Ist Wohnen in Stadt Bern zum Luxus geworden, Simone Richner (FDP)?

Andrea Bauer
Andrea Bauer

Bern,

Der Wohnungsmarkt in Bern bleibt angespannt. FDP-Stadträtin Simone Richner erklärt, warum sie mehr Bautätigkeit statt neuer Vorschriften fordert.

Richner
Simone Richner, FDP-Stadträtin und Präsidentin des Hauseigentümerverbands Bern und Umgebung. - Daniel Zaugg

Über Bern hängen dunkle Wolken, als wir Simone Richner im Rosengarten treffen. Das Bild passt gut zum Thema: Auch über dem Stadtberner Wohnungsmarkt hat sich einiges zusammengebraut. Die Nachfrage ist hoch, das Angebot knapp, die Verfahren dauern lange und die politischen Rezepte gehen weit auseinander.

Die FDP-Stadträtin und Präsidentin des Hauseigentümerverbands Bern und Umgebung sagt, warum aus ihrer Sicht nicht neue Verbote, sondern mehr Tempo, mehr Verlässlichkeit und mehr Bautätigkeit nötig wären.

BärnerBär: Simone Richner, viele Bernerinnen und Berner haben das Gefühl: Wer heute eine Wohnung sucht, hat fast keine Chance mehr. Ist Wohnen in der Stadt Bern bereits zum Luxus geworden?

Simone Richner: Ich glaube, man muss hier differenzieren. Je nach Ansprüchen und Vorstellungen muss man tatsächlich mehr Geduld haben. Und manchmal braucht es auch etwas Glück, bis man das Passende findet.

Seit Corona hat Wohnen für die Menschen nochmals einen anderen Stellenwert erhalten. Homeoffice ist in vielen Berufen zu einem festen Bestandteil geworden, und viele Menschen wünschen sich daheim mehr Raum zum Leben.

Die Nachfrage nach mehr Wohnfläche ist dadurch gestiegen. In der Stadt Bern wurden in den letzten Jahren, aber wenn überhaupt, vor allem kleinere Wohnungen gebaut.

Wohnst du im eigenen Haus oder zur Miete?

BärnerBär: Warum ist das so?

Richner: Damit sind wir bereits mitten in der Problematik. Baubewilligungsverfahren dauern teilweise viele Jahre, im Extremfall bis zu zehn Jahre. Das macht es fast unmöglich, flexibel auf veränderte Bedürfnisse zu reagieren.

Was heute geplant wird, entspricht nicht zwingend dem, was in zehn Jahren tatsächlich gefragt ist.

BärnerBär: Was heisst das konkret?

Richner: Wir haben im Wohnungsbau eine Vielzahl von Zielkonflikten. Bauauflagen, Energie- und Klimaziele, Lärmschutz, Denkmalpflege und schliesslich auch Einsprachen müssen unter einen Hut gebracht werden.

Das alles sind legitime Anliegen, aber in der Summe führen sie zu Verzögerungen und steigenden Kosten. Die Verfahren müssten beschleunigt und die Auflagen reduziert werden.

Denn kürzere Verfahren und kürzere Bauzeiten bedeuten tiefere Kosten und am Ende auch tiefere Mieten. In Bern passiert aus meiner Sicht aber das Gegenteil.

Stadt Bern
Die Nachfrage nach Wohnungen in Bern ist hoch, das Angebot knapp. - keystone

BärnerBär: Nämlich?

Richner: Es kommen immer wieder neue Ideen für zusätzliche Regulierung – vom Mietdeckel bis zur kürzlich eingereichten Mietpreis-Initiative. Sie mögen kurzfristig attraktiv erscheinen, setzen jedoch nicht bei der Ursache der Wohnungsknappheit an.

Sie schaffen keine einzige zusätzliche Wohnung. Aus den Erfahrungen anderer Kantone wie Basel-Stadt wissen wir zudem, dass solche Massnahmen nicht zu mehr Bautätigkeit führen.

Im Gegenteil: Sie machen Sanierungen und Investitionen nachweislich unattraktiver. Das löst das Grundproblem nicht. Bern braucht mehr Wohnraum, nicht noch mehr Hürden.

BärnerBär: Gäbe es denn überhaupt Raum zum Bauen?

Richner: Ja. Es fehlt nicht in erster Linie an Flächen, sondern an der konsequenten Nutzung des vorhandenen Potenzials. Dazu gehören Arealentwicklungen, Aufstockungen, Ersatzneubauten und eine qualitätsvolle Verdichtung nach innen.

