Darf man sich auf die Fussball-WM noch freuen?
«Midlife-Crisis? Ach was! Als Mitt-Vierziger geht das Leben erst richtig los», schreibt Fabian Ruch. Der Kolumnist freut sich auf die Fussball-WM – und Neymar.

Das Wichtigste in Kürze
- Journalist Fabian Ruch schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
- Der 48-jährige Berner schreibt über das Leben im Midlife-Crisis-Alter.
- Heute schreibt Ruch über die Fussball-WM.
- Die WM 2026 wird vom 11. Juni bis zum 19. Juli in den USA, Mexiko und Kanada ausgetragen.
In meiner letzten Kolumne schrieb ich darüber, wie es als 48-jähriger Mann ist, immer noch Fussball zu spielen.
Mittlerweile sind die ersten Begegnungen des Jahres verletzungsfrei überstanden, es hat wie seit über vier Jahrzehnten Spass gemacht, in unserem Über-30-Team sind ein paar 30-Jährige neu dabei – die mir schon aufgezeigt haben, warum sie meine Söhne sein könnten.

Älterwerden wird einem heute einerseits leichter gemacht, es gibt 1001 Produkte, die helfen sollen, die Haut zu straffen, die Haare zu färben, den Bauch zu verkleinern.
Andererseits wird es einem schwerer gemacht, weil es 1001 Produkte gibt, die Haut zu straffen, die Haare zu färben, den Bauch zu verkleinern.
Haare früh ausgefallen
Ich habe mich entschlossen, diesen Optimierungswahn nicht bedingungslos mitzumachen. Warum eigentlich auch? Ich stelle es mir sehr stressig vor, den Alterungsprozess künstlich aufzuhalten.
Die Haare sind mir ohnehin schon früh ausgefallen (die Gene halt), das ist durchaus praktisch – und ich treibe fast schon exzessiv Sport, damit kann ich die Ausdehnung des Bierbauchs zumindest ein wenig eindämmen.
Der Rückzug ins Private
Mich stört dieser grassierende Gesundheitswahn, der allgegenwärtig ist. Im Starbucks kann man aus 101 unterschiedlichen Milchprodukten auswählen, wer noch viel Fleisch isst, gilt fast schon als Nerd.
Jedes Glas Alkohol ist laut neuesten Studien sehr, sehr böse und gefährlich – und in einigen Ländern soll nun sogar verboten werden, Zigaretten zu rauchen! Was soll das bitte schön?
Ich bin ein grosser Freund der individuellen Freiheit, solange sie die Freiheit der anderen nicht einschränkt.
Die Entwicklung ist erschreckend, und ich gebe mir wirklich die allergrösste Mühe, nicht wie ein Wutbürger zu wirken. Oder findet man solche Dinge einfach mühsamer, wenn man älter wird?
Auf meine grundsätzlich zuversichtliche, manchmal vielleicht naive Haltung bin ich ein wenig stolz. Die Welt ist sehr kompliziert geworden – Klima, Kriege, KI.
Die Unsicherheit ist lähmend, der Rückzug ins Private augenfällig, auf Social Media ist es ungefähr so asozial wie in den Kommentarspalten im Internet. Traurig, traurig.
Panini-Bildli im Sommer 1986
Das führt mich zur Frage: Was verbindet Menschen eigentlich noch? Und wo erlebt man auch im Midlife-Alter noch ungehemmte Glücksgefühle? Meine Antwort: An der Fussball-WM!
Meine ersten Erinnerungen sind von 1986, Weltmeisterschaft in Mexiko (wie in diesem Jahr). Panini-Bildli tauschen in der Badi Köniz, ein Maradona gegen fünf bärtige Ungarn, das Jahrhundertspiel Brasilien – Frankreich, der Start meiner grenzenlosen Liebe für Brasilien, der erste Held Zico, die Freude über Deutschlands Niederlage im Final, unbeschwerter Sommer, kindlicher Enthusiasmus.

