«Man erkennt Berner nicht nur am Dialekt»
Berner gelten als langsam – doch ist das wirklich so? Vielleicht sind einfach alle anderen nervös.

Man erkennt Berner nicht nur am Dialekt. Man erkennt sie auch am Tempo. Ein Zürcher rennt, wenn das Tram kommt. Ein Berner bleibt stehen, schaut ihm nach – und überlegt kurz, ob er jetzt wirklich schon einsteigen will ins nächste Kapitel seines Tages.
Ich stand kürzlich am Zytglogge, als ein Tourist nervös auf die Uhr schaute und fragte: «Fährt das Tram pünktlich?» Ein Berner neben mir sagte: «Es chunnt scho.»
Das ist in Bern keine Zeitangabe. Das ist eine Lebenseinstellung.
Wir sind nicht langsam, wir sind präzise entspannt. Wir verschwenden keine Energie an unnötige Beschleunigung. Warum rennen, wenn man auch würdevoll zu spät kommen kann?
Es gibt ja diesen Witz: Weisst du, warum die Berner so langsam sind? Damit die Zürcher folgen können. Würden wir unser Tempo anziehen, käme Zürich komplett aus der Puste.
Irgendjemand muss ja das Referenzsystem für «gemütlich» bleiben. Natürlich hat das Nebenwirkungen. In Bern beginnt ein «grad schnäu» ungefähr bei fünf Minuten. Und wenn jemand sagt «i bi grad ungerwägs», dann kann das alles bedeuten – ausser, dass er gleich da ist.

Aber Hand aufs Herz: Es funktioniert. Termine passieren. Leute treffen sich. Manchmal sogar am gleichen Ort zur ungefähr gleichen Zeit.
Vielleicht ist Bern gar nicht langsam. Vielleicht sind einfach alle anderen nervös. Und wir haben beschlossen, da nicht mitzumachen. Aus Rücksicht. Auf die Zürcher.
Und ich? Ich bin Berner und ich liebe Gemütlichkeit aber hasse Unpünktlichkeit.







