.

Nau.ch: Schliessen wir die Runde mit dem FCL-Sieg in Lausanne ab. Wart ihr überrascht?
Mischi Wettstein: Jetzt langweile mich doch nicht mit solchen Kehraus-Partien! Aber was mich beim Sieg gefreut hat, war der junge Stürmer Vasovic, der das Spiel mit seinem Doppelpack entscheidet. Fährt er so weiter, wird er ein Kandidat für Alex Frei und die U21-Nati. Mich interessiert aber beim FCL mehr, wer jetzt neuer Trainer wird.
Christoph Böhlen: Du hast ja letzte Woche einen Kandidaten nach dem anderen von der Trainerliste geschaufelt, Mischi. Gibt es eigentlich neue Erkenntnisse?
Mischi Wettstein: Ich werde hier nicht einfach irgendwelche Namen aufzählen. Wir haben die Liste reduziert und ich sage: Es wird entweder Federico Valente oder Mister X. Was ich vom ganzen Casting-Prozess beim FCL halte, werde ich dann in einem Kommentar erklären, sobald der neue Coach bekannt ist.

Nau.ch: Blicken wir auf die Challenge League: Aarau gewinnt, Vaduz spielt Remis – der Rückstand beträgt nur noch zwei Punkte. Hat der Wind gedreht?
Mischi Wettstein: Der FC Aarau könnte jetzt das Momentum tatsächlich auf seine Seite reissen. Ein Heimsieg am Freitag gegen Nyon ist Pflicht, Vaduz muss zu Carouge – keine einfache Aufgabe. Und dann kommt es heute in einer Woche zum Showdown im Rheinpark.
In Vaduz kann Aarau aus eigener Kraft den Thron besteigen und dann im letzten Spiel gegen Yverdon alles klar machen. Sie haben es in der eigenen Hand: Mit drei Siegen steigt der FCA in die Super League auf.
Christoph Böhlen: ...aber Vaduz reichen eben schon sieben Punkte, wenn sie die Direktbegegnung gegen Aarau nicht verlieren. Ich drücke zwar den Aarauern die Daumen, aber ich traue dem Aufstiegs-Braten noch nicht.
Nau.ch: Was ist euch sonst noch aufgefallen?
Christoph Böhlen: Mischi, unsere Wette läuft noch! Nach dem 5:4-Sieg im Hinspiel liegst du mit PSG zwar vorne. Aber ich bin sicher: Bayern München zieht im Rückspiel vom Mittwoch in den Final der Champions League ein. Und dann bezahlst du den Wein!
Mischi Wettstein: Träum weiter! PSG hat schon in Liverpool 2:0 gewonnen. Und wer an der Anfield Road siegt, kann das auch in der Allianz Arena schaffen. Die Pariser Offensivraketen sichern sich den Finaleinzug.
Christoph Böhlen: Hast du übrigens gesehen: Noah Okafor trifft schon wieder für Leeds. Beim Sieg über Burnley kommt es beim Gegner aber ebenfalls zu einer guten Nachricht aus Schweizer Sicht: Zeki Amdouni feiert sein Comeback nach seinem Kreuzbandriss.













