Der Filmklub für Kinder hat sich seit 30 Jahren zum Ziel gesetzt, das Kinopublikum von morgen zu sozialisieren. Die Berner SP-Politikerin Meret Schindler war eines der ersten Mitglieder der Zauberlaterne.
Die Berner SP-Politikerin Meret Schindler sass schon als Kind gerne im Kinosessel. Sie gehörte zum den ersten Mitgliedern der Zauberlaterne.
Die Berner SP-Politikerin Meret Schindler sass schon als Kind gerne im Kinosessel. Sie gehörte zum den ersten Mitgliedern der Zauberlaterne. - sda - Keystone/PETER SCHNEIDER
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Das Wichtigste in Kürze

  • Meret Schindler erinnert sich noch genau, wie sie dicht gedrängt mit all den anderen Kindern im Foyer des Berner Kino Capitol stand und darauf wartete, dass sich die Türen des Kinosaals endlich öffneten.

Die Spannung und der Duft von Popcorn in der Luft. «Die Vorfreude war fast noch wichtiger als der Film, der danach gezeigt wurde», erinnert sie sich.

Die heute 36-Jährige war als Kind bei den ersten Jahrgängen dabei, die die Zauberlaterne, den Filmklub für Kinder, besuchten. Allein mit dem Bus von der Schosshalde zum Zytglogge, rein ins Abenteuer Kino, für Meret Schindler waren das prägende Erlebnisse. Heute sind zwei ihrer drei Söhne Mitglieder. Bänz, der die erste Klasse besucht, ist neu im Klub im Pathé Westside und zieht Bilanz: «Filme im Kino zu sehen ist auf jeden Fall viel besser, als zu Hause nicht Fernsehen schauen zu dürfen.»

Der Filmklub, der sich an Kinder zwischen 6 und 12 Jahren richtet, besteht seit 30 Jahren. 1992 fand die erste Zauberlaterne-Vorstellung im Kino Apollo in Neuenburg statt. Gezeigt wurde Charlie Chaplins «The Gold Rush» vor 500 jungen Zuschauerinnen und Zuschauern. Zwei Jahre später wurde auch in der Stadt Bern ein Klub eröffnet. Heute findet die Zauberlaterne schweizweit in 80 Kinos statt.

Aus gesellschaftlicher Sicht begrüsst Meret Schindler, die Co-Präsidentin der SP Stadt Bern ist, die moderaten Abopreise: Die Mitgliederbeiträge sind bewusst niedrig gehalten, ab dem dritten Kind ist der Beitrag sogar umsonst. Das niederschwellige Angebot richtet sich an alle Bevölkerungsschichten. Möglich ist dies dank grossflächigen Subventionen von Stadt und Kanton Bern.

Gezeigt werden in der Zauberlaterne, die neunmal im Jahr stattfindet, nicht die neusten Pixar-Filme oder das x-te «Harry Potter»-Spin-Off, sondern Werke, die allesamt mit dem Gütesiegel «wertvoll» versehen werden könnten. Darunter auch Stummfilme von Buster Keaton oder Harold Lloyd.

Kann man das heutigen Kindern, die mit Netflix aufgewachsen und sich 20-Minuten-Kurzfutter wie «Paw Patrol» gewöhnt sind, überhaupt noch zumuten? Barbara Burger, seit 2013 Geschäftsleiterin der Zauberlaterne Bern, ist erstaunt, wie gut diese alten Schwarz-Weiss-Filme immer noch funktionieren. «Die Kinder haben einen direkten Zugang zu den Situationen und Gefühlen, die in Stummfilmen vermittelt werden. Es gibt keine Metaebene und keine Textlastigkeit.» Oft beobachte sie nach der Vorstellung, wie die Kinder ihren Eltern die Slapstick-Einlagen aus dem Film vorführen.

Das beste an der Zauberlaterne ist – da sind sich Mutter und Sohn Schindler einig –, dass das Kinoerlebnis ohne Eltern stattfindet. Wobei Barbara Burger den Kindern diese Freiheit manchmal erst freischaufeln muss: «Es ist schon vorgekommen, dass ich besorgte Mütter oder Väter aus dem Saal beten musste, die ihren Kindern bessere Plätze zuweisen und sie davon abhalten wollten, in der ersten Reihe zu sitzen.»

Fürchtet sich ein Kind, kann es sich an eine sogenannte «Angsttante» richten. Gemeinsam mit einer freiwilligen Helferinnen oder einem Helfer wird der Saal verlassen und im Foyer kurz durchgeatmet. Oft sei auch die Konzentration ein Problem, sagt Burger. Nach der pandemiebedingten Pause habe sie eine grosse Unaufmerksamkeit unter den Kindern festgestellt. Zuhören und still sein, das muss jetzt erst wieder erlernt werden.

Auch Bänz war schon einmal froh um eine «Angsttante». Die Lehrerin Frau Knüppelkuh im Film «Matilda» nach Roald Dahl, fand er «voll gruslig und mega schlimm». Nach einer Pause, in der er Rätsel gelöst habe, traute er sich wieder rein. «Wir legen Wert darauf, dass sich die Kinder wenn immer möglich das Ende des Films anschauen: Es gibt bei uns nämlich immer ein Happy End», so die Geschäftsleiterin.

Dennoch: Die Zauberlaterne traut den jungen Zuschauerinnen und Zuschauern etwas zu und zeigt nicht nur Heile-Welt-Filme. Der koreanischen Spielfilm «Jibeuro» etwa, über einen Jungen, der von Seoul zu seiner Grossmutter aufs Land ziehen muss, oder der Schweizer Stummfilm «Kindergesichter» von 1935, der davon handelt, wie eine Familie mit dem Tod der Mutter umgeht. «Als in einem Film eine Scheidung Thema war, füllte sich das Foyer mit weinenden Kindern, deren Eltern sich gerade trennten.»

Genau darum geht es Burger: die Kinder alle Emotionen des Kinos erfahren zu lassen. «Wir zeigen Geschichten, aus denen sie im besten Fall verändert herauskommen», sagt sie. «Und natürlich wollen wir auch ein Stück Filmgeschichte vermitteln.» Bei der Zauberlaterne geschieht dies auf spielerische Weise, mit einer Einführung vor der Vorstellung und einer szenischen Darbietung, die sich mit dem Filmthema auseinandersetzt.

Die Ausbildung des Publikums von morgen, das ist das langfristige Ziel der Zauberlaterne. «Die Kinder befähigen, eine kritische Haltung einzunehmen, und im Alltag audiovisuelle Inhalte differenziert zu reflektieren», so die Ausführung des Klubs.

In Zeiten des Kinosterbens und des Homekinos ein schöner Gedanke. Ist auch aus Meret Schindler dank der Zauberlaterne eine fleissige Kinogängerin geworden? «Meine Eltern besassen aus Überzeugung keinen Fernseher, ich schaute Filme ausschliesslich im Kino. Heute mit Arbeitsalltag und Kindern ist es oft schwierig, Zeit frei zu schaufeln», sagt sie und fügt lachend an: «Fürs Kino werde ich nach meiner politischen Pensionierung wieder Zeit haben.»

*Dieser Text von Sarah Sartorius, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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