Kurden in Syrien: Katastrophale humanitäre Lage in Kobane
In der nordsyrischen Stadt Kobane spitzt sich die humanitäre Lage im Zuge anhaltenden Spannungen zwischen der Übergangsregierung und Kurden nach Angaben von Bewohnern, Aktivisten und lokalen Verantwortlichen derzeit dramatisch zu.

Zehntausende Zivilisten lebten unter belagerungsähnlichen Bedingungen, sagte der Direktor der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel-Rahman, der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Zahlreiche Familien aus umliegenden Dörfern hätten in Kobane Schutz gesucht, nachdem sie vor vorrückenden Regierungstruppen und mit ihnen verbündeten Stammeskämpfer in den vergangenen Tagen geflohen seien.
«Wir sind buchstäblich eingeschlossen», sagte ein Bewohner der dpa. Die Stadt sei seit einer Woche ohne Wasserversorgung, nachdem Regierungskräfte die Kontrolle über den strategisch wichtigen Tischrin-Staudamm im Umland übernommen hätten. Auch der Strom sei weitgehend ausgefallen, Generatoren reichten nur noch begrenzt aus.
Das syrische Energieministerium wies Berichte zurück, wonach die Wasserversorgung absichtlich unterbrochen worden sei. Das Ministerium erklärte, dass es daran arbeite, die Versorgung «im Rahmen der verfügbaren technischen Kapazitäten» aufrechtzuerhalten.
Kobane wird überwiegend von kurdisch geführten Kräften kontrolliert, insbesondere von den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF). Die SDF hatten jahrelang gemeinsam mit der von den USA geführten internationalen Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gekämpft. Kobane galt dabei als Symbol des Widerstands, als die Stadt zwischen 2014 und 2015 gegen den IS verteidigt wurde. Diese Niederlage des IS in Kobane gilt als wichtiger Wendepunkt im Kampf gegen die Terrormiliz. Heute kämpft die Stadt nach Einschätzung vieler Bewohner erneut ums Überleben.
Farhan Hajj Issa, Repräsentant der kurdischen Selbstverwaltung von Nord- und Nordostsyrien, sprach von einer «katastrophalen» Situation. «Es gibt kaum Internet, die Gemüsemärkte sind leer, Bäckereien geschlossen und medizinische Vorräte gehen gefährlich zur Neige», sagte er der dpa. Besonders mit Blick auf die kalte Jahreszeit seien die Leben Zehntausender Menschen bedroht.
Die Syrische Beobachtungsstelle warnte unterdessen vor einer akuten Versorgungskrise. Es fehle an grundlegenden Gütern, eine wirksame Nothilfe sei bislang nicht erkennbar. Zudem bestehe die Gefahr von Krankheitsausbrüchen, insbesondere bei Kindern.
Auslöser der Situation war eine Offensive der Übergangsregierung gegen die bisher kurdisch kontrollierten Gebiete im Norden und Nordosten des Landes. Derzeit gilt ein Waffenstillstand. Beide Seiten werfen sich jedoch weiterhin Verstösse vor. Die Regierung unter Interimspräsident Ahmed al-Scharaa will alle Gebiete Syriens unter eine Zentralregierung stellen.














