Berlin-Schweizer: «Vor den Linken habe ich mehr Angst als vor AfD»
Beni Durrer und sein Mann wollen endgültig weg aus Berlin. Nach der Wahl sieht der Schweizer keine Entspannung und überrascht mit seiner Sicht auf die AfD.

Das Wichtigste in Kürze
- Beni Durrer will Berlin mit seinem Mann endgültig verlassen.
- Der Schweizer erlebt die Stimmung in der Stadt weiterhin als angespannt.
- Als schwuler Mann macht ihm der AfD-Zuwachs nach eigener Aussage keine Angst.
- Den Wahlsieg der Linken sieht er dagegen mit grosser Sorge.
In Berlin ist gewählt worden. Die Linke wurde stärkste Kraft, auch die AfD konnte deutlich zulegen. Einer, der das Ergebnis genau verfolgt, ist der Schweizer Visagist und Unternehmer Beni Durrer.
Seit Jahrzehnten betreibt er gemeinsam mit seinem Mann René Durrer-Lehmann einen Beauty-Salon in Berlin.

Inzwischen pendeln die beiden zwischen Berlin und Luzern. Schon länger steht für sie fest, dass sie ihren Lebensmittelpunkt vollständig in die Schweiz verlegen wollen. Gegenüber Nau.ch machten sie dafür vor allem ihr gesunkenes Sicherheitsgefühl verantwortlich. Denn schon vor der Haustür wurden die beiden wegen ihrer sexuellen Orientierung angepöbelt.
Hat sich nach der Wahl etwas daran geändert? Ganz im Gegenteil.
Kunden seien «fassungslos und geschockt»
Mit dem Wahlsieg der Linken habe er gerechnet, sagt Durrer zu Nau.ch. «Wir haben nichts anderes erwartet in Berlin.»
Von einer neuen Aufbruchstimmung spüre er bislang wenig. Viele Kundinnen und Kunden seien vielmehr «fassungslos und geschockt» und würden sich fragen, was nun passiere.
Allerdings schränkt Durrer ein: Er sei erst seit zwei Tagen wieder in der Stadt. Viel habe sich im Alltag deshalb noch nicht verändert. Aus seiner Sicht sei die Situation weiterhin genauso angespannt wie zuvor.
Dass nach dem Wahlkampf nun wieder Ruhe einkehren könnte, glaubt er nicht. «Auf gar keinen Fall, jetzt gehts erst richtig los!», sagt Durrer.
00:00 / 00:00
Er berichtet von mehreren Situationen der vergangenen Wochen, in denen er sich bedroht gefühlt habe und die Polizei rief. In einem Fall sei ein Streit mit zwei Jugendlichen vor seinem Geschäft eskaliert. Durrer habe sich schliesslich in ein Hotel zurückgezogen und von dort die Polizei alarmiert.
Innerhalb von zwei Wochen habe er insgesamt dreimal die Polizei gerufen, erzählt er. Die Vorfälle hätten seinen Entschluss zum Abschied weiter gefestigt.
«Es wird immer schlimmer»
«Gerade weil wir jetzt seit bald einem Jahr zwischen Luzern und Berlin hin und her pendeln, haben wir immer gleich den direkten Vergleich», sagt Durrer. Es sei für ihn «unendlich traurig», was mit der Stadt passiere.
Dabei war gerade die Vielfalt einst ein Grund, weshalb es Durrer nach Berlin zog. Vor rund 30 Jahren habe ihn das multikulturelle Leben der Stadt begeistert, schreibt er Nau.ch.
Heute empfindet er die gesellschaftliche Stimmung als zunehmend aufgeheizt. Zugleich betont er, Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft pauschal beurteilen zu wollen.
AfD macht schwulem Unternehmer keine Angst
Überraschend fällt Durrers Antwort aus, als Nau.ch ihn auf das starke Ergebnis der AfD anspricht.
Ob ihm der Zuwachs der Partei als schwulem Mann Sorgen bereite? «Nein, im Gegenteil», sagt Durrer.

Er bezeichnet sich selbst als «ganz normalen schwulen Mann, der halt anstatt einer Frau einen Mann liebt». Mit dem Begriff «queer» könne er sich nicht identifizieren. Auch von der heutigen Ausrichtung vieler CSD-Veranstaltungen habe er sich entfernt.
Früher sei er regelmässig bei den Demonstrationen dabei gewesen. Damals sei es darum gegangen, sichtbar zu werden und für gesellschaftliche Akzeptanz zu kämpfen.
Heute fühlt er sich dort nicht mehr vertreten. «Damit können sich viele normale Schwule nicht mehr identifizieren», sagt Durrer über Teile der queeren Bewegung.
Seine Aussage, die AfD habe «nichts gegen normale Schwule», ist dabei seine persönliche Einschätzung. Die Partei vertritt in der Familien-, Geschlechter- und Queerpolitik deutlich konservativere Positionen und fordert beispielsweise in Berliner Bezirksprogrammen ein Ende dessen, was sie als «Queer-Separatismus» bezeichnet.
Durrer fürchtet Linke stärker
Deutlich kritischer blickt Durrer auf den Wahlsieg der Linken. «Vor denen habe ich definitiv mehr Angst als vor der AfD», sagt er.
Seine Sorge verbindet er vor allem mit der Sicherheitslage in Berlin. Durrer befürchtet, dass sich diese unter einer stärkeren Linken weiter verschärfen könnte.
Die Partei selbst setzt bei der Polizei auf andere Schwerpunkte. Spitzenkandidatin Elif Eralp hatte im Wahlkampf unter anderem gefordert, die Polizei von bestimmten Aufgaben zu entlasten.
Ob die Linke künftig tatsächlich mitregiert, ist allerdings noch offen.
«Ein Zurück gibt es für uns nicht mehr»
Für Durrer und seinen Mann René ändert die Wahl deshalb nichts an ihren Plänen. Im Gegenteil. Viele Menschen würden ihnen sagen, dass der Schritt in die Schweiz richtig gewesen sei, erzählt er.

«Ein Zurück gibt es für uns nicht mehr», sagt Durrer. Seiner Ansicht nach seien über Jahre zu viele politische Fehlentscheidungen getroffen worden, um die Entwicklung kurzfristig wieder umzukehren.
Für das Ehepaar bedeutet das: Der Abschied von Berlin bleibt beschlossene Sache.
















