«Beim Schwarzfahren in Berlin erwischt – und dann das!»

    Mirjam Walser
    Mirjam Walser

    Bern,

    Schwarzfahren und dann erwischt werden? Wie doof! Es droht eine fette Busse. Doch Berlin überrascht mich mal wieder – im Gegensatz zur Schweiz.

    Ticketautomat Berlin
    Wenn man kein Abo hat, vergisst man schon mal, ein Billet zu lösen. Glück, wenn es niemand merkt. Teuer, wenn kontrolliert wird. Ausser man ist in Berlin. - Adi Levy / Depositphotos

    Das Wichtigste in Kürze

    • Kolumnistin Mirjam Walser ist von Bern nach Berlin umgezogen.
    • Dort ist sie ohne Ticket im Berliner ÖV erwischt worden.
    • Bei Kontrollen in der Schweiz und in Berlin zeigen sich klare Mentalitätsunterschiede.
    • Was in Berlin passiert ist, wäre in der Schweiz wohl nie möglich gewesen.

    Es begann harmlos. Ich hatte meine beiden Hunde an der Leine. Total aufgedreht, weil sie genau wussten, dass es zur Hundewiese ging. Ein Highlight im Berliner Grossstadtdschungel.

    Der eine zog nach links, die andere nach rechts. Irgendwo bellte ein anderer Hund. Menschen stiegen ein, jemand drängelte, jemand telefonierte laut. Ich versuchte gleichzeitig, Leinen zu entwirren, die Bustür zu erwischen und nicht über Pfoten zu stolpern.

    Dann hörte ich plötzlich dieses Wort, welches im ÖV sofort Puls und Blutdruck steigen lässt: «Fahrkartenkontrolle!» Ich tastete reflexartig nach dem Handy, öffnete die App und sah sofort: Kein Billet. Nein! Schon wieder vergessen!

    Bist du schon einmal schwarzgefahren?

    Süsse Hunde als Pfand

    Der Kontrolleur kam näher. Die Hunde schauten begeistert zu ihm hoch, als würde es gleich ein Leckerli geben. Ich hingegen versuchte möglichst glaubwürdig auszusehen wie jemand, der definitiv nicht absichtlich schwarzfährt.

    Ich erklärte hastig, dass ich das Ticket einfach vergessen hatte zu lösen. Zwei Hunde, Stress, kurze Strecke, mache ich nie wieder – und so weiter.

    Der Kontrolleur sah mich kritisch an, dann musterte er die Hunde. Die Hunde blickten schwanzwedelnd zurück. Und dann passierte etwas, das selbst mich überraschte. Er sagte: «Na gut. Dann lösen Sie es jetzt.» Ich durfte das Billet im Bus nachkaufen.

    Merlin und Layza
    Da waren sie glücklich. Nach der Busfahrt ging es auf die Hundewiese. - zVg

    Beim Aussteigen meinte er noch trocken: «Beim nächsten Mal behalte ich aber die süssen Hunde als Pfand.» Ich lachte und stieg aus. Dieses lockere Handhaben bei einem vergessenen Ticket wäre in der Schweiz wohl undenkbar gewesen.

    Regel ist Regel – egal ob es Sinn macht

    Kürzlich musste ich deshalb an einen Instagram-Beitrag der Schweizer Schauspielerin Deborah Barbieri denken. Barbieri erzählt darin, wie sie trotz eines gelösten Billets eine 100-fränkige Busse erhält. Was ist passiert?

    Barbieri wartet am Bahnhof Zürich Stadelhofen auf ihren Zug, als plötzlich ein verspäteter Zug einfährt, der in die gleiche Richtung fährt. Also denkt sie sich: Warum nicht gleich diesen nehmen? Sie löst das Billet noch schnell vor dem Einsteigen, alles schön regelkonform.

    Doch bei der Kontrolle hagelt es eine Busse. Barbieri ist schockiert.

    Instagram Screenshot Deborah Barbieri
    In diesem Video erzählt Deborah Barbieri, wie sie trotz gelöstem Billet eine 100-fränkige Busse kassiert. - Screenshot Instagram @deborahbarbieri

    Der Kondukteur klärt auf: Es zähle eben nicht die effektive, sondern die offizielle Abfahrtszeit, die im Fahrplan steht. Egal, ob man ein Billet vor dem Einsteigen gelöst hat oder nicht oder der Zug dreissig Minuten später abfährt. Regel ist Regel.