Viererfeld und Gaswerkareal zeigen exemplarisch, dass seit Jahren geplant wird, der konkrete Wohnraum aber weiterhin auf sich warten lässt. Für eine Stadt mit wachsender Nachfrage ist das ein erhebliches Problem.

BärnerBär: Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Richner: Aus meiner Sicht liegt es an zwei Dingen: Erstens überfrachtet die links-grüne Mehrheit im Parlament Bauvorhaben laufend mit neuen Vorgaben bis hin zu politischen Detailfragen wie der Haltung von Hauskatzen.

Zweitens tritt die Stadt zunehmend selbst als Bauherrin auf, obwohl komplexe Bauprojekte Fachwissen und professionelle Strukturen erfordern, wie sie private und gemeinnützige Bauträger oft stärker mitbringen.

Die Stadt sollte sich auf ihre eigentliche Rolle konzentrieren: verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, Infrastruktur bereitstellen und vorausschauend planen. Also ermöglichen statt kontrollieren.

Dazu gehört auch eine kohärente Verkehrs- und Baustellenplanung, statt im Umfeld geplanter Grossbaustellen Zufahrten zu verengen und die Erschliessung zu erschweren.

BärnerBär: Worauf spielen Sie an?

Richner: Ich denke etwa an die Sandrainstrasse. Wie soll die Logistik einer Grossbaustelle funktionieren, wenn dort schon heute kaum zwei Autos kreuzen können? Das ist nicht vorausschauend.

Im schlimmsten Fall gibt man Geld für Massnahmen aus, die man später wieder rückgängig machen muss. Gerade bei grossen Entwicklungsgebieten braucht es eine langfristige Gesamtplanung, die auch die praktische Umsetzung mitdenkt.

Richner
Simone Richner: «Es fehlt nicht in erster Linie an Flächen, sondern an der konsequenten Nutzung des vorhandenen Potenzials.» - Daniel Zaugg

BärnerBär: Aber ist es nicht gut, wenn die Stadt selbst baut und damit für bezahlbaren Wohnraum sorgt?

Richner: Die Stadt kann einen Beitrag leisten. Aber eine Wohnung wird nicht automatisch günstiger, nur weil die öffentliche Hand baut. Baukosten, Zinsen und Auflagen gelten für alle; wird unter den effektiven Kosten vermietet, bezahlt am Ende der Steuerzahlende die Differenz.

Entscheidend ist deshalb, dass die Stadt Bauland mobilisiert, Verfahren beschleunigt, Infrastruktur bereitstellt und verlässliche Rahmenbedingungen schafft. Bauen können Genossenschaften, Private, Pensionskassen und professionelle Bauträger.

Entscheidend ist ein vielfältiges Angebot für unterschiedliche Lebenssituationen und Einkommen. Dauerhafte Entlastung entsteht vor allem dann, wenn insgesamt mehr Wohnungen für unterschiedliche Bedürfnisse und Einkommen gebaut werden.

BärnerBär: Immer wieder ist zu hören, ältere Menschen würden viel Wohnraum beanspruchen, wenn sie in ihren Häusern bleiben. Gleichzeitig ist der Umzug in eine kleinere Mietwohnung oder in ein Altersheim oft wesentlich teurer. Wie sehen Sie das?

Richner: Man darf nicht vergessen: Eigentum ist rechtlich geschützte Lebensgestaltung. Diese Menschen haben hart für ihr Eigenheim gearbeitet und gespart. Es ist für viele nicht nur ein Zuhause, sondern auch Altersvorsorge, Schutz vor Altersarmut und ein Stück Unabhängigkeit.

Ich finde es falsch, ihnen vorzuwerfen, sie würden zu viel Wohnraum beanspruchen. Viele würden sich durchaus verkleinern, wenn es passende Alternativen gäbe.

Statt Verteilungsdiskussionen braucht es Angebotslösungen: altersgerechte Wohnformen, flexible Wohnmodelle und funktionierende Umzugsketten im Bestand.

BärnerBär: Eigentum ist auch für viele jüngere Familien erstrebenswert, in der Stadt Bern aber fast aussichtslos.

Richner: Leider ja. Damit verliert Bern nicht nur Familien, sondern auch langfristig engagierte Steuerzahlende. Wohneigentum schafft Verankerung, Stabilität und private Vorsorge.

