«Wie beim Zahnarzt»: Plötzlich sehen immer mehr Cafés steril aus
Je reduzierter der Einrichtungsstil, desto länger die Warteschlange: Das hat es mit dem Hype um steril eingerichtete Lokale auf sich.

Das Wichtigste in Kürze
- Bei den Trend-Cafés geht es nicht nur um guten Kafi – auch die sterile Optik muss stimmen.
- Ein Experte erklärt, warum der minimalistische Stil so viele Kunden anzieht.
- Der Stil wirkt beruhigend und ist Instagram-tauglich – doch es gibt kritische Stimmen.
Was ein gutes Kafilokal ausmacht? Hauptsache, der Cappuccino schmeckt gut, würde man meinen.
Heutzutage gesellen sich auch andere Faktoren zu der Entscheidung, wo der morgendliche Wachmacher geholt wird. Überhaupt geht es schon lange nicht mehr nur um den Geschmack.
Die hippen Lokale in Schweizer Grossstädten machen es vor – und zeigen ein Muster auf. So etwa «The Matcha Club» mit zwei Filialen in Zürich. Eine davon befindet sich im Hauptbahnhof in der Sihlquai-Passage.

Wie der Name bereits verrät, lockt der Laden vor allem Fans des grünen Trendgetränks Matcha.
Doch nicht nur das Angebot, auch der Einrichtungsstil weckt Neugier: Läden mit steril-minimalistischer Ästhetik erfreuen sich grosser Beliebtheit. Dabei sieht es hier aus wie beim Zahnarzt oder im Chemielabor.
Ein weiteres Beispiel hat sich gleich gegenüber einquartiert: Das ebenfalls rein weisse «Miró Café». Die Rösterei zeigt sich von einer kühlen Seite – nebst den Produkten ist nicht viel zu sehen.

Wie sich der Steril-Trend erklären lässt, ordnet Stefan Leuenberger gegenüber Nau.ch ein. Er ist Wohn- und Architekturpsychologie-Fachexperte am entsprechenden Institut IWAP.
Die Beliebtheit von «The Matcha Club» und Co. liegt gemäss Leuenberger «in ihrer klaren Abgrenzung vom Gewohnten» begründet.
Ordnung und Übersicht in einer «überladenen Welt»
In unserer «visuell und medial überladenen Welt» wimmelt es nur so von Reizüberflutungen – und das nicht nur im Hauptbahnhof. Umso reizvoller wirken da reizreduzierte Cafés.
Leuenberger erklärt: «Reduzierte Räume mit wenigen Farben und klaren Linien wirken für viele Menschen beruhigend.»
Die Ordnung und Übersicht würden einen Kontrast zum komplexen Alltag bieten.
Sterile Ästhetik für das perfekte Insta-Föteli
Auch um ihre soziale Funktion zu erfüllen, müssten sich Cafés klar vom «Normalen» unterscheiden: «Gerade bei jüngeren Zielgruppen ist ein trendiges Erscheinungsbild entscheidend.»
Dazu gehöre, ob sich Bilder für Instagram und Co. knipsen lassen. «Die sterile Ästhetik eignet sich besonders gut für Social Media», so Leuenberger.
Denn: «Sie ist fotogen, lenkt nicht ab und unterstützt gezielte Selbstinszenierung.»
Das «Miró Café» ist sich bewusst, dass sein Lokal video- und fotogen ist. Für Co-Inhaber David Sanchez ist das aber, wie er gegenüber Nau.ch erklärt, eher «ein dankbarer Nebeneffekt und nicht Ausgangspunkt des Designs».
Beim Einrichtungsstil des «Miró Café» gelte zudem die Devise «Design follows function». Die Funktion ist also wichtiger als das Design. Das sei wichtig, betont Sanchez, «weil unsere Räume in erster Linie Arbeitsorte sind».
Alrik Bytyqi ist CEO von «The Matcha Club». Er erkennt in der Beliebtheit des Lokals einen «Zusammenhang mit einem gesellschaftlichen Wandel». Nämlich hin zu «weniger Überfluss, mehr Bewusstsein, weniger Lautstärke und mehr Qualität».
Einrichtungsstil birgt Nachteile für Personal
Wie Nau.ch jedoch bereits in der Vergangenheit berichtete, hat das dauerhaft niedrige Stimulationsniveau gerade für die Mitarbeiter auch eine Kehrseite.
Denn: «Was für Gäste kurzfristig Ruhe vermittelt, kann für das Personal langfristig anstrengend sein», erinnert Experte Leuenberger.
Ein Ambiente «wie beim Zahnarzt»
Doch die schlichte Ästhetik sagt auch längst nicht jedem Gast zu. Ein «The Matcha Club»-Kunde hielt seine kritische Meinung auf Google-Rezensionen fest.
Seine Bilanz zum Ambiente: Es sehe aus «wie beim Zahnarzt» und wirke «kühl».
Letzterem schliesst sich ein anderer User an. Auch das Wort «steril» liess er in seiner Bewertung nicht aus. Eine Atmosphäre, die zum langen Verweilen und ausgiebigen Käfelen lädt – Fehlanzeige.
Auch ein historisches Gebäude in Bundesbern schliesst sich dem reizreduzierten Stil an. Das denkmalgeschützte Kaiserhaus in der Marktgasse wurde im April dieses Jahres neu eröffnet.
Der Retail-Teil dürfte für Minimalismus-Freaks ein wahrliches Shopping-Paradies darstellen.
Selbst in der Kinderbücher-Abteilung scheint sich hinter der Ästhetik ein System zu verbergen. Dem Regal ein Produkt zu entnehmen, ist beinahe zu schade um die Ordnung.
Anfassen auf eigene Gefahr!

