    Und Barbieri ist anscheinend nicht die Einzige, der das passiert ist. In den Kommentaren unter ihrem Beitrag meldeten sich weitere Menschen, denen genau dasselbe widerfahren war. Sie waren ebenfalls spontan in verspätete Züge eingestiegen, hatten ihr Ticket noch schnell gelöst – und durften dafür bezahlen.

    Die Schweiz liebt ihre Regeln. Und mit den Regeln im Schweizer ÖV bin auch ich schon kollidiert – selbstverständlich unbeabsichtigt.

    Kein Billet? Schwerverbrecherin!

    Auf der Strecke Bern–Zürich habe ich ebenfalls einmal eine saftige Busse kassiert. Ich hatte nichts Böses im Sinn. Nach vielen Jahren mit GA war ich schlicht im falschen Modus. Ich stieg in den Zug, setzte mich hin und merkte erst nach ein paar Minuten: Moment mal, da fehlt doch was.

    Doch da war es bereits zu spät. Kontrolle – und Mirjam hat kein Billet. Natürlich war es mein Fehler. Ich habe ohne zu murren die Busse beglichen.

    Billet Kontrolleur SBB
    Immer ein kleiner Stressmoment, selbst wenn man ein gültiges Ticket hat: Billetkontrolle im Zug. - Keystone

    Aber was mir bis heute in Erinnerung geblieben ist, ist nicht der Ärger über meine eigene Unachtsamkeit. Es war die Art und Weise, wie ich auf mein Vergehen hingewiesen wurde.

    Der Ton liess vermuten, dass ich nicht einfach ein Billet vergessen hatte, sondern eine international gesuchte ÖV-Verbrecherin wäre, die im nächsten Moment ein Fenster einschlagen und aus dem fahrenden Zug springen würde.

    Diese Mischung aus aggressiver Genugtuung und bürokratischer Überkorrektheit machte das Erlebnis so unangenehm, nicht die Busse an sich.

    Etwas mehr Menschlichkeit, bitte

    Berlin ist definitiv nicht für alles ein Vorbild. Im Gegenteil. Hier läuft vieles chaotischer, manchmal auch nerviger. Busse kommen zu spät, U-Bahnen fallen aus, und niemand weiss so genau, ob die Rolltreppe jemals wieder funktionieren wird.

    Aber es gibt etwas, das ich hier immer wieder erlebe: Eine gewisse Lockerheit im Alltag. Nicht alles wird sofort zur Grundsatzfrage. In manchen Momenten entscheidet nicht nur die Regel über die Situation, sondern auch der Mensch und seine Geschichte.

    Berlin Bus BVG
    In den Berliner Bussen geht es oft ruppig zu und her. Aber wenn es darauf ankommt, zeigt sich auch eine überraschende Portion Menschlichkeit. - Depositphotos

    Natürlich ist Schwarzfahren nichts, worauf man stolz sein sollte. Aber wir alle kennen Situationen, in denen einfach etwas schiefgeht. Man vergisst etwas, man ist im Stress und denkt gleichzeitig an zehn Dinge, aber einfach nicht ans Billet.

    Da hilft ein kleiner Moment Berliner Gelassenheit – und vielleicht zwei treuherzige Hundeaugen –, damit aus einem potenziellen Konflikt einfach nur eine kleine, lustige Alltagsszene wird.

    Beim nächsten Mal löse ich jedenfalls wieder ein Ticket – sogar für meine Hunde. Versprochen.

    Zur Person

    Mirjam Walser (39) ist 2018 von Bern nach Berlin gezogen. In ihrer Kolumne berichtet sie über die Unterschiede und Gepflogenheiten der Hauptstädter – und was sie voneinander lernen können.

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    Kommentare

    User #5150 (nicht angemeldet)

    Das stimmt so nicht, bei einem normalen Billet zählt die effektive Abfahrtszeit, anders bei einem Sparbillet, das gilt nur für den jeweiligen Zug.

    User #5443 (nicht angemeldet)

    Ich finde auch ohne Navi zum Bio-Laden. Ich bin Weg-Ahner

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