Sollte Bern nur noch halbjährlich Hauptstadt sein?
Bern habe an Bedeutung verloren und solle seine Funktion als Hauptstadt teilweise abgeben, fordert ein Genfer. Die Berner Stadtpräsidentin hält dagegen.

Das Wichtigste in Kürze
- Bern soll nur noch Teilzeit-Hauptstadt sein.
- Die Aarestadt habe seit 1848 an Bedeutung eingebüsst.
- Der BärnerBär will wissen: Wäre das so schlimm? Oder hätte es gar Vorteile?
Bern ist auch nicht mehr, was es mal war, stellt der Genfer Autor Nicolas Jutzet in seinem Gastbeitrag bei «Le Temps» fest. Vor allem nicht, was es 1848 mal war, als es zur Hauptstadt der Eidgenossenschaft erkoren wurde.
Grund für Jutzet, etwas Abwechslung zu fordern: Bern solle nicht mehr alleinige Hauptstadt sein, sondern zum Beispiel im Wechsel mit Zug.
Das Parlament könnte so während je der Hälfte des Jahres «beide Seiten der Schweiz kennenlernen», argumentiert Jutzet: «Diejenige, die zahlt, und diejenige, die ausgibt.»
Er verweist dabei auf den Kanton Thurgau, dessen Grosser Rat halbjährlich zwischen Frauenfeld und Weinfelden abwechselt. Oder auf die Zeit vor 1848, als man mit den Parlamentssitzungen zwischen mehreren Städten rotierte.

Weil Jutzets Gedankenspiel mittlerweile auch in Deutschschweizer Medien aufgegriffen wurde, fragt der BärnerBär nun nach: Was hält man in Bern selbst davon? Wäre es sehr schlimm, halbjährlich auf den Auflauf von Parlamentarierinnen und Parlamentariern zu verzichten? Oder sieht man sogar Vorteile?
Der Apparat hinter den Parlamentsmitgliedern
Die Mitglieder von National- und Ständerat sorgen immerhin für einigen Umsatz in der Gastronomie rund um das Bundeshaus.
Doch an diesen knapp 250 Personen liege es sicher nicht, sagt Simon Haldemann, Geschäftsleiter des Vereins BernCity. «Aber am ganzen Apparat dahinter: 180'000 Personen pendeln nach Bern zur Arbeit», gibt er zu bedenken.

«Nicht alle wegen dem Bund – aber viele.» Denn zur Bundesstadt – wie es korrekt heisst – gehört schliesslich nicht nur das Parlament, sondern auch die Bundesverwaltung.
Rein vom Aufwand her sehe er die Sinnhaftigkeit einer Züglerei nach und von Zug deshalb nicht.
Stadtpräsidentin Kruit: «gelegentlich» auswärts
Auch Stadtpräsidentin Marieke Kruit betont: «Als Gastgeberin sorgt die Stadt Bern rund um das Bundeshaus und während den Sessionen für Infrastruktur, Sicherheit und Mobilität.»
Auf Exklusivität erhebt sie aber trotzdem keinen Anspruch: «Zum gelebten Föderalismus gehört, dass die Eidgenössischen Räte gelegentlich auch auswärts tagen, wie etwa schon in Genf, Lugano oder Flims.» Auch die Parlamentskommissionen träfen sich regelmässig in allen Landesteilen.

Mehr will sich Bern offenbar nicht abluchsen lassen. «Aber», meint BernCity-Geschäftsführer Haldemann, «mit einem Augenzwinkern könnte man sagen: Wir hätten zumindest weniger Demonstrationen!»
Überzeugende Argumente für Bern
Von der Augenzwinkerei mal abgesehen: Bern sei stolz, als Bundesstadt auch Tagungsort des Parlaments zu sein, sagt Marieke Kruit. «Wie dies die eidgenössischen Räte selbst festgelegt haben», hebt sie hervor.
Womit sie unbestreitbar recht hat: Am 28. November 1848 in Bern fiel der Entscheid zugunsten von Bern – und gegen Zürich.
Überliefert ist hingegen auch, dass damals ein künstlicher Springbrunnen, aus dem Wein sprudelte, besondere Beachtung fand.
Dass dies insbesondere die Vertreter der lateinischen Schweiz ein überzeugendes Argument fanden, ist natürlich ein Gerücht. An dem aber etwas Wahres sein könnte: Die Nationalratssitzung am Folgetag musste infolge Katers auf 15 Uhr verschoben werden.
Womit der Genfer Nicolas Jutzet zumindest in einem Punkt recht hätte: Bern ist auch nicht mehr, was es mal war.








