Shasime Osmani: «Der Kontakt mit der SVP macht mir Spass»

Yves Schott
Yves Schott

Bern,

Im Interview mit dem BärnerBär spricht Shasime Osmani (SP) über ihren Weg in den Grossen Rat und darüber, was sie als junge Migrantin bewegen will.

Ab 1. Juni sitzt Shasime Osmani nun für die SP im Grossen Rat.
Ab 1. Juni sitzt Shasime Osmani für die SP im Grossen Rat. - Daniel Zaugg

Sie war gerade mal anderthalb Jahre lang Berner Stadträtin. Ab 1. Juni sitzt Shasime Osmani nun für die SP im Grossen Rat.

Ein Interview mit einer Frau, die zeigen will, was als junge Migrantin möglich ist und die sich an Anlässen auch gerne mal zum politischen Gegner hinsetzt.

BärnerBär: Shasime Osmani, wie überrascht waren Sie Ende März, als Sie realisierten: Ich bin jetzt Grossrätin.

Shasime Osmani: (lacht) Sehr, wirklich. In meinem Abschiedsbrief an den Stadtrat stand: «Mein Leben überrascht mich gerade selbst.» Ich kann es bis heute noch nicht so richtig glauben.

BärnerBär: Worauf führen Sie Ihren Wahlerfolg zurück?

Osmani: (überlegt kurz) Darauf habe ich keine klare Antwort. Ich kann höchstens Vermutungen anstellen.

BärnerBär: Und wie lauten diese?

Osmani: Ich habe ein klares politisches Profil, das zu meiner Lebensgeschichte passt: Wie ich aufgewachsen bin, stimmt mit dem überein, wofür ich mich einsetze. Viele Menschen konnten sich offenbar damit identifizieren.

Osmani
Shasime Osmani wurde in Nordmazedonien geboren. - Daniel Zaugg

BärnerBär: Würden Sie das etwas genauer ausführen?

Osmani: Ich bin ein migrantisches Arbeiterkind, das seinen «Swiss Dream» lebt. Ich gab mir in der Schule wirklich Mühe, kämpfte im Westen Berns aber mit allen sozialen Problemen, die es in anderen Stadtteilen nicht gibt.

Ich musste die Sprache lernen, mich integrieren … daraus gestaltete ich eine Art Erfolgsgeschichte. Sie lautet zusammengefasst: Einsatz lohnt sich. Migrantische Personen haben schliesslich kaum andere Möglichkeiten, als sich durch Einsatz zu profilieren.

BärnerBär: Sie wurden in Nordmazedonien geboren und kamen als Einjährige in die Schweiz, obwohl ihre Familie bereits in vierter Generation hier lebt.

Osmani: Meine Mutter war in den Ferien und ich kam überraschenderweise einige Monate zu früh zur Welt. Im ersten Lebensjahr war sie auf die Unterstützung meiner Grossmutter angewiesen.

BärnerBär: Wie wirkt sich Ihr migrantischer Hintergrund auf Ihre politischen Positionen aus?

Osmani: Ich stehe für Chancengerechtigkeit ein. Bildung hängt nicht einzig davon ab, was jemand persönlich kann, sondern welchen beruflichen Background die Eltern haben und wie viel Geld dem Haushalt zur Verfügung steht.

Interessierst du dich für Lokal-Politik?

Deshalb ist Chancengerechtigkeit das A und O einer liberalen, demokratischen Gesellschaft. Im Westen Berns besucht eines von elf Kindern den Gymer, in anderen Quartieren sind es hingegen fünf von zehn.

BärnerBär: Welche Laufbahn haben Sie persönlich hinter sich? Sie meinten ja, Sie würden den «Swiss Dream» leben.

Osmani: Wir haben das wahrscheinlich beste Bildungssystem der Welt. Abgesehen davon finde ich die Schweiz sowieso das beste Land, das es gibt (lacht). Nach meiner obligatorischen Schulzeit absolvierte ich eine Lehre mit Berufsmatur.

Danach holte ich den Gymer nach und ging via zweiten Bildungsweg an die Uni. Das zeigt, wie durchlässig und divers unser Bildungssystem ist. Es ist für alle etwas dabei.

BärnerBär: Durchlässig im positiven Sinn.

Osmani: Absolut. Meine Cousine aus den USA ist schockiert, dass der Staat mir Stipendien überweist, damit ich meinen Swiss Dream leben darf. In Nordmazedonien ist das ebenfalls nicht üblich.

Trotzdem haben wir bezüglich Chancengerechtigkeit noch sehr viel Luft nach oben. Ich setze mich also für Gleichstellung auf sämtlichen Ebenen ein, denn auch häusliche Gewalt hat mit Bildung zu tun.

BärnerBär: An der BEA-Eröffnung sassen Sie gemeinsam am Tisch mit mehreren SVP-Stadträten. Suchen Sie diesen Kontakt ganz gezielt?

Osmani: Ja, und das macht mir sogar Spass. Ich bin SP-Politikerin, versuche allerdings, Vorstösse sachpolitisch und losgelöst von Parteilogik einzureichen. Stets mit dem Hintergedanken:

Ist das für die Arbeiterschaft von Nutzen? Nach meiner zweiten Stadtratssitzung – ich hatte keine Ahnung, wie das politische Bern funktioniert – kam ich ins Gespräch mit SVP-Politikern. Meine Grosseltern hatten in Ex-Jugoslawien einen Bauernhof, und die SVP ist ja landwirtschaftlich geprägt; es ergaben sich also Gemeinsamkeiten.

