Opferfamilien sollen über Ausgrabung der Toten entscheiden

Nur zwei von 40 Opfern wurden in der Schweiz obduziert. Nun stehen die Opferfamilien von Crans-Montana vor einem schwierigen Entscheid.

Crans
Ein Leichenwagen fährt vorbei, während Polizeibeamte den Ort untersuchen, an dem während der Neujahrsfeierlichkeiten in Crans-Montana am 1. Januar in der Bar und Lounge «Le Constellation» ein Brand ausgebrochen ist, bei dem Menschen ums Leben kamen und verletzt wurden. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Opferfamilien sollen über Ausgrabung der Toten in Crans-Montana entscheiden.
  • Nur zwei von 40 Opfern wurden in der Schweiz obduziert.
  • An der Staatsanwaltschaft wird Kritik wegen der Entscheidungsabwälzung auf Familien laut.

Die Hinterbliebenen der Brandopfer von Crans-Montana VS stehen vor einer schwierigen Entscheidung: Sollten sie die bereits beerdigten Angehörigen exhumieren – also ausgraben – lassen, damit eine Autopsie durchgeführt werden kann?

Die Walliser Staatsanwaltschaft hat den Entscheid über Obduktionen auf die Familien abgewälzt, wie die «NZZ am Sonntag» berichtet. Für das Vorgehen wird sie scharf kritisiert.

Schweiz obduzierte nur zwei Opfer

In der Schweiz wurden laut dem Bericht nur zwei von vierzig Todesopfern obduziert. Für diese beiden wurden Autopsiebefehle und -berichte erstellt, die für strafrechtliche Untersuchungen zwingend nötig sind.

Alle anderen Leichen wurden freigegeben und beerdigt, ohne dass die Todesursache untersucht wurde.

Hätten die Walliser Behörden alle Opfer obduzieren müssen?

Eine Expertin betont hingegen, wie entscheidend Autopsien bei unnatürlichen Todesfällen sind. Katia Villard von der Universität Genf sagt zur «NZZ am Sonntag»: «Das Gesetz lässt dem Staatsanwalt gar keine Wahl.»

Bei den zwei obduzierten Leichen zeigte sich: Kaum Verbrennungen, Todesursache möglicherweise Rauch oder giftige Dämpfe aus dem Bar-Schaumstoff. Toxikologische Untersuchungen laufen noch.

«Verwerflich, das Opferfamilien aufzubürden»

Die Anwälte der Opferfamilien kritisieren die Staatsanwaltschaft für ihr Verhalten stark. Anwalt Romain Jordan betont gegenüber der Zeitung: «Ob man das eigene Kind wieder ausgraben lassen soll oder nicht, ist eine quälende Entscheidung.»

Und: «Es ist verwerflich, diese immense Verantwortung den trauernden Opferfamilien aufzubürden.»

Erst nachdem Anwälte nachfragten, wurden zwei Leichen kurzfristig gesichert – zwölf Tage nach der Katastrophe.

Staatsanwaltschaft lässt Vorwürfe unkommentiert

Die Akten zeigen zudem, wie chaotisch die Abläufe waren: Zunächst ordnete die Staatsanwaltschaft nur die Identifikation der Toten an. Drei Tage nach dem Brand wurden die Leichen freigegeben.

Ein Ermittlungsauftrag an die Kantonspolizei zwei Wochen später sollte überprüfen, ob noch unbestattete Leichen vorhanden sind. Die Polizei musste also Tote suchen, die zuvor schon freigegeben waren.

Die Staatsanwaltschaft äusserte sich gegenüber der «NZZ am Sonntag» nicht zu den Vorwürfen.

Italien reagierte hingegen schnell: Dort wurden fünf zurückgebrachte Opfer obduziert – mehr als in der Schweiz.

Die mutmassliche Nachlässigkeit der Walliser Behörden sorgt für diplomatische Verstimmungen. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und der italienische Botschafter zeigten sich empört. Der Botschafter wurde für Konsultationen nach Rom zurückberufen.

Moretti erhielt Strafbefehl, weil er Alk an Minderjährige verkaufte

Auch die Hintergründe der Bar, in der der Brand ausbrach, werfen Fragen auf.

Jacques Moretti
Jacques Moretti wurde auf Kaution (200'000 Franken) aus der Untersuchungshaft entlassen. - keystone

Zwei 14-Jährige waren unter den Toten. Und das, obwohl die Bar bereits 2020 mit einem Strafbefehl wegen Abgabe von hartem Alkohol an Minderjährige belegt worden war.

Damals wurden nachlässige Alterskontrollen festgestellt. Der Betreiber Jacques Moretti erhielt eine Busse von 300 Franken.

Weiterlesen

Feuerfontäne
TV-Dok
Crans-Montana
Kritik an Justiz
keystone / RTS
«Sehr wenig Kontakt»

MEHR IN NEWS

Donald Trump
8 Interaktionen
«Arc de Trump»
Ukraine Krieg
4 Interaktionen
Stromkollaps
Minnesota ICE Fünfjähriger Bub
91 Interaktionen
In ICE-Gewahrsam

MEHR AUS CRANS-MONTANA

Crans-Montana
Brandkatastrophe
Giovanni Franzoni
7 Interaktionen
Odi weit zurück
malorie blanc lindsey vonn
78 Interaktionen
«Fühlt sich gut an»
Blanc
78 Interaktionen
«Ameisen im Herzen»