Parlament schläft während Session fast eine Stunde zu wenig
Eine Umfrage zeigt: Viele Parlamentsmitglieder schlafen während der Session schlechter. Das kann sich auf ihre Entscheide auswirken, warnt ein Schlafforscher.
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Das Wichtigste in Kürze
- Der Sessionsbetrieb sorgt bei vielen Parlamentsmitgliedern für Schlafmangel.
- Das kann sich auch auf ihre Entscheidungsfähigkeit auswirken.
- Powernaps könnten helfen – sind im Bundeshaus aber schlecht möglich.
Wie gut schläft das Schweizer Parlament eigentlich? Das wollte das Netzwerk Schlaf in einer Befragung wissen. Die Ergebnisse sind zwar nicht repräsentativ, aber sie zeigen: Es könnte besser sein.
Und das ist wiederum relevant, denn Schlafmangel kann einen Einfluss auf Konzentration und Entscheidungsfähigkeit haben. Nau.ch hat mit zwei Parlamentsmitgliedern über ihre Einordnung der Schlafproblematik geredet. Wie erleben sie frühe Sitzungen, lange Tage mit aufreibenden Debatten, Abendtermine wie etwa diesen Montag mit Session bis 22 Uhr?
Im Interview erklärt Prof. Dr. Björn Rasch, Schlafforscher an der Universität Freiburg und Vorsitzender des Steuerungsausschusses des Netzwerks, was das Parlament, aber auch die Bevölkerung aus der Befragung lernen kann.

Nau.ch: Was sind für Sie als Schlafforscher die Hauptergebnisse aus der Umfrage?
Prof. Rasch: Es haben insgesamt 16 Parlamentsmitglieder mitgemacht bei unserer Umfrage. Sie haben angegeben, dass sie während der Session ungefähr 50 Minuten weniger schlafen, als sie es zuhause tun würden. Die Schlafdauer war etwa bei sieben Stunden, wenn sie zuhause schlafen, und eher bei sechs Stunden und zehn Minuten während der Session.
Nau.ch: Da sind auch solche mit Schlafstörungen dabei? Also nicht nur solche, die wegen «Networking» a.k.a. Feierabendbier etwas später ins Bett gehen?
Prof. Rasch: Genau, ein Teil dieses kürzeren Schlafes wird sicherlich die Beanspruchung sein – Session bis spät am Abend, dann wieder früh aufstehen. Die Hälfte dieser 16 hat auch angegeben, dass sie länger brauchen, um einzuschlafen und auch länger wach liegen in der Nacht.
Nau.ch: Müssen die Betroffenen sich Sorgen machen, kann das tendenziell auch gesundheitliche Auswirkungen haben?
Prof. Rasch: Grundsätzlich ist unser Körper in der Lage, kurzfristig weniger Schlaf zu akzeptieren, auch zu kompensieren. Das heisst, wenn es mal zwei-drei Wochen erhöhte Aktivität gibt und wir danach eine Erholungsphase haben, sollte das keine grossen gesundheitlichen Folgen haben.
Wenn man auch sonst stark angespannt ist, vielleicht Infektionsneigungen hat, kann es schon sein, dass ein verkürzter Schlaf anfälliger macht für Erkrankungen. Aber auch, dass man tagsüber müder und damit nicht so leistungsfähig ist.
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Nau.ch: Die «Leistung» des Parlamentariers, der Parlamentarierin wäre ja dann: Für die Bevölkerung stellvertretend zu entscheiden. Kann man das dann noch, wenn man zu wenig geschlafen hat?
Prof. Rasch: Da wird’s nun tatsächlich spannend. Ich denke, am Morgen und vielleicht am Nachmittag kann man es noch relativ gut kompensieren, wenn man sein Schlafbedürfnis nicht erfüllt hat. Aber wenn es dann später wird – acht, neun, zehn Uhr abends – dann spielen diese Müdigkeitseffekte schon eine wichtige Rolle.
Da kann es dann eben sein, dass die Entscheidung doch nicht mehr so rational abläuft: Dass nicht mehr alle Aspekte miteinbezogen werden, wie wir das von den Politikern gerne hätten. Da werden dann möglicherweise Entscheide doch intuitiver gefällt. Und das kann dann schon ein Problem sein.
Nau.ch: Was soll man dagegen tun? Man hört immer wieder, man soll doch zum Beispiel nach dem Mittagessen einen Powernap machen.
Prof. Rasch: Das wäre doch schon eine erste, sehr pragmatische Lösung. Dass man sich einfach sagt: Ich merke, ich habe ein erhöhtes Schlafbedürfnis, ich lege mich, wenn ich kann, nach dem Mittagessen eine halbe Stunde hin.
Da ist jetzt aber erstaunlich: Wo macht man denn das hier, in diesem Bundeshaus? Es gibt gar keine Möglichkeit! Ich kann mich nicht einfach in der «Galerie des Alpes» auf zwei Stühle legen – das käme sicher komisch an.

Nau.ch: So wird das Klischee, dass die eh nur den ganzen Tag vertrödeln und dafür Sitzungsgeld kassieren, noch bestärkt.
Prof. Rasch: Genau, das wäre natürlich auch ein verrücktes Bild, wenn man sieht, wie die Parlamentarier im Bundeshaus schlafen und dafür auch noch Sitzungsgeld erhalten. Aber ich glaube, da verwechselt man was.
Wir wollen ja wirklich, dass sie rationale, für die Gesellschaft gute Entscheidungen treffen. Da möchten wir, dass sie so leistungsfähig wie möglich sind.
Und der Schlaf ist die entscheidende Grundlage, dass wir den Tag über komplexe Dinge verarbeiten und dann auch entscheiden können. Das heisst: Wir müssten eigentlich froh sein, wenn sie sich den Schlaf holen, den sie brauchen.

Nau.ch: Was kann die Bevölkerung aus diesen Erkenntnissen mitnehmen? Wir entscheiden zwar nicht über Gesetzestexte, müssen aber genauso leistungsfähig sein. Was können wir daraus lernen?
Prof. Rasch: Zum einen können wir daraus lernen, dass die Politikerinnen und Politiker viel für uns leisten. Das müssen wir einfach anerkennen: Dass sie sehr belastet sind und viel zu tun haben.
Wir können natürlich daraus lernen, dass wir uns überlegen: Wie schlafe ich eigentlich selber, wie organisiere ich meinen Tag und meinen Schlaf.
Natürlich lässt sich das nicht immer so einfach umsetzen: Man hat Schule, man hat Arbeit, man hat gewisse Zwänge. Trotzdem ist diese Diskussion wichtig: Dass ich auch mir selber klar mache, «ich brauche diese Erholungszeiten, ich muss schauen, was mein Schlafbedürfnis ist».
Und wenn ich mal wirklich nicht gut schlafen kann: Ja gut, dann lege ich mich halt mal hin. Warum denn nicht?
Ich bin jetzt müde, und statt mich aufzuputschen mit Red Bull oder Kaffee, kann ich sagen: Ich schlafe jetzt mal eine halbe Stunde. Das können wir alle davon lernen.












