«Bei uns gibt es zu viele Jammeris – dabei leben wir im Paradies!»

Fabian Ruch
Fabian Ruch

Bern,

«Midlife-Crisis? Ach was! Als Mitt-Vierziger geht das Leben erst richtig los», schreibt Kolumnist Fabian Ruch. Es sei auch eine Frage der Haltung.

Fabian Ruch
Fabian Ruch in Australien. - zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • Journalist Fabian Ruch schreibt auf Nau.ch neu Kolumnen.
  • Der 48-jährige Berner schreibt heute darüber, dass «Midlife-Crisis» viele Chancen bietet.

Meine erste Kolumne an dieser Stelle im Januar hat mir viel Feedback eingebracht. Mit Verwunderung habe ich festgestellt, wie viele Reaktionen es dabei auch auf das Aussehen gab. Auf Äusserlichkeiten also, die offenbar in diesen Social-Media-Zeiten für viele Menschen enorm wichtig sind.

Es ist und bleibt der falsche Ansatz. Tatsächlich werden wir alle älter (wirklich!) – die Haare werden weniger, die Falten mehr. So what?

Wie lebt man das Leben?

Es geht darum, was man aus seinem Leben macht. Und ich habe, denke ich, bisher einen gesunden Umgang gefunden, mit den Schwierigkeiten in dieser komplizierten Welt umzugehen.

Zumindest versuche ich es. Selbst wenn ich zwar ein News-Junkie bin. Und wer ständig Nachrichten konsumiert, muss mit dem Lauf der Zeit hadern: Kriege, Klimawandel, Katastrophen.

Aber: Es geht darum, wie man sein Leben lebt. Klingt naiv und simpel? Mag sein, aber letztlich ist es so.

Ich habe das letzte Mal geschrieben, dass ich davon träume, ein Buch zu schreiben mit dem Titel: «Lebe so, wie wenn du mit 50 sterben würdest!» Damals war ich 47, mittlerweile bin ich 48, viel Zeit würde also nicht mehr bleiben. Und was würden Menschen machen, wenn sie wüssten, dass sie in zwei Jahren sterben werden?

Sie würden bewusster, intensiver, freier leben! Und genau das ist der entscheidende Ansatz.

Was ist wirklich wichtig?

Selbstverständlich gelingt mir das auch keineswegs immer, aber ich probiere es immer wieder. Im Bewusstsein, in ein paar Jahren nicht mehr zu leben, würden viele Sorgen und Beschwerden irrelevant.

Man würde sich auf das konzentrieren, was einem wirklich wichtig ist. Man würde Dinge nicht verschieben, weniger stur und unerbittlich sein, man würde mehr verzeihen und weniger hadern. Man möchte schöne Momente erleben und sich so verhalten, dass man den Menschen in guter Erinnerung bleibt.

Und vor allem: Man würde das tun, was einem wichtig ist. Und vieles, was einen nervt und stört, würde einen nicht mehr nerven und stören.

Das grosse Bild im Blick

Ich denke und sage bei Problemen oft: «Das ist doch nicht so schlimm!» Für die Mitmenschen ist diese Haltung manchmal nicht einfach, Das ist mir klar.

Es ist jedoch wichtig, das grosse Bild im Blick zu haben. Und gerade wenn man die Ereignisse in dieser Welt verfolgt, sollte man jeden Tag dankbar sein, in der Schweiz leben zu dürfen.

Leider ist die Schweiz ein Land mit vielen missgelaunten Menschen. Blicken Sie mal am Morgen im Tram oder im Bus oder im Zug in die Gesichter. Gerade Menschen ab 40 Jahren werden verbitterter, negativer, neidischer.

«Midlife-Crisis» bietet viele Chancen

Dabei bietet auch die vermeintliche «Midlife-Crisis» viele Chancen. Wir sind reifer und im besten Fall ruhiger. Wir haben Schicksalsschläge erlebt, wir müssten eigentlich nicht mehr jeden Tag Haare und Falten beobachten. Wir wüssten, was gut für uns ist – doch die Zeit läuft davon im Hamsterrad.

Das muss nicht sein. Wenn man in der Gegenwart lebt, nicht der Vergangenheit nachtrauert, nicht die Zukunft verflucht.

Ich bin beispielsweise immer viel gereist und habe die Welt gesehen, ich habe versucht, Träume zu erfüllen und Dinge eben nicht auf später zu verschieben. Und im Ausland wird einem besonders bewusst, wie schön und sicher wir es in der Schweiz haben, wie frei und friedlich wir leben, wie gut es uns geht.

