Analyse: So emotional sind Reden im Bundeshaus

Keystone-SDA
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Bern,

Wildes Gestikulieren und lautes Schreien? Die Reden im Bundeshaus kommen eher ohne grosse Emotionen aus. Das zeigt eine neue Umfrage.

Reden im Parlament
Die Reden im Schweizer Parlament sind nicht von grossen Emotionen geprägt – zumindest normalerweise. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Anteil emotionaler Äusserungen im Parlament ist seit 1999 nahezu gleich geblieben.
  • Eine Studie hat über einen Zeitraum mehr als 180'000 Reden der Politiker untersucht.
  • Im Vergleich mit den USA ist der Anteil emotionaler Reden hierzulande 14-mal geringer.

Reden im Parlament verlaufen gesittet und ohne grosse Emotionen – zumindest normalerweise.

Der Anteil emotionaler Äusserungen in der Schweizer Politik ist zwischen 1999 und 2025 nahezu gleich geblieben.

Das zeigt eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage, die die Schweiz mit anderen Ländern vergleicht. Die Erklärung könnte in der Besonderheit des Schweizer Demokratiemodells liegen.

180'000 Reden im Parlament analysiert

Diese Ergebnisse hat die politische Analyseplattform «DemoSquare», ein Spin-off der Technischen Hochschule Lausanne (EPFL), mithilfe künstlicher Intelligenz herausgefunden.

Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit der Zeitung «Le Temps» und der Universität Zürich erstellt. Sie liess die Plattform über einen Zeitraum von 25 Jahren mehr als 180'000 Reden im Schweizer Parlament analysieren.

Im betrachteten Zeitraum war der Anteil emotionaler Reden in der Schweiz beispielsweise siebenmal geringer als in Frankreich. Im Vergleich mit den Vereinigten Staaten war der Anteil sogar 14-mal geringer.

Diese Unterschiede werden auf die Art und Weise zurückgeführt, wie Politik in verschiedenen Ländern funktioniert. Das gibt Hugo Subtil, Politikexperte bei «DemoSquare» und Forscher an der Universität Zürich gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA an.

Subtil stellt fest: «Die Schweiz kennt ein eher lokales Demokratiemodell, bei dem die gewählten Vertreter engeren Kontakt zu den Bürgern haben.»

Das Konkordanzmodell und die direkte Demokratie spielten dabei sicherlich ebenfalls eine Rolle, so Subtil. Zudem seien Schweizer Politiker viel weniger in sozialen Netzwerken präsent, wo die Äusserungen oft am emotionalsten seien.

SVP ist treibende Kraft

Nach einem anfänglichen Rückgang zu Beginn der 2000er-Jahre nahm die Emotionalität im Nationalrat zu.

Allerdings betrug der Anstieg zwischen dem ersten und dem jüngsten beobachteten Vierjahresdurchschnitt nur 3,7 Prozentpunkte. Der Anstieg in vergleichbaren Parlamenten anderer Länder war deutlich ausgeprägter.

Hinter dieser Entwicklung sei die SVP die treibende Kraft: Die Partei verzeichnet der Studie zufolge rund 76 Prozent mehr emotionale Reden als noch am Anfang der 2000er-Jahre.

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Der Anteil ist von etwa 16 auf 29 Prozent gestiegen. Bei keiner anderen der untersuchten Parteien übertrumpfte die Wut die Begeisterung so deutlich, wie bei der SVP. Und auch die Hoffnung wurde in der Studie durchweg von der Angst übertroffen.

Bei den Grünen ist laut der Studie die Emotionalität im Gegensatz dazu um etwa ein Drittel zurückgegangen: Von etwa 39 auf 29 Prozent.

Nach und nach nahmen die Reden einen eher deliberativen Ton an. Bei der FDP blieb sie gering und stabil bei um die 10 Prozent. Die Grünliberalen sind die einzige Partei, bei der nicht die Wut, sondern Begeisterung überwog. Geringere Schwankungen stellte «DemoSquare» bei der SP und der Mitte fest.

Über den betrachteten Zeitraum hinweg äusserten sich Grüne durchschnittlich am emotionalsten, FDP und Mitte dagegen am zurückhaltendsten.

Diese Themen polarisieren

Auch zwischen den Geschlechtern gab es in der Studie deutliche Unterschiede. Männer brachten ihre Emotionen stärker bei internationaler Politik und Einwanderung zum Ausdruck.

Frauen hingegen reagierten emotionaler auf Fragen der sozialen Sicherheit, Gesundheit und Arbeit. Bei beiden Geschlechtern sorgten Bürgerrechte für intensivere emotionale Reaktionen als jedes andere Thema.

Auch die Auswirkungen internationaler Krisen zeigte die Studie: Sie stellte während der Pandemie und des Krieges in der Ukraine eine starke Zunahme von mit Angst verbundener Sprache fest.

Jüngere Parlamentsmitglieder besonders emotional

Über den gesamten Zeitraum hinweg war emotionale Rhetorik im Ständerat nur halb so häufig wie im Nationalrat. Zwischen 1999 und 2003 lag sie bei 7,5 Prozent. Zwischen 2020 und 2024 stieg sie auf 9,8 Prozent. Im Nationalrat stieg der Anteil von 17,9 auf 21,6 Prozent.

Der Anteil emotionaler Redebeiträge sei ab dem Amtsantritt bei allen Bundesrätinnen und Bundesräten gesunken. Am stärksten aber war der Rückgang bei Bundesrat Albert Rösti. Damit zeigt die Studie, dass auch die institutionelle Rolle die politische Rhetorik beeinflusst.

Albert Rösti
Bei Bundesrat Albert Rösti war der Rückgang emotionaler Redebeiträge am stärksten. - keystone

Emotionaler zeigten sich zudem jüngere Parlamentsmitglieder. Bei den nach 1980 Geborenen gab es mit 26,6 Prozent den höchsten Anteil emotionaler Reden.

Bei in den 1940er-Jahren Geborenen lag der Anteil bei 15,9 Prozent. Ob dieser Unterschied einen Generationswandel widerspiegelt oder lediglich einen altersbedingten Effekt darstellt, konnte die Untersuchung aber nicht feststellen.

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