Beim Wettlesen um den Ingeborg Bachmann-Preis wurde der in der Schweiz lebende Autor Usama Al Shahmani mit «Porträt des Verschwindens» kontrovers aufgenommen.
Al Shahmani
In der Schweiz entdeckte der irakische Schriftsteller Usama Al Shahmani das Wandern - in seiner Heimat gibt es nicht einmal ein Wort dafür. - sda - Keystone/Ennio Leanza
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Das Wichtigste in Kürze

  • Beim Ingeborg Bachmann-Preis wurde Usama al Shahmani kontrovers aufgenommen.
  • Der in der Schweiz lebende Autor las aus seinem Werk «Porträt des Verschwindens».

«Porträt des Verschwindens» heisst der Text, den der in der Schweiz lebende Autor Usama Al Shahmani an den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt am Freitag vorgetragen hat. Die Jury hat kontrovers darüber diskutiert. Al Shamani ist in diesem Jahr der einzige Vertreter aus der Schweiz, der beim Ingeborg Bachmann-Preis antritt.

«Sprachen machen mich glücklich in meinem Exil», sagte Usama Al Shahmani im Vorstellungs-Video. Es lässt sich interpretieren, dass er diese Aussage als roten Faden in seinen Text eingewoben hat.

Erzählung über Gewalt im Iran und Irak

Al Shamani wählt in «Porträt des Verschwindens» die Perspektive eines Kindes. Er erzählt von den gewaltsamen Umbrüchen im Iran und Irak nach der Rückkehr von Ajatollah Ruhollah Chomeini 1979.

Zentral sind dabei zwei Frauenfiguren: die Grossmutter und deren Freundin, die emanzipierte Apothekerin Aschuak. Die Grossmutter ist Analphabetin und lässt sich auch von ihrer Freundin die arabischen Buchstaben nicht beibringen. Sie steht für die Tradition des mündlichen Erzählens.

Als das erste Gedicht ihres Enkels veröffentlicht wird, fährt sie sanft mit dem Zeigefinger über die gedruckte Namenszeile: «Ich möchte deinen Namen spüren, sagte Grossmutter.»

Unterschiedliche Bewertungen

Juror Philipp Tingler urteilte, der Text strotze vor Konventionalität. «Dieser Test ist so konventionell, als hätte ein Algorithmus ihn geschrieben», so seine Breitseite. «Betulich und konventionell», fanden den Text Mara Delius und Vea Kaiser.

Die Juryvorsitzende Insa Wilke zeigte sich «ambivalent». Der Perspektive des Kindes konnte sie etwas abgewinnen, kritisierte aber den Text insgesamt als Genre-Erzählung.

«Ruhig und einfach», urteilte hingegen Michael Wiederstein, der Al Shahmani auch eingeladen hatte. Er lobte, dass «das Pathos der Literaturtradition von Iran und Irak zurückgenommen und an der richtigen Stelle wieder eingeführt» werde.

«Sehr schön erzählt», fand Brigitte Schwens-Harrant. Und Klaus Kastberger «könnte diesem Autor noch viel länger zuhören.» Er hob die unterschiedlichen Vermittlungsformen von Geschichte und Erinnerung in den Figuren von Enkel und Grossmutter hervor. Zudem gefiel ihm der aufblitzenden Witz und Humor, so würden mit dem Text auch «Wunden geheilt».

Neuer Roman im August

Der Autor Usama Al Shahmani wurde 1971 in Bagdad geboren und lebt seit über zwanzig Jahren in der Schweiz. Er hat in seiner Heimat Arabisch und moderne arabische Literatur studiert, wegen eines Theaterstücks musste er fliehen. Er arbeitet als freier Autor, Übersetzer und jüngst als Literaturkritiker beim «Literaturclub» des Schweizer Fernsehen SRF. Sein neuer Roman «Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt» erscheint im August.

Das dreitägige Wettlesen um den Ingeborg Bachmann-Preis dauert noch bis Samstag. Die Vergabe der Preise findet am Sonntag 26. Juni statt.

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