Milizsystem: Deshalb will kaum jemand mehr in den Gemeinderat
In der Schweiz mangelt es zunehmend an Gemeindepolitikern. Die Aufregungen rund um Crans-Montanas Gemeindepräsident dürften die Situation verschärfen.

Das Wichtigste in Kürze
- In der Schweiz mangelt es zunehmend an Politikern auf Gemeindeebene.
- Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana geriet dessen Gemeindepräsident unter Druck.
- Dies könnte das Problem von einem Mangel an Gemeindepolitikern verschärfen.
Die Brandkatastrophe von Crans-Montana hat nicht nur für die Opfer und die Angehörigen schwerwiegende Folgen. Die Auswirkungen sind deutlich weitreichender.
Die Tragödie hat gezeigt, wie überfordernd Gemeindepolitik heute sein kann. Gemeindepräsident Nicolas Féraud geriet nach der Katastrophe wegen Kommunikationspannen stark unter Beschuss.
Die Situation beschäftigt nun auch andere Gemeindevertreter schweizweit und könnte das Problem von einem Mangel an Gemeindepolitikern verschärfen. Das berichtet die «Aargauer Zeitung».
Nach dem Brand in Crans-Montana meldeten sich verschiedene Gemeinderätinnen und -räte beim Schweizer Gemeindeverband. Sie stellten Fragen zu Zuständigkeiten und Vollzugsaufgaben, wie der Verband mitteilte.
Markus Hinterleitner von der Universität Lausanne sieht darin ein Problem für den ganzen Berufsstand. Die eigenen Amtsträger würden nun kritischer beäugt, erklärt der Politikwissenschaftler gegenüber der Zeitung.
Gemeinden kommen an Leistungsgrenzen
Dadurch wird die Verantwortung in diesen Ämtern grösser. Der Fall Crans-Montana zeigt laut Hinterleitner, wie sich die Ansprüche verändert haben.
Heute erwarte man auch von Milizpolitikern kompetente Kommunikation und Krisenmanagement. Férauds Überforderung mache sichtbar, was in kleineren Gemeinden schon länger diskutiert werde.
Viele Gemeinden kommen in verschiedenen Bereichen an ihre Leistungsgrenzen. Die Aufgaben werden komplexer, die Verantwortung grösser, während die Ressourcen oft gleich bleiben.
Jede zweite Gemeinde findet kaum Kandidaturen
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Jede zweite Gemeinde hat Mühe, Kandidaturen zu finden.
In jeder vierten Gemeinde gibt es stille Wahlen. Das bedeutet, Es kandidieren gerade genug Personen für die verfügbaren Sitze.
Das zeigen Daten des Schweizer Gemeindemonitorings, das von Reto Steiner, Direktor der ZHAW School of Management and Law, durchgeführt wird. Er befragt regelmässig Gemeinderätinnen und Verwaltungen zu ihrer Situation.
Kein Land hat mehr Milizämter als die Schweiz
Über 73'000 Politikerinnen und Politiker arbeiten in Schweizer Gemeinden. Kein Land der Welt hat so viele Milizämter pro Kopf. Trotz aller Herausforderungen will Steiner nicht von einer Krise sprechen.
In den vergangenen zwanzig Jahren sei bereits vieles geschehen, sagt Steiner. «Doch es wird noch mehr brauchen, damit es reicht.» Die Gemeinden stehen vor der Aufgabe, ihre Strukturen anzupassen.
Der Fall Crans-Montana dient dabei als Weckruf. Er zeigt auf, wo das System an Grenzen stösst und wo Reformen nötig sind.













