Keller (SP): «Chaos-Initiative gefährdet öffentlichen Verkehr»

Barbara Keller
Barbara Keller

Bern,

Die «Chaos-Initiative» würde Unsicherheiten in der Finanzierung und Planung auslösen, so die Berner SP-Stadträtin Barbara Keller. Ein Gastbeitrag.

Barbara Keller
Barbara Keller ist Berner SP-Stadträtin und Vizepräsidentin SEV (Gewerkschaft des Verkehrspersonals). - zVg

Es ist früh am Morgen, irgendwo in der Schweiz. Noch bevor die Stadt richtig erwacht, sitzt eine Busfahrerin in ihrer Kabine, trinkt den letzten Schluck Kaffee aus der Thermosflasche und blickt auf den Dienstplan. Zehn Stunden Schicht liegen vor ihr. Vielleicht zwölf, wenn es irgendwo einen Stau gibt oder eine Strecke umgeleitet werden muss.

Sie liebt ihren Beruf. Sie kennt viele ihrer Fahrgäste beim Namen, weiss, welche Kinder morgens verschlafen in den Bus steigen und welche Pendlerinnen immer denselben Platz bevorzugen. Sie ist Teil eines Systems, das still und zuverlässig funktioniert – jeden Tag, rund um die Uhr.

Doch genau dieses System kommt unter Druck durch die «Keine-10-Millionen-Schweiz»-Initiative, auch «Chaos-Initiative» genannt, weil sie zentrale Bereiche der Schweiz – darunter auch den öffentlichen Verkehr – aufs Spiel setzt und Unsicherheiten in der Finanzierung und Planung auslösen würde.

Barbara Keller
Barbara Keller: «Ohne ausreichend Personal gibt es mehr Belastung.» - zVg

Am 14. Juni stimmt die Schweiz über diese Initiative ab – und was abstrakt klingt, hat sehr konkrete Folgen für Menschen wie sie und für uns alle.

Wenn der ÖV der Schweiz unter Spardruck gerät

Die Schweiz ist wirtschaftlich eng mit Europa verbunden. Rund die Hälfte der Exporte geht in die EU. Werden diese Beziehungen geschwächt, trifft das die gesamte Wirtschaft: Investitionen gehen zurück, so auch Produktion und Konsum. Das führt zu tieferen Steuereinnahmen bei Bund, Kantonen und Gemeinden.

Damit ist auch die Finanzierung des öffentlichen Verkehrs gefährdet. Der öV kann sich nicht selbst finanzieren, er ist auf stabile öffentliche Mittel angewiesen – besonders im regionalen Personenverkehr.

Wenn diese Mittel fehlen, zeigt sich das im Alltag: weniger Verbindungen, längere Wartezeiten, gestrichene Linien. Aus einer halbstündlichen Verbindung wird eine stündliche. Und plötzlich steht man an der Haltestelle und fragt sich: Wo bleibt mein Bus, mein Tram, mein Zug?

Wenn Personal fehlt, steigt der Druck auf die Menschen

Zurück zur Busfahrerin. Ihr Alltag steht exemplarisch für viele im öffentlichen Verkehr.

Schon heute wird oft Mehrarbeit nötig, wenn das Personal knapp ist oder ganz fehlt. Schichten von zehn Stunden sind keine Ausnahme, zwölf Stunden und mehr sind zulässig. Das bedeutet lange Arbeitstage, kurze Erholungszeiten und hohen Druck, den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Keine 10-Millionen-Schweiz
Die Schweizer Stimmbevölkerung wird im Juni über die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» abstimmen. - keystone

Diese Belastung bleibt nicht ohne Folgen. Sie wirkt sich auf die Gesundheit aus – körperlich und psychisch. Sie reduziert die Erholungszeit und erschwert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Wer so arbeitet, trägt eine enorme Verantwortung, oft an der Grenze der Belastbarkeit. Das betrifft nicht nur die Mitarbeitenden, sondern auch die Fahrgäste – also uns alle.

Wer übermüdet arbeitet, ist weniger belastbar in kritischen Situationen. Sicherheit im öV entsteht nur, wenn Menschen ausgeruht, konzentriert und unter guten Bedingungen arbeiten können.

Die Initiative verschärft den Fachkräftemangel weiter und erhöht damit den Druck auf Arbeitszeitregeln und Gesundheitsschutz – dort, wo klare Regeln eigentlich Sicherheit schaffen sollen.

Was auf dem Spiel steht

Diese Entwicklung erhöht den Druck auf ein System, das bereits heute am Limit arbeitet – mit direkten Folgen für den Alltag im öffentlichen Verkehr und die Menschen, die ihn tragen.

Unterstützt du die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!»?

Ohne stabile Finanzierung gibt es weniger Angebot. Ohne ausreichend Personal gibt es mehr Belastung. Und ohne gute Arbeitsbedingungen verliert der ÖV genau jene, die ihn heute am Laufen halten.

Am Ende steht eine einfache, aber entscheidende Frage: Wollen wir einen öffentlichen Verkehr, der für alle da ist – oder einen, der langsam ausdünnt, teurer wird und an Qualität verliert?

Der öffentliche Verkehr ist keine Nebensache. Er verbindet Städte und Dörfer, Menschen und Regionen, Alltag und Arbeit. Und er lebt von den Menschen, die ihn Tag für Tag möglich machen. Setzen wir ihn nicht aufs Spiel.

Darum ist klar: Nein zur Chaos-Initiative – für einen starken, sicheren und verlässlichen öffentlichen Verkehr.

Zur Autorin

Barbara Keller (33) ist Berner Stadträtin. Sie ist seit Juli 2021 Mitglied des Stadtparlaments. Keller ist Vizepräsidentin bei der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV).

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Kommentare

User #6160 (nicht angemeldet)

Es gibt nur eine nachhaltige Lösung

User #4294 (nicht angemeldet)

Menschenrechte und Gesetze der heutigen Zeit anpassen und Probleme härter angehen. Die öffentliche Sicherheit ist höher zu gewichten als irgendwelche Verbrecherseelen.

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