«Sieht aus wie geplant» – User verdächtigen Personal von Bar
Die Walliser Staatsanwaltschaft schliesst ein Attentat auf die Bar in Crans-Montana aus. Trotzdem stellen User das Personal unter Verdacht.

Das Wichtigste in Kürze
- In der Silvesternacht in einer Bar in Crans-Montana VS kam es zu einem Brand.
- Auf Social Media sorgt eine bestimmte Maske für schreckliche Theorien.
- Soziologe Marko Kovic ordnet ein.
Nach Mitternacht ist die Silvesterparty in der Bar «Le Constellation» noch im vollen Gange. Fotos auf Social Media zeigen eine Frau mit Helm. In je einer Hand hält sie eine Champagnerflasche, auf der eine Wunderkerze brennt.
Die Walliser Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Wunderkerzen die Decke anzündeten. Dies soll die Brandkatastrophe in der Bar in Crans-Montana ausgelöst haben.
Ein Attentat könne den ersten Ermittlungsergebnissen zufolge ausgeschlossen werden, teilte die Walliser Staatsanwaltschaft am ersten Januar mit. «Es fand keine Explosion statt, es war ein Unfall, es ist kein Attentat», betont Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer an einer Medienkonferenz.
Maske von Guy Fawkes
Laut Augenzeugen löste eine Kellnerin mit Wunderkerzen in der Hand auf den Schultern einer anderen Person den Brand aus. Das Gespann erscheint zahlreichen Usern verdächtig. Grund dafür ist die Maske, die der Mann trägt, auf dessen Schultern die Kellnerin sitzt. Denn: Es handelt sich um eine Maske des Sprengstoffattentäters Guy Fawkes.
Fawkes wollte im November 1605 mit einer Gruppe katholischer Verschwörer das britische Parlament mit 36 Pulverfässern in die Luft jagen. Ziel war, den protestantischen König durch einen katholischen zu ersetzen. Guy Fawkes wurde bei den Vorbereitungen für den Anschlag im Keller jedoch auf frischer Tat ertappt und festgenommen.
Die Maske ist auch als Vendetta-Maske wegen des gleichnamigen Films «V for Vendetta» bekannt. Zudem steht sie für anonymen Protest. Das Hacker-Kollektiv Anonymous tritt etwa regelmässig mit den Masken auf.
«V wie Vendetta»
Auf Social Media verdächtigen User die Kellnerin und den Mann mit der Maske.
Dieses Foto gebe «sehr zu denken», schreibt eine Userin auf Facebook. «Männer mit der Maske ‹V wie Vendetta›, Frauen mit Helm, um sich unkenntlich zu machen», erklärt sie. «Und wenn es sich um ein geplantes Attentat handelte?», fragt sie.
Eine andere Userin will ähnliche Hinweise erkennen. Sie macht darauf aufmerksam, dass die Frau auf den Schultern des Mannes sitzt. «Diese war höher oben und konnte die leicht entzündliche Decke mit den Brandflaschen einfacher berühren», behauptet sie.
Motorradhelm als Zeichen
Auf Instagram schöpfen User ähnlichen Verdacht.
«Auch ich habe an ein Attentat gedacht», schreibt ein User. Als Beleg dafür sieht er die Maske, die für «V wie Vendetta» stehe. «Und vor allem handelte es sich um Personal, das sehr genau hätte wissen müssen, dass das Material sofort Feuer fängt.»
Ein User schreibt: «Für mich sieht das aus wie geplant. Darum der Motorradhelm, dass sie nicht erkannt werden.» Die beiden seien danach wahrscheinlich direkt nach draussen gegangen, vermutet er.
«Kompletter Humbug»
Sozialwissenschaftler Marko Kovic kann solchen Kommentaren nichts abgewinnen. «Die Annahmen eines Attentats in Crans-Montana sind kompletter Humbug», sagt er zu Nau.ch.
