Untersuchungskommission soll Licht in Lega-Affäre im Tessin bringen
Der Tessiner Grosse Rat hat am Montag der Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission zugestimmt. Die Kommission soll klären, inwiefern eine frühere Lega-Grossrätin ihre politische Funktion für private Geschäftsinteressen genutzt hat.

Der Tessiner Grosse Rat stimmte der parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) am Montagnachmittag mit 66 Ja-Stimmen zu. Es ist erst das vierte Mal in der Geschichte des Tessiner Grossen Rates, dass eine PUK zum Einsatz kommt.
Im Zentrum der Untersuchung stehen Ex-Grossrätin Sabrina Aldi und Regierungsrat Norman Gobbi. Beide waren zur fraglichen Zeit Lega-Mitglieder, beide sollen in die sogenannte Affäre «Hospita» verwickelt sein.
Sabrina Aldi ist nicht nur frühere Grossrätin, sondern sie war auch Vizepräsidentin der Justizkommission. In dieser Funktion war sie für die Auswahl und Empfehlung von Staatsanwältinnen und Staatsanwälten zuständig.
Anfang 2024 schlug sie Alvaro Camponovo als einzigen Lega-Kandidaten vor – ohne offenzulegen, dass es sich beim Kandidaten um den Sohn ihres direkten Vorgesetzten bei der auf Anästhesie spezialisierte Firma Hospita Suisse SA handelte. Am 11. März 2024 wählte das Tessiner Parlament Camponovo zum Staatsanwalt.
Der Wahl vorausgegangen sei im Oktober 2023 ein Geschäftsessen, berichten diverse Tessiner Medien. Bei diesem sollen sich führende Lega-Vertreter, Hospita-Verantwortliche und Alvaro Camponovo – damals Gerichtsschreiber – getroffen haben. Kurz darauf sei Sabrina Aldi bei Hospita angestellt und Alvaro Camponovo als Staatsanwalt der Lega vorgeschlagen worden sein.
Strafrechtliche Untersuchung
Wenige Wochen nach der Wahl Camponovos sei Aldi bei Hospita entlassen worden, habe aber dank eines rückdatierten Vertrags eine hohe Abfindung erhalten, heisst es weiter. Gleichzeitig mehrten sich Hinweise auf finanzielle Probleme im Unternehmen. Wenig später hätten Aldi, Camponovo und weitere Partner eine neue Firma gegründet, die bereit gestanden sei, Hospitas Geschäft im lukrativen Gesundheitsmarkt zu übernehmen.
Nach anonymen Hinweisen leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Hospita-Chef Eolo Alberti ein, der im August 2024 verhaftet wurde. In der Folge wurde Hospita unter Zwangsverwaltung gestellt und der Konkurs beantragt – ein Schritt, welcher der neu gegründeten Konkurrenzfirma faktisch freie Bahn verschaffte.
Die Tessiner Staatsanwaltschaft erhob im Oktober 2025 Anklage gegen Alberti – wegen Verdachts auf Veruntreuung. Alberti schied in Folge der Untersuchung aus der Firma und aus der Lega aus. Auch Sabrina Aldi ist inzwischen aus der Partei aus- und als Grossrätin zurückgetreten.
Lega mit «Parallel-Bericht»
Laut verschiedenen Tessiner Medienberichten waren mehrere Lega-Spitzenpolitiker früh über interne Probleme bei Hospita informiert. Dem Tessiner Regierungsrat Norman Gobbi wird vorgeworfen, als führender Lega-Politiker eine parallele parteiinterne Untersuchung zu den Problemen bei Hospita angestossen zu haben, noch bevor offizielle Ermittlungen begannen.
Konkret soll Gobbi zusammen mit weiteren Parteikollegen – darunter Regierungsrat Claudio Zali – den Anwalt Enea Petrini beauftragt haben, einen Rapport über die Firma Hospita zu verfassen. Petrini gehört ebenfalls der Lega an und sitzt im Verwaltungsrat der Tessiner Kantonalbank. Petrinis Rapport wird im Tessin als «Parallel-Bericht» bezeichnet.
Gobbi habe seine politische Macht genutzt, um Einfluss auf ein sensibles Geflecht aus Wirtschaft und Justiz zu nehmen, lautet der Vorwurf. Dadurch sei die Trennung zwischen politischer Führung und unabhängigen Ermittlungen verwischt worden.
Die Affäre «Hospita» ruft im Tessin nicht nur eine PUK auf den Plan, sondern sie wirft grundlegende Fragen zur Unabhängigkeit der Justiz und zur Transparenz politischer Entscheidungsprozesse im Südkanton auf.