Osmani
Osmani wohnt im Westen von Bern. - Daniel Zaugg

Deshalb spreche ich stets mit allen und will wissen, was jemanden dazu bewegt hat, dass er oder sie so ist, wie er eben ist. Das ist für mich selbstverständlich.

BärnerBär: Dass ältere SVP-Herren politisch, aber auch privat komplett anders ticken als Sie, stört Sie nie?

Osmani: Wir finden meistens etwas, das uns verbindet. An Apéros zum Beispiel: Ich esse sehr gerne Fleisch, sie auch, was jeweils für einige Lacher sorgt. Es dreht sich nicht alles um Politik.

Zustände wie in Ländern, wo kaum mehr miteinander geredet wird, fände ich schlimm. Die Schweiz lebt vom Diskurs.

BärnerBär: Einige SVP-Exponenten wiederum finden, Sie seien eine der wenigen SP-Politikerinnen, die nicht ideologisch verblendet sei.

Osmani: Wir sind alle ideologisch verblendet, sonst wären wir nicht in einer bestimmten Partei (lacht). Und ja, hie und da haben wir eine politische Übereinstimmung. Die Beweggründe sind einfach anders.

BärnerBär: Jetzt sind wir gespannt.

Osmani: Die Aufhebung der Parkplätze im Westen Berns halte ich für falsch. Es handelt sich um ein Arbeiterviertel, Handwerkerinnen und Spengler leben hier, oft sind es grosse Familien mit niedrigem Einkommen.

Sie können nicht mit dem Velo oder dem Tram einkaufen gehen, geschweige denn Ausflüge für die ganze Familie finanzieren. Das erinnert mich dann jeweils an die Wurzeln der SP als klassische Arbeiterpartei.

BärnerBär: Trotzdem: Sie suchen den Kontakt zu einer Partei, die ausländerkritisch ist.

Osmani: Ich chille nicht mit SVP-Leuten, um ihnen zu beweisen, dass ich eine gute Migrantin bin. Es geht darum, gemeinsam etwas zu erreichen. Aber klar haben wir Meinungsverschiedenheiten:

Bei Gewalt an Frauen hat die SVP einen anderen Blick auf die Dinge als ich. Es kracht oft, wenn wir über politische Themen reden, doch es sind wichtige Diskussionen.

Grossrat Bern
Berner Grossrat: Per 1. Juni wechselt Shasime Osmani nun in den Grossen Rat. - keystone

BärnerBär: Konstruktive?

Osmani: Nicht zwingend. Wenn die andere Seite findet, die Migranten seien an allem schuld, ist das wenig konstruktiv. Aber wir diskutieren, und das ist relevant. Wenn wir aufhören zu streiten, haben wir ein echtes Problem.

BärnerBär: Im Stadtrat politisierten Sie für die grösste Partei und die linke Seite verfügt über eine satte Mehrheit. Nun wartet der Grossrat, wo die Bürgerlichen den Ton angeben.

Osmani: Ich werde im Grossrat dasselbe tun wie im Stadtrat: Auf die Leute zugehen, ihnen zuhören, mit ihnen reden und Kompromisse finden. Nicht ich stehe im Vordergrund, sondern der Kanton.

Mit genau dieser Leichtigkeit werde ich mein Amt im Grossen Rat antreten. Wir sind die Mehrheitsverhältnisse bewusst, gerade in Bildungsthemen müsste man allerdings mit der Mitte und den Liberalen zusammenspannen.

PERSÖNLICH

Shasime Osmani, Jahrgang 1998, wurde in Nordmazedonien geboren. Sie studiert Jus in Bern und gibt an der Uni als Hilfsassistentin Deutsch-Tutorials für Geflüchtete. Ab Anfang 2025 war sie SP-Stadträtin, per 1. Juni wechselt sie nun in den Grossen Rat. Osmani wohnt im Westen von Bern.

BärnerBär: Sie sind eine Frau, erst 27 und bereits Grossrätin. Kämpfen Sie gegen viele Klischees?

Osmani: Vor einigen Wochen hielt ich im Stadtrat mein erstes Votum, daraufhin kam ein bürgerlicher Politiker auf mich zu und meinte, ich hätte das toll gemacht. Er sagte: «Dir hört man zu, du hast Präsenz!»

Davor hatte ich schon etwas Angst: Als junge Migrantin in eine Ecke gedrängt zu werden und zu wenig ernst genommen zu werden. Ich denke, ich habe das bis jetzt gut gemeistert.

BärnerBär: Wie sieht es mit Kommentaren in den sozialen Medien aus?

Osmani: Da lese ich tatsächlich immer mal wieder, ich sei doch nur gewählt worden, weil ich eine junge Migrantin sei. Innerhalb des Stadtrats erhalte ich hingegen etliche positive Rückmeldungen von links bis rechts.

BärnerBär: Anderthalb Jahre Stadträtin, ab 1. Juni Grossrätin – da stellt sich unweigerlich die Frage: Was sind Ihre weiteren Pläne? Sie werden jetzt sicher entgegnen: keine Ahnung.

Osmani: (lacht) Richtig. Ich muss erstmal damit klarkommen, Grossrätin zu sein. Ich lasse mich weiterhin vom Leben überraschen.

BärnerBär: Worüber diskutieren Sie privat mit Freunden?

Osmani: Über Stress im Studium. Über Dinge, die uns als migrantische Personen beschäftigen. Dazu engagiere ich mich freiwillig als Präsidentin von kidswest, ein Kunstatelier für Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien. Und ab und zu esse ich mit Freunden auch mal einen Kebap.

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