Älter werden: Irgendwann kommt das letzte Fussballspiel!
«Midlife-Crisis? Ach was! Als Mitt-Vierziger geht das Leben erst richtig los», schreibt Fabian Ruch. Aber: Man müsse die eigenen Grenzen akzeptieren lernen.

Das Wichtigste in Kürze
- Journalist Fabian Ruch schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
- Der 48-jährige Berner schreibt über das Leben im Midlife-Crisis-Alter.
- Heute schreibt Ruch über Sport – und durchaus schmerzhafte Prozesse im Alter.
Ich spiele seit 43 Jahren Fussball. 1983 trat ich als Fünfjähriger dem FC Köniz bei. Mein erstes Spiel als F-Junior war in Delémont, wir verloren 1:7.
Der FC Köniz war damals in der sogenannten «Talentgruppe» vertreten, wir fuhren für ein Fussballspiel von 2 mal 20 oder 25 Minuten regelmässig quer durch die Schweiz. Es war ein bisschen wahnsinnig, es waren andere Zeiten.

Ein grosses Talent übrigens war keiner von uns, aber das ahnten wir damals nicht. Wie träumten davon, Fussballprofi zu werden, so wie es Millionen von Mädchen und Buben heute immer noch weltweit tun.
Unser Sohn ist 10 Jahre alt, längst spielen die Kinder in diesem Alter zum Glück in regionalen Turnieren, mit kurzen Anfahrtswegen und mit mehreren Spielen an einem Tag.
Und dank YouTube und anderen Quellen im Internet können die Jungs heute mit 10 Jahren mehr Tricks, als ich in bald einem halben Jahrhundert als Fussballspieler überhaupt jemals gekannt habe.
Seniorenfussball – und so sieht es auch aus
Meine Karriere als Fussballer verlief bescheiden. Weil ich den Fussball aber liebe und ihm auch beruflich seit Ewigkeiten als Journalist und Podcaster verbunden bin, spielte ich einfach immer weiter.
Bald wurde ich auch Trainer, zuerst bei den Junioren, später unter anderem beim FC Breitenrain, mit 25 Jahren war ich Spielertrainer in der 3. Liga. Auch aus zeitlichen Gründen verfolgte ich die Laufbahn als Coach nicht mit letzter Konsequenz.
Fussballer bin ich stets geblieben. Auf überschaubarem Niveau, seit vielen Jahren im Firmenfussball.
Als kleiner Bub ging ich immer an die Spiele meines Vaters beim FC Köniz, zuerst bei den Senioren, später bei den Veteranen, heute heissen diese Kategorien 30+ und 40+. Klingt freundlicher und weniger abwertend.
Ein Senior (oder sogar Veteran) aber bin ich mit 48 längst. Wir spielen am Samstagmittag regelmässig in einer Halle unter Freunden, kürzlich nahm unser Sohn ein Video auf. Nun ja, unter uns: Es ist altersgerechter Zeitlupenfussball, schwierig anzuschauen. Auf dem Feld oder in der Halle haben wir allerdings nicht das Gefühl, so langsam und behäbig zu sein.

Zuerst verdrängt man die Entwicklung
Auch als Fussballer wird man älter. Ich treibe ziemlich viel Sport, gehe oft ins Gym, halte mich fit.
Aber die Gegenspieler in der 30+-Kategorie könnten mittlerweile teilweise meine Söhne sein – rein theoretisch. Noch wehre ich mich dagegen, in der 40+-Liga wie bei den damaligen F-Junioren im 7-gegen-7-Modus zu spielen, noch möchte ich auf dem grossen und richtigen Fussballfeld aktiv sein, 11 gegen 11.
Denn was geblieben ist: Diese kindliche Freude am Fussball, die Momente in der Kabine, die Harasse Bier nach einem Sieg (oder nach einer Niederlage), ein toller Pass, ein Weitschusstor, klägliche Fehlschüsse, Freude und Frust, Euphorie und Ernüchterung, Jubel und Jammer.
Man merkt es natürlich körperlich, dass man älter und schwächer wird. Die Beine sind schwerer nach einem Spiel, die Regeneration dauert länger, man kommt zu spät in einen Zweikampf, ist noch langsamer geworden als ohnehin schon, die Schüsse sind ein wenig schwächer und unpräziser.
Zuerst verdrängt man das, schliesslich muss man es akzeptieren, irgendwann stellt sich die bittere Frage: Wie lange noch?
Wann wird aus Lust Last?
Ich habe viele Kollegen in meinem Alter, die nicht mehr Fussball spielen. Meistens bedingt durch eine Verletzung, oft am Knie.
Ich bin bisher verschont geblieben von Verletzungen, was einerseits damit zusammenhängt, dass ich viel Sport und Fitness betreibe, und andererseits damit, dass ich nie der allerhärteste Zweikämpfer war und auch einmal zurückziehe im Duell um den Ball. Und sicherlich war auch Glück dabei.
Ich erinnere mich gut an einige letzte Fussballspiele von Freunden. Damals war ihnen nicht klar, dass sie nie mehr auf dem Rasen stehen werden, 11 gegen 11, mit ihren Teamkollegen.

