«Unnötig»: Bauern müssen nach Spritzen neu Verbots-Tafel aufstellen
Nach dem Spritzen müssen Bauern neu vor den Giften warnen. Unnötig, findet der Bauernverband. Kritik kommt auch vom WWF.

Das Wichtigste in Kürze
- Bauern müssen seit Neuestem nach dem Spritzen neue Verbots-Tafeln aufstellen.
- Die Kennzeichnungspflicht für Unkrautmittel bringt einen Mehraufwand für Bauern.
- Umweltschützern dagegen reicht dieser Hinweis nicht.
Für zahlreiche Unkrautmittel, sogenannte Herbizide, gelten seit Anfang Jahr neue Regeln. Eine davon: Schweizer Bauern haben nun eine Kennzeichnungspflicht, um fremde Personen vor den Giften zu warnen.
«Information, damit Dritte Parzelle nicht betreten», wird das in den Auflagen des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) genannt.
Bauern müssen also garantieren, dass niemand anderes mit den Herbiziden in Kontakt kommt.
Denn: Die betroffenen Herbizide gelten bei richtiger Anwendung als mittelgefährlich für den Menschen. Sie reizen Haut und Augen, können Allergien auslösen und sind beim Einatmen schädlich. Schutzkleidung ist daher zentral.
Wie diese Pflicht umgesetzt werden kann, zeigt eine Vorlage des Landwirtschaftlichen Zentrums Liebegg in Gränichen AG. Die Branchenzeitung «Schweizer Bauer» berichtete als erstes darüber.

«Betreten verboten. Hier werden Lebensmittel produziert. Besten Dank für die Rücksichtnahme», steht auf dem Schild.
Fachspezialistin Rita Ziltener erklärt die Motivation für die Vorlage auf Anfrage von Nau.ch so: «Unsere Betriebe schätzen es, wenn man sie zeitnah über neue Auflagen oder Änderungen im Bereich Pflanzenschutz informiert.»
«Daher wurde eine einheitliche Vorlage als Mehrwert angesehen. Viele Rückmeldungen zur Auflage haben wir jedoch nicht erhalten», sagt sie.
Bauern haben durch Info-Pflicht jetzt Mehraufwand
Doch bringt es diese Infotafel wirklich?
Der Bauernverband zeigt sich darüber mehr als skeptisch. «Aus unserer Sicht ist diese Kennzeichnungspflicht ein unnötiger Mehraufwand», sagt Sprecherin Sandra Helfenstein zu Nau.ch.
Für die Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter bedeute dies, dass sie situativ beurteilen müssen, wo es diese Information braucht. Sie müssen entsprechende Tafeln anbringen – und wieder entfernen.
Nur Bauern dürfen Felder betreten
«Unnötig sagen wir deshalb, weil ein Feld mit Ackerkulturen darf man sowieso nicht betreten. Das ist gesetzlich bereits so geregelt. Das Betretungsrecht gilt nur für Wald und Weiden», erklärt sie.
Für Helfenstein ist klar: «Eine spezifische Infotafel ist höchstens dann angebracht, wenn ein Wanderweg durch ein Feld führt.»
Auf dieser soll dann grundsätzlich auf das gesetzliche Verbot hingewiesen werden, dass die Ackerflächen nicht zu betreten sind. Unabhängig von allfälligen Pflanzenschutzmassnahmen.
Die Vorlage mit «Hier wachsen Lebensmittel – bitte betreten Sie das Feld nicht» gefällt dem Bauernverband gut. Solche Schilder «sind erklärend und respektvoll», meint Helfenstein. Sie trügen auch zu einem «konstruktiven Dialog zwischen Landwirtschaft und Bevölkerung» bei.
WWF fehlt Pestizid-Hinweis auf Infotafel
Doch nicht nur die Bauern üben Kritik. Auch der WWF hat Fragezeichen bezüglich der neuen Kennzeichnungspflicht.
Ob es dadurch einen Mehrwert gibt, könne die Umweltschutzorganisation nicht beurteilen, heisst es auf Anfrage.
Die Umweltschutzorganisation verweist darauf, dass auf der Infotafel kein Hinweis darauf erfolgt, worum es geht. Zudem fehle der Begriff «Pflanzenschutzmittel/Pestizid» vollständig.
Beim Thema stünden aber andere Massnahmen im Vordergrund.
WWF-Agrarexpertin Eva Goldmann betont gegenüber Nau.ch: «Der Einsatz von Pestiziden beeinflusst die Bodenfruchtbarkeit und kann auch langfristige Schäden an Böden verursachen. Hier sind besonders solche Pestizide relevant, die sich im Boden über die Zeit nur schlecht abbauen.»
Problematisch seien insbesondere Fungizide, also Mittel gegen Pilzbefall, so Goldmann.
Umweltverbände fordern strengeren Gewässerschutz – Bauern dagegen
Dazu komme: «In der Schweiz gibt es immer wieder massive Überschreitungen von Pestizid-Grenzwerten in Biotopen.» Davon betroffen seien auch Bäche und Flüsse sowie Grundwasser, das für die Trinkwassergewinnung genutzt wird.
Der WWF fordert deshalb einen strengeren Gewässerschutz. «Pestizide dürfen gar nicht erst in Gewässer und ins Grundwasser gelangen – statt dass Schäden im Nachhinein teuer repariert werden.»
Landwirtschaftliche Kreise halten jedoch dagegen.
Strengere Pestizidvorschriften brächten die Gefahr von Produktionsausfällen mit sich. Weiter könnten strengere Vorschriften dazu führen, dass die Produktion und damit auch die Pestizidbelastung ausgelagert würde.
Von einem strengeren Gewässerschutz konnten Umweltschutzverbände bislang auch die Schweizer Bevölkerung nicht überzeugen. 2021 schickte sie mit einem Nein-Stimmen-Anteil von 60,7 Prozent die Trinkwasser-Initiative bachab.















