Mafia

Mafia im Misox: Darum wird Graubünden zum Tummelplatz für Clans

Matthias Bärlocher
Matthias Bärlocher

Chur,

Gemäss Mafia-Experte Francesco Lepori liegt es primär an den Behörden – denn im Tessin mache man es besser.

roveredo
Roveredo GR wurde zuletzt mit Mafiaaktivitäten in Verbindung gebracht. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Im italienischsprachigen Misox breitet sich die Mafia aus.
  • Dem Kanton Graubünden fehlen die Mittel im Kampf gegen die organisierte Kriminalität.
  • Ein Mafia-Experte bezweifelt dies und warnt: Noch mehr Mafia-Dichte gebe es im Mittelland.

Das Misox, das Tal in Südbünden an der Grenze zum Tessin, steht seit Jahren im Fokus von Behörden und Experten. Kriminelle Netzwerke, sogenannte Clans, haben sich dort festgesetzt.

So lebten unter anderem vier Mafiosi jahrelang unbehelligt in Roveredo GR und wuschen dabei Millionen von Euro. Tausende von Briefkastenfirmen deuten auf Geldwäsche hin.

Francesco Lepori ist Leiter des Observatoriums für organisierte Kriminalität an der Universität Lugano. Er kennt die Strategien der Clans wie kaum ein anderer. Im Interview mit dem «Bündner Tagblatt» analysiert er die Schwachstellen der Bündner Behörden. Und warum das Misox für die Mafia so attraktiv ist.

Francesco Lepori
Francesco Lepori ist operativer Leiter des Tessiner Observatoriums für organisierte Kriminalität an der Universität Lugano. - Screenshot usi.ch

Denn seit fast zwei Jahrzehnten warnen Politiker und Expertinnen vor der Mafia-Infiltration im Misox. Doch das Problem wird eher grösser als kleiner. Ein zentraler Grund dafür ist laut Lepori der Mangel an Personal bei Schlüsselstellen wie der Kantonspolizei oder dem Migrationsamt.

Graubünden mit «kurzsichtiger Sichtweise»

Das Tessin dagegen zeige, wie es gehen könnte. Trotz knapper Finanzen hat der Südkanton die Kontrollen beim Migrationsamt und beim Konkursamt verstärkt.

«2019 wurde dort ein Buchhaltungsexperte eingeführt, der der Staatsanwaltschaft Verdachtsfälle meldet», sagt Lepori. Graubünden hingegen gibt an, nicht über die nötigen Mittel zu verfügen.

Siehst du die Mafia als Bedrohung für die Schweiz?

Lepori nennt das eine «kurzsichtige Sichtweise»: «Diese Investitionen würden sich nämlich weitgehend amortisieren.» Der Schaden, den kriminelle Organisationen für die Wirtschaft und die öffentlichen Kassen verursachen, wäre damit vermeidbar.

So erfuhr das kantonale Migrationsamt Graubündens von den Vorstrafen der verhafteten Mafiosi erst, als die Aufenthaltsbewilligungen längst erteilt waren. Die Information kam vom Tessin – aber zu spät.

Laut Lepori wäre das vermeidbar gewesen: «Eine einfache Internetrecherche hätte ergeben, dass der 52-jährige Neapolitaner bereits mehrmals im Fadenkreuz der italienischen Justiz stand.»

Bündner Korrektheit dient der Mafia als Schutzschild

Das Tessin verlangt für Aufenthaltsbewilligungen Strafregisterauszüge und bewegt sich damit in einer rechtlichen Grauzone. Graubünden beharrt dagegen auf einer strengen Rechtsauslegung. Lepori bezeichnet die Bündner Haltung als «grosses Geschenk, verpackt in einen grossen Vorwand».

Beste RAV - Tessin
Das Tessin macht es gemäss Francesco Lepori dank unkonventionellen Methoden besser im Kampf gegen die Mafia. - keystone

Denn die Tessiner Praxis ist nicht neu. «Das Tessin hat die Pflicht zur Vorlage eines Strafregisterauszugs für Bewilligungen vor mehr als zehn Jahren eingeführt», so Lepori. «Ohne dass Bern je interveniert hat.» Die «Bündner Korrektheit» werde damit zum Vorteil für kriminelle Strukturen.

Die Gesellschaft darf laut Lepori nicht einfach zuschauen. «Der Kampf gegen das organisierte Verbrechen kann nämlich nicht an Politiker oder Strafverfolgungsbehörden delegiert werden», sagt er. Die Empörung der Bevölkerung im Misox sei deshalb nicht nur verständlich, sondern notwendig.

Mafia im Mittelland

Ein weiteres strukturelles Problem betrifft den Datenaustausch zwischen den Kantonen. Polizeidaten können bis heute nicht kantonsübergreifend geteilt werden.

Das Projekt POLAP, ein Vorhaben des Fedpol für eine gemeinsame Plattform, steckt fest. «Die Motion, aus der das POLAP-Projekt hervorgegangen ist, stammt bereits vom Juni 2018», kritisiert Lepori.

mafia
Grössere Brennpunkte der Mafia liegen laut Experten in den Kantonen Aargau, Basel, Zürich und St.Gallen. (Symbolbild) - keystone

Die Mafia hingegen agiert ohne Grenzen und zunehmend digital vernetzt. «Es wird nicht einfach sein, die rechtlichen Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Und dies in einer Welt, in der sich das organisierte Verbrechen immer schneller und ohne Grenzen bewegt», so Lepori. Das Misox sei dabei kein Einzelfall.

Laut Daten der Bundespolizei sei das Mittelland das Gebiet mit der höchsten Mafia-Dichte in der Schweiz. Gemeint ist die Achse durch die Kantone Basel, Aargau, Luzern, Zürich, Thurgau und St. Gallen.

Kommentare

User #2227 (nicht angemeldet)

Unsere Gesetze sind auch zu lasch denn wir Erinnern uns an die div Straftaten der letzten Jahren auch werden falsche Gutachten gemacht die danach keine Konsequenzen gehabt haben für den Gutachter oder doch? siehe in Basel oder vor ein paar Jahren als eine Frau Betreuerin mit einem Häftling einen Termin wahrnehmen musste ! Oder man schaue bei Inside Justiz.ch an was auch in Graubünden war und ein …zu Gunsten eines ….! Und die Person nur leicht ….wurde! Traurig! Darum wäre sehr wichtig für unser Land mehr Geld in die Hand zu nehmen und Personal aufzustocken um jeden Kanton durchzuleuchten wer irgendwelche Verbindungen zur Mafia hat ! Und auch die Grenzen eine Zeitlang zu kontrollieren auch die Grünen Grenzen! Sonst werden wir nicht Herr der Lage

User #1565 (nicht angemeldet)

Der Staat profitiert halt auch vom organisierten Verbrechen, sobald da mit einem Restaurant oder so Geld gewaschen und versteuert wird…

Weiterlesen

koks
231 Interaktionen
Brennpunkte
Franken Zins
15 Interaktionen
Neues Design
Bildung
53 Interaktionen
Bildung

MEHR MAFIA

Nitto Santapaola
5 Interaktionen
Mailand
12 Interaktionen
Bellinzona
morettis
82 Interaktionen
Mafia-Experte
8 Interaktionen
Neapel

MEHR AUS GRAUBüNDEN

7 Interaktionen
Ab neuem Jahr
EHC Chur
Eishockey