Noch ist die aktuelle Bilanz von Pal Dardai als Berliner Retter recht bescheiden. Vier Punkte aus sieben Spielen haben die Abstiegssorgen nicht vertrieben. Dennoch muss der Hertha-Trainer keine Kritik fürchten. Er geniesst eine ungewöhnliche Rolle in der Bundesliga.
«Blau-weisses Blut»: Herthas Trainer Pal Dardai duzt jeden, ist Kumpel und Knurrer. Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa
«Blau-weisses Blut»: Herthas Trainer Pal Dardai duzt jeden, ist Kumpel und Knurrer. Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein bisschen neidisch kann Peter Bosz auf Pal Dardai schon sein.

Vor dem Duell von Bayer Leverkusen bei Hertha BSC am Sonntag (15.30 Uhr/Sky) stecken beide Trainer mit ihren Clubs in unterschiedlichen Tabellenregionen in ihren ganz eigenen Krisen.

Während aber Bosz bei der Werkself mal wieder in Rechtfertigungszwang geraten ist, kann Dardai auch nach fünf Niederlagen aus den ersten sieben Spielen seiner zweiten Amtszeit sein Ding durchziehen. Kritik wird es an der Club-Ikone nicht geben. Dardai geniesst seit seiner Rückkehr vom Junioren-Coach auf den Posten des Cheftrainers eine in der Fussball-Bundesliga ungewöhnliche Form des Artenschutzes.

«Er hat blau-weisses Blut.» Dieses Statement von Sportdirektor und Ex-Mitspieler Arne Friedrich ist das Dogma, mit dem Dardai seinen Stil gut eineinhalb Jahre nach der tief drinnen ziemlich sicher noch schmerzenden Degradierung zum Jugendausbilder durchziehen kann. Dardai war der einzige Joker, den die Club-Führung nach der Beurlaubung von Bruno Labbadia Ende Januar hatte. «Pal & Zecke - Wenn nicht Ihr, wer sonst?», schrieben die Fans treffsicher auf ein Plakat am Olympiagelände über Dardai und dessen Assistenten Andreas «Zecke» Neuendorf. Und Dardai agiert seither als burschikoser Strassenkicker und Heilspatron seiner Hertha zugleich.

Möglich ist das wahrscheinlich nur in Berlin, wo Bodenständigkeit und Grössenwahn unbehelligt Tür an Tür wohnen - auch im Fussball. Die bis zu dreimal pro Woche abgehaltenen digitalen Pressegespräche haben hohen Unterhaltungswert. Dardai redet dort auch wahlweise über Krokodile, Hubschrauber, rote Kängurus, die Freude des Osterhasen über neuverlegten Rasen im Olympiastadion und bietet sich, eine ehrliche Haut, die er nun einmal ist, Lothar Matthäus als Co-Trainer an - und zwar bei der Hertha und nicht der Nationalmannschaft.

Dardai duzt dabei jeden, ist Kumpel und Knurrer - und wer von den Fragestellern Glück hat, bekommt auch mal ein Lob, dass der Fussballverstand in den vergangenen Jahren zugenommen habe. Dardai kann auch über die Relevanz der Rest-Verteidigung und Expected Goals reden und gerät dennoch nie in den den Verdacht, ein theoretisierender Laptop-Trainer zu sein.

Unterschwellige Kritik, dass er nach seinem mittlerweile in und für Ungarn spielenden Sohn Palko nun den zweiten Filius Marton sogar zum Hertha-Stammspieler machte, ärgern den 45-Jährigen. «Er muss immer alles doppelt machen, damit er überhaupt spielt», sagte er über den Innenverteidiger aus eigenem Hause. Der dritte Sohn Bence spielt noch in der Jugend. Die Dardais gehören einfach zur Hertha-Familie. Ob das so bleibt, wenn es dann wie von Geldgeber Lars Windhorst erhofft, doch mal Richtung Champions League geht, ist abzuwarten.

Wenn sein zweites Hertha-Engagement endet - womöglich auch früher als die bis 2022 datierte Laufzeit zusichert - könne er jederzeit auch wieder an die Fussball-Basis zurückkehren, betont Dardai regelmässig. Seine ersten Trainer-Erfahrungen sammelte er als F-Jugendcoach seiner Söhne beim Seeburger SV vor den Toren der Hauptstadt.

1997 kam Dardai senior als ziemlicher Nobody aus Ungarn, bestritt dann 373 Spiele für Blau-Weiss, 286 davon in der Bundesliga. Keiner spielte dort öfter für die Hertha. Neben Hansi Flick (Bayern München) und Bo Svensson (Mainz) ist er derzeit der einzige Coach, der für seinen Club auch in der Bundesliga spielte.

Schon 2015 beerbte er als club-interne Notlösung Trainer Jos Luhukay und führte das Team von Platz 17 noch auf 15. Nun ging es runter von 15 auf 16. Jetzt, wo die Not akut wird, spürt Dardai vielleicht doch so etwas wie Druck. «Wenn man über einen Abstiegsplatz redet, dann hat man auch einen Abstiegsplatz», sagte er bei seiner Amtseinführung. «Ab jetzt ist jedes Spiel ein Muss-Spiel», sagte er vor dem Leverkusen-Spiel.

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