Nie mehr – es ist eine harte Wortkombination. Gerade im Fussball. Und mir ist klar, dass dieses letzte Spiel kommen wird. Vielleicht 2026, vielleicht 2027, vielleicht auch erst 2030.
In meinem Team hat es einen Spieler, der noch ein paar Jahre älter ist, wir spielen seit bald 20 Jahren zusammen (auch in der Halle). Chrigu ist ein Phänomen, und ich liebe es, mit ihm zusammen im zentralen Mittelfeld zu spielen. Aber wie lange noch? Wann wird aus Lust Last, wann reicht es nicht mehr, wann ist es halt auch einfach genug – und auch gut so?
Der Kreislauf des Lebens
Grosse Fragen. Fast schon philosophische Fragen. In ein paar Wochen findet unser erstes Spiel in diesem Jahr statt. Ich habe das Gefühl, fit und gesund zu sein. Aber ich spüre und realisiere, dass ich 48 bin und nicht mehr 24. Logisch? Klar!
Aber eben: Man verdrängt, hofft, bangt. Ich trainiere den Körper, so gut es geht, ich möchte noch lange spielen. Aber Fussball, der beste Sport der Welt, ist wie das Leben ein faszinierender Kreislauf. Man beginnt als Bub aus körperlichen Gründen auf dem kleinen Feld – und man hört im höheren Alter aus körperlichen Gründen auf dem kleinen Feld auf.
43 Jahre Fussballspieler. Eine unfassbar lange Zeit, Tausende Spiele, hunderte Siege, dutzende Enttäuschungen. «Dul-X»-Duft in der Garderobe, stinkende, dreckige Fussballschuhe, fehlende Schienbeinschoner, das Traumtor 2014 im Cupfinal der Berner Firmenfussball-Meisterschaft (vielleicht war es gar nicht so traumhaft, vielleicht auch nicht 2014, aber egal), die verpasste Chance aus drei Metern vor ein paar Monaten, die in keinem Slapstick-Jahresrückblick fehlen würde, gäbe es an unseren Partien TV-Aufnahmen (zum Glück gibt es das nicht).
Und natürlich: Die Rückennummer 14 – immer, seit über drei Jahrzehnten. Ein grosser Hauch Melancholie schwingt mit in all diesen Erinnerungen. Und wir alle, die gerne und leidenschaftlich Sport treiben, wissen Bescheid.
Der Sohn wird immer kräftiger
Ich spiele oft draussen auf dem Schulhausplatz Fussball mit dem Sohn. Er wird von Jahr zu Jahr besser und kräftiger. Vor ein paar Tagen waren seine Schüsse fast so hart wie von einem Erwachsenen, bald ist er stärker als ich. Wann? In zwei, drei, vier Jahren? Ich weiss noch genau, wo und wie ich meinen Papa zum ersten Mal im Tennis schlug (auf Kos, ich war 12). Der Kreislauf des Lebens.
Irgendwann wird auch für mich das letzte Fussballspiel sein. Nie mehr! Zum Glück werde ich es wohl vorher nicht wissen.
Wie man vorher nicht weiss, wann es das letzte Mal sein wird, dass die Kinder auf dem Arm der Mutter oder des Vaters einschlafen – oder in der Nacht ins Bett der Eltern schlüpfen wollen.
Zum Autor
Fabian Ruch (48) ist selbständig im Bereich Kommunikation, er arbeitet unter anderem als Journalist, hat das Frauen-Sportmagazin «Sportlerin» gegründet und einen Fussball-Podcast (Anderi Liga 2.0). Er schreibt auf Nau.ch über Tücken, Herausforderungen und Chancen im Midlife-Leben. Und darüber, wie man die Balance zwischen Arbeit und Alltag, Familie und Freizeit behält und auch mal verliert – als Sportjunkie und Selbständiger, Spielernatur und Suchtreisender.