Kovic macht darauf aufmerksam, dass kein Bekennerschreiben für einen solchen Anschlag aufgetaucht sei. «Warum soll sich ein Attentäter ausgerechnet mit einer Maske kennzeichnen?» Die Menschen im Nachhinein auf die Idee eines Anschlags kommen zu lassen, ergebe keinen Sinn.
Selbstmordattentätern geht es laut Kovic immer darum, eine bestimmte Gruppe als Absender zu hinterlassen. «Ansonsten würde sich niemand selber umbringen.»
Klare Antwort gefordert
Zu Marko Kovics Spezialgebiet gehören Verschwörungstheorien. Die Verdacht auf Social Media sieht er als schönes Anschauungsbeispiel. «Sie zeigen, wie unsinnig, aber emotional gut Verschwörungstheorien sind.»
Er erinnert daran, dass Feiernde an Silvester Masken mit allerlei Motiven trügen. «Es ist ein typischer Denkfehler, dass man sich nach einer Katastrophe etwas heraussucht, das man als Anomalie sieht.»
Psychologisch gesehen hält Kovic es nicht für überraschend, dass nach der Brandkatastrophe in der Bar solche Verschwörungstheorien aufkommen. «Wenn etwas Schreckliches passiert, will man eine klare Antwort mit Schuldigen haben.»
Aktuell läuft eine Strafuntersuchung gegen die Betreiber des Lokals. Warum genau es zum Brand kam, ist noch nicht geklärt.
Vergleich mit Pandemie
Die Suche nach Klarheit im Streben nach Sicherheit ist laut Kovic bei Verschwörungstheorien zentral. «Man weiss dann, dass die Welt doch nicht so chaotisch und gefährlich ist, wie sie ist.» Stattdessen machten Anhänger von Verschwörungstheorien einzelne dunkle Mächte dafür verantwortlich.
Es handle sich um dasselbe Muster wie in der Pandemie, sagt Kovic.
Damals kursierten Verschwörungstheorien rund um den US-Milliardär Bill Gates. Behauptet wurde etwa, dass er hinter dem Coronavirus stecke, um mit viel Impfstoff Geld verdienen zu können.
Helm als Teil der Show
Auch einige Tatsachen entkräften die Verdachte schnell.
Die Frau mit dem Helm ist keine Ausnahme. Ein Werbevideo der Bar zeigt dies. Darin werden die Champagnerflaschen der Marke «Dom Pérignon» jeweils mit solchen Helmen auf dem Kopf und Wunderkerzen serviert.

Ob die Guy-Fawkes-Maske auch zum Set der Champagner gehört, ist zurzeit unklar. Die französische Kellerei «Moët & Chandon» produziert die Champagnermarke «Dom Pérignon». Die Anfrage der Redaktion hat sie nicht beantwortet.
Verhalten sei nicht unprofessionell
Dass Personal mit Gästen mitfeiert, hält Alexander Bücheli nicht für ungewöhnlich. Er ist Geschäftsführer der Schweizer Bar und Club Kommission (BCK). «In der Silvesternacht ist die Situation immer ausgelassen», sagt er. «Alle freuen sich auf das neue Jahr und sind in Euphorie.»
Neben den «Skills an der Bar» gehört laut Bücheli beim Personal auch eine gewisse Animation zum Angebot. Sitze dann jemand auf der Schulter von jemandem, habe dies nichts mit unprofessionellem Verhalten zu tun. «Dabei eine Flasche Champagner mit einer brennenden Wunderkerze an eine Decke zu halten, aber schon.»
Die Brandkatastrophe in der Bar an Silvester hat beim Gastronomiepersonal schweizweit Spuren hinterlassen. «Wir spüren sowohl bei den Besitzerinnen und Besitzern als auch beim Personal eine grosse Trauer und Verunsicherung», sagt Bücheli.
Die Angestellten machten sich Gedanken, ob sie alles richtig machten, was die Sicherheit betreffe. «Viele Betriebe gehen von sich aus ihre Sicherheitskonzepte deshalb nochmals genau durch.»
















