Der Bundesrat beobachtet die sinkenden Spitaleinweisungen und wartet ab. In den sozialen Medien toben die Lockdown-Befürworter und beleidigen Alain Berset.
Coronavirus
Der Bundesrat und Alain Berset wollen noch abwarten. - Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Bundesrat verzichtet aufgrund der sinkenden Spital-Einweisungen auf Massnahmen.
  • Alain Berset macht klar, dass die rekordhohen Fallzahlen kein Kriterium mehr sind.
  • In den sozialen Medien wird der SP-Gesundheitsminister wüst beschimpft und beleidigt.

Die Fallzahlen des Coronavirus erreichen täglich neue Rekordstände. Die über 31'000 Fälle am Mittwoch übertreffen gar die vorhergesehenen Szenarien der wissenschaftlichen Taskforce deutlich. Die Omikron-«Wand» hat die Schweiz also definitiv erfasst.

Coronavirus Fallzahlen Januar
Die Fallzahlen des Coronavirus erreichen im Januar neue Rekordwerte. Am 5. Januar meldet das BAG über 31'000 neue Infektionen. - zvg/BAG

Die Krux dabei: Die Hospitalisierungen gehen weiterhin zurück. Die Belastung der Intensivstationen hat gemäss BAG-Daten ebenfalls nicht zugenommen. Damit scheint sich zu bestätigen, was aufgrund von Daten aus Südafrika und anderen Ländern zu erwarten war: Omikron ist deutlich milder als Delta.

Spitalbealstung Coronavirus Januar
Die Zahl der neuen Spital-Einweisungen ist seit mehreren Wochen rückläufig, wie BAG-Daten zeigen.
BAG Coronavirus Intensivstationen Omikron
Auf den Intensivstationen macht sich die Omikron-Wand ebenfalls (noch) nicht bemerkbar. Deshalb wartet der Bundesrat zu.

Das ist mittlerweile auch die offizielle Haltung der Landesregierung. Diese weilt bis am 12. Januar in den «Ferien». Oder politisch korrekt ausgedrückt: in der sitzungsfreien Zeit. Dennoch bleibt sie beschlussfähig – und Gesundheitsminister Alain Berset ist keineswegs abwesend.

Coronavirus: Alain Berset fokussiert auf Spitalbelastung

Am Mittwochabend meldet sich der Freiburger bloss via Twitter zu Wort – schliesslich gibt es keine neuen Entscheide oder gar weiterführende Massnahmen. Aber: Er verkündet in den sozialen Medien transparent, dass er sich mit den kantonalen Gesundheitsdirektoren ausgetauscht habe.

Alain Berset Twitter
Bundesrat Alain Berset twitterte am Mittwoch, er habe sich mit den kantonalen Gesundheitsdirektionen ausgetauscht. - Twitter / @alain_berset

Die Botschaft könnte dabei deutlicher nicht sein: Die Lage ist ernst. Aber für den Bundesrat sind die hohen Fallzahlen gesundheitspolitisch völlig egal. Sie werden nicht mit einem Wort erwähnt. Entscheidend für neue Massnahmen – welche inklusive «Schliessungen» bereitstehen – sind die Spital-Kapazitäten. Ganz besonders jene auf den Intensivstationen.

Verstehen Sie die Zurückhaltung des Bundesrats?

Dort hat sich Omikron bisher gemäss BAG-Daten nicht wirklich bemerkbar gemacht. Das kann aufgrund der üblichen Verzögerung von Infektionen zu Hospitalisierungen und Todesfällen allerdings noch folgen. Das dürfte jedem selbsternannten Corona-Experten genauso klar sein wie dem Bundesrat.

Bundesrat wird auf Twitter wüst beschimpft

Auf Alain Bersets Kommunikationskanal Twitter hingegen sind die Meinungen gemacht – auch wenn nur ein Bruchteil der Bevölkerung überhaupt einen Account auf dem Netzwerk besitzt. Teilweise ritzen die Beschimpfungen in Richtung des SP-Magistraten die Grenzen des guten Geschmacks.

Ein anonymer User fordert etwa, dass der Bundesrat vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag (NL) gestellt wird. Zur «netteren» Sorte der Reaktionen gehört: «Treten Sie zurück und nehmen Sie Ihre 6 Kollegen mit. Das Land hat genug gelitten. Danke.»

Berset
Ein User fordert, dass Berset vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag (NL) gestellt wird.
Berset
Ein anderer will den Rücktritt des Gesamtbundesrats.
Berset
Dieser User wünscht sich sofortige und harte Massnahmen.
Berset
Auch besorgt wegen der Langzeit-Folgen von Covid zeigen sich Twitter-User.
Twitter
Viele haben auch Angst vor einer Durchseuchung der Kinder.

Der Grossteil der Twitter-Bubble ist der Ansicht, dass es höchste Zeit ist, Restaurants und Läden trotz bereits strikter Vorgaben wieder zu schliessen. Viele machen sich auch Sorgen, weil in etlichen Kantonen der Schulstart bevorsteht. Sie fürchten sich vor einer «Durchseuchung» ihrer Kinder.

Berset erklärt zwar, dass die Effekte des Schulstarts genau beobachtet würden, fokussiert in seiner Stellungnahme aber auch auf die Wirtschaft. Diese müsse sich auf viele Personalausfälle gefasst machen.

Alain Berset Twitter
Berset twittert, die Wirtschaft müsse sich «auf mehr Ausfälle vorbereiten». - Twitter / @alain_berset

Diesbezüglich hat das Bundesamt für Gesundheit bereits reagiert und empfiehlt eine kürzere Quarantänefrist. Die meisten Kantone verordnen seither bloss sieben statt zehn Tage Quarantäne bei engen Kontakten zu positiv Getesteten.

Wirtschaft will lockern – was macht der Bundesrat?

Viel weiter geht der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Er will die Isolationsdauer von zehn auf fünf Tage verkürzen. Als Vorbild dienen hier die Vereinigten Staaten unter Präsident Joe Biden, welche diese Regelung eingeführt haben.

Ob die schweizerische Landesregierung ebenfalls diesen Weg geht, wird sich zeigen. Der Bundesrat fokussiert jedenfalls offiziell nicht mehr auf Fallzahlen. Er dürfte aktuell der Ansicht sein, dass es für einen Lockdown längst zu spät ist. Denn bis dieser wirkt, könnte die Omikron-Wand bereits gebrochen sein.

Ob diese Hoffnung vieler berechtigt ist, weisen wohl die Spitaleinweisungen sowie die Belastung der Intensivstationen in den nächsten Tagen. Auf Twitter sind die Meinungen jedenfalls gemacht.

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