Fabian Ruch
Fabian Ruch liebt Rio und Brasilien. - zvg

Mir ist klar, dass es auch in unserem Land viele Menschen gibt, die keine grossen Reisen machen können, die ernsthafte Sorgen haben, denen es schlecht geht. Dennoch ist die Schweiz im weltweiten Vergleich ein Paradies.

Es geht also um Optimismus, Lebensfreude, Enthusiasmus, um Mut, Energie, Haltung. Die Lebensmitte kann eklig sein, weil zum Beispiel die Regeneration nach dem Sport länger dauert, weil sich die Spuren des Lebens am Körper bemerkbar machen können, weil man ganz einfach realisiert, dass man nicht mehr 25 ist.

Als ich 12 Jahre alt war, dachte ich über Menschen, die 48 sind, sie seien uralt. Jetzt bin ich 48, die Tochter ist 12. Und ich realisiere, dass ich ja gar nicht uralt bin (ob meine Tochter das auch so sieht, weiss ich nicht, sie sagt es mir zumindest nicht so).

Die Schweiz ist ein Paradies

Ich realisiere immer mehr, dass es wie ein Lottosechser ist, in der Schweiz geboren zu sein. Wir können uns frei bewegen und reisen, in vollen Supermärkten einkaufen, die Strassen sind sauber, die Züge fahren pünktlich.

SBB Zug in den Alpen
Die Züge fahren in der schönen Schweiz fast immer pünktlich. Sonst fragen Sie doch mal in Deutschland nach. - zvg

Wir dürfen mehr oder weniger sagen und schreiben, was wir möchten, ohne Angst zu haben (und dürfen Kritik und Häme auf Kolumnenbeiträge anbringen). Wir dürfen abstimmen, wählen, mitbestimmen in der Politik. Das ist verdammt viel im Vergleich zu den allermeisten Ländern auf dieser Welt.

Lebst du gerne in der Schweiz?

Und ganz ehrlich: Mir ist die Schweiz oft zu eng, zu bünzlig, es gibt zu viel Neid und Missgunst, zu viele Jammeris und Nörgler.

Es gibt viele Orte auf der Welt, die ich liebe, zum Beispiel Rio de Janeiro (Sehnsuchtsort!), New York, Perth, Las Vegas, Florenz, Sydney, Lissabon, Los Angeles und viele mehr.

Als Tourist ist es wunderschön dort. Aber es gibt vermutlich kaum ein Land mit einer höheren Lebensqualität als die Schweiz – gerade wenn man Kinder hat.

Wenn ich wüsste, dass ich noch zwei Jahre zu leben hätte, würde ich trotzdem noch einmal versuchen, alle Lieblingsorte zu besuchen. Und wenn ich 50 bin, werde ich im fiktiven Buchtitel die Zahl 50 auf 55 ändern.

Fabian Ruch.
Neuer Nau.ch-Kolumnist: Der Berner Journalist Fabian Ruch. - zvg

Zur Person

Fabian Ruch (48) arbeitet als Journalist unter anderem für die NZZ, hat das Frauen-Sportmagazin «Sportlerin» gegründet und einen Fussball-Podcast (Anderi Liga 2.0). Er schreibt auf Nau.ch über Tücken, Herausforderungen und Chancen im Midlife-Leben. Und darüber, wie man die Balance zwischen Arbeit und Alltag, Familie und Freizeit behält und auch mal verliert – als Sportjunkie und Selbständiger, Spielernatur und Suchtreisender.

Kommentare

User #1168 (nicht angemeldet)

Genau darum sollten diejenigen nicht in Vergessenheit geraten welche dieses sogenannte Paradies aufgebaut haben.

User #1099 (nicht angemeldet)

Dankbarkeit in diesem Paradies geboren zu sein ist das eine, Scham darin zu leben, müsste das andere sein. Sich auf Kosten der Völker wie die Made im Speck verhalten ist nicht mein Lebensweg. Ich werde es mir nicht bequem machen und das leben geniessen, während die Menschen der Erde immer noch für unseren Luxus sterben. Ich bin empört und werde mich empören solange diese globale Ungerechtigkeit besteht. Ich werde übrigens 51 und lebe gerade in den letzten Wochen meiner vor 31 Jahren an Krebs verstorbenen Mutter. Dass das leben endlich ist, lernte ich früh und lebe seit da auch danach.

Weiterlesen

Fabian Ruch
18 Interaktionen
Fabian Ruch (47)
KI-Mönch
36 Interaktionen
Verkauft Bücher
Bier
129 Interaktionen
«Midlife-Crisis»

MEHR AUS STADT BERN

Saunaare Saunawagen Bern
«Saunaare»
andrea bauer
Apropos
Sion gege YB
83 Interaktionen
1:3-Pleite in Sion
Sion YB
83 Interaktionen
Nivokazi-Dreierpack