Grenzenlose Liebe zu Brasilien
Ein paar Weltmeisterschaften später ist die grenzenlose Liebe zu Brasilien geblieben (und Deutschland kommt nicht mehr in Finals).
Ich war an der WM 1994 in den USA (wie in diesem Jahr) mit Papa im Final in Los Angeles im Stadion, als Brasilien siegte.
Ich guckte vor ein paar Tagen brasilianisches TV, als das Kader der Brasilianer bekanntgegeben wurde – und wie Millionen Menschen in Brasilien jubelte ich, als ob gerade ein sehr entscheidendes Tor gefallen wäre, als die zuvor unsichere Nominierung meines Helden Neymars für die WM feststand.
00:00 / 00:00
Panini-Bildli sammelt heute der Sohn, das Heft ist dick geworden, und um es zu füllen, muss man viel Geld ausgeben.
Das passt zur ungesunden Entwicklung im Fussball und führt mich zu einer fast schon philosophischen Frage: Darf man sich eigentlich noch auf die Fussball-WM freuen? In diesen Zeiten!
Mit diesen schwierigen Themen, mit dem US-Präsidenten Donald Trump und dem FIFA-Boss Gianni Infantino als Gesichter des Turniers, mit dem Krieg im Iran und anderswo, mit dieser politisch aufgeladenen Stimmung, mit 1001 Nebenschauplätzen.
Die WM übersteht alle Skandale
Ich finde: Ja, unbedingt, man muss sich sogar freuen! Die Fussball-WM ist das einzige Ereignis, bei dem sich die ganze Welt am Lagerfeuer versammelt, Brot und Spiele, und bald darf ja ohnehin jede Nation am Weltturnier teilnehmen.
Es geht ums Geld, logisch, Fussball ist immer ein Spiegelbild der Welt und der Gesellschaft gewesen.
Ich war beruflich als Journalist in den letzten 22 Jahren an jedem grossen Turnier (WM und EM) für Tamedia und später für die NZZ dabei, immer wochenlang.
Und ich habe das genossen, aber eigentlich war in den letzten zwei Jahrzehnten jede WM irgendwie umstritten, in Südafrika, Brasilien, Russland (!), zuletzt Katar, selbst das Sommermärchen 2006 in Deutschland hat längst ein paar Kratzer bekommen.
Und doch: Die Fussball-WM ist bei allen Abgründen und Lügen und bei aller offensichtlicher Geldmacherei eine Veranstaltung, die für ein paar Wochen Milliarden von Menschen Spass bereitet.
Ich freue mich darauf, endlich wieder einmal nach langer Zeit eine WM zu Hause zu geniessen, Grillfeste und Gartenbeizen, Spiele mit dem Sohn zu schauen, nicht am Turnier wochenlang im Einsatz zu stehen.
Zwei Präsidenten als Sinnbild
Wenn man älter wird, wird man: Realistischer, abgehärteter, ernüchterter, abgestumpfter, vielleicht schwächer, demütiger, müder, im besten Fall ruhiger, klarer, souveräner (und natürlich genervter, gestresster, unsouveräner, jedenfalls manchmal).
Ganz sicher aber weiss man (oder vielleicht besser: Wüsste man) eigentlich, was richtig und falsch ist.
Man weiss also: Die Entwicklung im Fussball ist schlimm, es ist zu viel Geld, Korruption, Machtgehabe im Spiel, der freakige Präsident im Weissen Haus wird die Fussball-WM für seine Zwecke instrumentalisieren, der entrückte Präsident aus dem Wallis in der FIFA-Zentrale darf sich alles erlauben und sogar einen Friedenspreis an einen Menschen verleihen, der Kriege führt. Was soll's?

Der Widerstand findet gar nicht mehr erst gross statt. 2022 in Katar diskutierten wir noch über Regenbogen-Captainbändeli und Menschenrechte, jetzt ist es seltsam still.
Spielen halt 48 Nationen mit, es ist die Magie und die Faszination eines Turniers, das uns begleitet, seit wir denken können.
Auch ich werde mitfiebern, mit Brasilien, ganz fest und voller Liebe, selbst wenn mein Liebling Neymar abgesehen von seinem einmaligen Talent als Fussballer vermutlich kein einziges Kriterium erfüllt, um so zu sein, wie ich es mir von meinem Sohn erhoffe.

Motzen, jammern und kritisieren
Ich weiss: Das klingt alles furchtbar schief, vielleicht auch absurd. Aber hey: Es ist die Fussball-WM. Und ich freue mich darauf.
Es wird genug gemotzt, gejammert und kritisiert – für ein paar Wochen sitzen wir alle gebannt vor den TV-Geräten.
Und wenn Trump und Infantino dann Neymar am 19. Juli in New York nach dem Final die Auszeichnung für den besten Spieler der WM überreichen und Brasilien zum sechsten Mal Weltmeister geworden ist, werde ich ein sehr glücklicher Mensch sein.

Zum Autor
Fabian Ruch (48) ist selbständig im Bereich Kommunikation, er arbeitet unter anderem als Journalist, hat das Frauen-Sportmagazin «Sportlerin» gegründet und einen Fussball-Podcast (Anderi Liga 2.0). Er schreibt auf Nau.ch über Tücken, Herausforderungen und Chancen im Midlife-Leben. Und darüber, wie man die Balance zwischen Arbeit und Alltag, Familie und Freizeit behält und auch mal verliert – als Sportjunkie und Selbständiger, Spielernatur und Suchtreisender.