Deshalb braucht es wieder ein vielfältigeres Wohnangebot – mit Mietwohnungen, genossenschaftlichem Wohnraum und vor allem deutlich mehr Möglichkeiten für Wohneigentum.

Entscheidend ist, dass mehr gebaut wird und die Rahmenbedingungen verlässlich bleiben, statt durch immer neue Regulierungen zusätzlich erschwert zu werden.

BärnerBär: Airbnb sollte im Altstadtperimeter stärker eingeschränkt beziehungsweise verboten werden. Der Hauseigentümerverband war dagegen, weshalb?

Richner: Weil die Zahlen zwar eine hohe Konzentration von Kurzzeitvermietungen in der Altstadt zeigen, aber keine erhebliche Verdrängung dauerhaft bewohnten Wohnraums belegen. Zugleich ist die Wohnbevölkerung zuletzt gestiegen.

Auch das Bundesgerichtsurteil zu Zürich ändert daran wenig: Es bestätigt zwar mögliche Einschränkungen, betrifft aber eine andere Regelung.

Bern sollte zuerst bestehende Melde-, Abgabe- und Kontrollpflichten konsequent durchsetzen. Ein Verbot braucht einen klaren Nachweis.

BärnerBär: Bern will klimafreundlicher werden. Im unteren Kirchenfeld zeigt sich aber ein Zielkonflikt: Die Stadt stellt die Gasheizung ab und fordert nachhaltige Heizungen. Erdsonden sind dort nicht möglich, Luft-Wasser-Wärmepumpen stossen wegen Platzverhältnissen und Denkmalschutz an Grenzen. Teilweise sind sogar alte Radiatoren geschützt, obwohl sie für Wärmepumpen ungeeignet sind. Was könnte man besser machen?

Richner: Auch hier müsste man bei den Auflagen ansetzen. Gerade in historisch gewachsenen Quartieren braucht es pragmatische Lösungen. Wenn wir Klimaziele ernst nehmen, muss das öffentliche Interesse an energetischen Sanierungen stärker gewichtet werden.

Lebst du in der Stadt Bern?

Denkmalpflege ist wichtig, muss aber im Einzelfall gegen Klimaschutz, technische Machbarkeit und wirtschaftliche Tragbarkeit abgewogen werden. Verhindern geschützte Bauteile den Umstieg auf ein nachhaltiges Heizsystem, braucht es Ausnahmen und klare Prioritäten.

Klimapolitik muss technologieoffen, widerspruchsfrei und umsetzbar sein. Wer von Eigentümern erhebliche Investitionen verlangt, muss ihnen auch realisierbare Lösungen ermöglichen.

BärnerBär: Wenn Sie einem Berner Mieter, der Angst vor der nächsten Sanierung hat, und einer Hauseigentümerin, die vor Investitionen zurückschreckt, gleichzeitig antworten müssten: Was wäre Ihr Versprechen an beide?

Richner: Ich würde beiden sagen, dass sie letztlich dasselbe Interesse haben. Mieter wünschen sich langfristig bezahlbare, gut unterhaltene Wohnungen.

Eigentümer möchten ihre Liegenschaften nachhaltig bewirtschaften und langfristige Mietverhältnisse ermöglichen. Beides setzt Investitionen voraus.

Die öffentliche Debatte stellt Mieter und Eigentümer häufig als Gegenspieler dar. In der Realität sind sie jedoch aufeinander angewiesen. Gute Wohnungen entstehen nur dort, wo investiert wird. Und Investitionen erfolgen nur dort, wo verlässliche Rahmenbedingungen bestehen.

Richner
Richner: «Wohneigentum schafft Verankerung, Stabilität und private Vorsorge.» - Daniel Zaugg

Mein Versprechen wäre deshalb: Ich setze mich für eine Wohnpolitik ein, die nicht einzelne Gruppen gegeneinander ausspielt, sondern die Voraussetzungen schafft, damit mehr Wohnraum entsteht, bestehender Wohnraum erhalten bleibt und Wohnen für möglichst viele Menschen bezahlbar bleibt – als Eigentümer oder Mieter.

Als wir den Rosengarten verlassen, hängen die Wolken noch immer tief über Bern. Ob sie sich über dem Wohnungsmarkt lichten, hängt für Simone Richner vor allem an einer Frage: Baut Bern endlich schneller oder diskutiert die Stadt weiter, bis die nächste Front aufzieht?

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