England spielt bislang eine wenig spektakuläre EM. Ihre Vorrundengruppe gewinnen die Three Lions zwar souverän, aber sie geben weiter Rätsel auf. Im Achtelfinale können sie nun ihr Potenzial zeigen.
Die Engländer um Harry Maguire erreichten ohne Gegentreffer das EM-Achtelfinale. Foto: Justin Tallis/AFP Pool/AP/dpa
Die Engländer um Harry Maguire erreichten ohne Gegentreffer das EM-Achtelfinale. Foto: Justin Tallis/AFP Pool/AP/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Vorfreude in England auf den Klassiker ist gross.

«Es ist Deutschland als nächstes», titelte die «Daily Mail» in ihrer Online-Ausgabe kurz nach Schlusspfiff des Zitterspiels der DFB-Auswahl beim 2:2 gegen Ungarn.

Am 29. Juni treffen die Three Lions im heimischen Wembley-Stadion auf den grossen Rivalen. Fast genau 25 Jahre nach dem Scheitern im Halbfinale der Heim-EM, als die deutsche Mannschaft den Engländern im Elfmeterschiessen eine der schmerzhaftesten Niederlagen in der Geschichte der Three Lions zugefügt hatte.

Wozu sind die Engländer wirklich fähig?

Zuvor sah Gareth Southgate aus wie fast immer. Der Körper im feinen Anzug, die Hände vor sich gefaltet, der Blick ruhig und ernst. Während sich Fans und Medien auch nach dem souveränen Einzug ins Achtelfinale der EM den Kopf über das Potenzial der englischen Mannschaft zerbrechen, wirkte der Nationalcoach zufrieden. Southgate würde das nie sagen, aber seine Botschaft nach dem 1:0 gegen Tschechien hätte sein können: Schaut her, mein Plan geht auf! England spielt bieder, aber England verliert keine Spiele. Und jetzt soll das Turnier für die Three Lions erst richtig losgehen. «Das Gute für uns ist: Wir verbessern uns immer noch», sagte Southgate.

Aber wozu sind diese Engländer wirklich fähig? Der Gruppensieg garantiert ihnen, dass sie auch ihr Achtelfinale am nächsten Dienstag im heimischen Wembley-Stadion spielen dürfen. Dann wird es ernst. «Jetzt spielen wir gegen Weltmeister Frankreich, Europameister Portugal, unseren alten Feind Deutschland oder, ähm, Ungarn», titelte das Boulevardblatt «The Sun» am Mittwoch. Tatsächlich wartet nun höchstwahrscheinlich ein Hochkaräter auf die Briten. Sollte Deutschland seine Gruppe am Mittwochabend nach dem Spiel gegen Ungarn als Zweiter abschliessen, wäre der K.o.-Kracher gegen die Engländer perfekt.

Saka spielt stark

«Wir spielen jetzt gegen viel stärkere Teams. Aber wir können Selbstvertrauen aus dieser Gruppe mitnehmen, wir haben kein einziges Tor kassiert», sagte Flügelstürmer Bukayo Saka, der gegen die Tschechen zum Spieler des Spiels ernannt wurde. «Egal, wer kommt, wir können mit Selbstbewusstsein ins Spiel gehen. Zumal wir in Wembley mit unseren Fans spielen.» Saka steht sinnbildlich für das riesige Offensivpotenzial der Engländer. Gerade mal 19 Jahre ist der Profi des FC Arsenal alt, gegen Tschechien liess Southgate ihn erstmals bei dieser EM starten. Supertalent Phil Foden sass da nicht mal auf der Bank. BVB-Profi Jadon Sancho bekam immerhin seine ersten EM-Minuten.

Saka, Sancho, Foden oder Torschütze Raheem Sterling: Die Three Lions sind gerade auf den offensiven Flügeln herausragend besetzt. Und im Zentrum gibt es noch einen gewissen Harry Kane, auch wenn der Kapitän und Topstürmer bislang nicht sein bestes Turnier erlebt. Doch trotz all dieser Einzelkönner fallen die Engländer bislang eher mit Minimalisten- als mit Spassfussball auf. Am Dienstagabend gegen die Tschechen hatte ein Anhänger in Wembley ein Plakat mit seiner Wunschaufstellung gezeigt: Die Offensivkräfte Sancho, Kane, Foden, Mason Mount und Jack Grealish standen darauf alle in der Startelf. Southgate weiss um diese Sehnsucht. Aber sie beeinflusst ihn nicht.

Starke Verteidigung als Grundlage

Der 50-Jährige will keine Mannschaft, die Spektakel bietet, sondern eine, die im Turnier funktioniert. Southgate hat genau beobachtet, wie Portugal 2016 den EM-Titel gewonnen hat und Frankreich zwei Jahre später die Weltmeisterschaft: nicht mit Spassfussball, sondern mit oft trockenen Siegen. Seine bisher vielleicht grösste Leistung ist darum eine eher weniger beachtete. Während alle Welt über das Angriffstalent der Engländer redet, steht die vor der EM als eher mässig eingeschätzte Defensive erstaunlich stabil. «Wollen wir, dass England bei der Euro Spass macht? Oder wollen wir, dass sie gewinnen?», fragte das Sportportal «The Athletic» am Mittwoch.

Die Abwehr bildet die Grundlage für grosse Erfolge, genau das scheint Southgates Credo. Die Viererkette um ihren wiedergenesenen Defensivboss Harry Maguire ist noch ohne Gegentor, zudem hält Torhüter Jordan Pickford bislang stark. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Englands Abwehrreihe von Kroatien (1:0), Schottland (0:0) und auch Tschechien bislang kaum auf die Probe gestellt wurde. Im Achtelfinale steht nun die erste schwere Prüfung an. Southgate weiss das. Und er ist bereit.

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