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Laden bittet Bräute: «Besuchen Sie uns nicht, wenn ...»

Rowena Goebel
Rowena Goebel

Hochdorf,

«Die Branche leidet»: Wer Hochzeitskleider verkauft, erlebt oft Schönes – aber eben auch Mühsames. Viele Läden ergreifen Massnahmen zum Selbstschutz.

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Einige kommen nur für Selfies ins Brautmodegeschäft – ganz zum Leidwesen der Boutiquen. (Symbolbild - Instagram/@maggiesotterodesigns

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Boutique ruft Bräute aktiv dazu auf, nicht zu kommen, wenn sie nichts kaufen wollen.
  • Einige besuchen die Geschäfte nur für Braut-Selfies, obwohl sie gar nicht heiraten.
  • Auch ein Phänomen: Bräute, die sich aufwendig beraten lassen – und dann online kaufen.

In der Schweiz ist die Zahl der Hochzeiten nur leicht gesunken: Gab es im Jahr 2000 noch 5,5 Eheschliessungen pro 1000 Einwohner, waren es 2024 immer noch 4,1.

Trotzdem hat die Hochzeitskleiderbranche zu kämpfen, laut einer Insiderin sinken die Umsätze. Die Gründe sind vielseitig – eine Rolle spielen die Konkurrenz im Ausland und im Internet.

Was den Boutiquen zusätzlich die Arbeit erschwert: Viele von ihnen haben schon Erfahrungen mit Kundinnen gemacht, die aufwendige Dienstleistungen erwarten, ohne etwas zu kaufen.

Die meisten Läden haben Beratungsgebühren eingeführt, um sich zu schützen. Einige verbieten Fotos. Und ein Geschäft bittet Bräute gar aktiv, nicht vorbeizukommen, wenn sie nichts kaufen wollen.

Kundinnen kommen nur für Selfies

«Wir bitten Sie freundlich, uns nicht zu besuchen, wenn Sie ...», schreibt die Deutschschweizer Brautmode-Boutique in einem Instagram-Post. Dann folgt eine Auflistung von Gründen, nicht vorbeizukommen.

Darunter: «Wenn Sie ein Kleid für ein sehr kleines Budget suchen» und «wenn Sie keine aufrichtige Absicht haben, zu kaufen».

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In dieser Instagram-Story bittet eine Deutschschweizer Boutique Kundinnen, unter anderem nicht vorbeizukommen, wenn sie nur Selfies schiessen wollen. - Screenshot Instagram

Und auch: «Wenn Sie nur Braut-Selfies machen wollen» und «wenn Sie planen, Ihr Kleid danach online zu kaufen».

Offenbar alle Probleme, mit denen die Boutique zu kämpfen hat. Auf Anfrage von Nau.ch äussert sich das Geschäft, das nicht genannt werden will, nicht weiter dazu.

Klar ist aber: Mit solchen und ähnlichen Problemen ist der Hochzeitskleiderladen in der Branche nicht alleine.

Boutiquen halten «Spassbräute» mit Gebühren fern

Auch die Zürcher Brautmodeboutique Zoro hat ab und zu Bräute, die sich beraten lassen, dann aber andernorts online bestellen.

«Das kommt vor», sagt Inhaberin Milena Zoro zu Nau.ch. «Es ist auch mit ein Grund, weshalb wir – und immer mehr Brautgeschäfte – Beratungsgebühren verlangen. Damit sogenannte ‹Spassbräute› erst gar nicht ins Geschäft kommen.»

Findest du es richtig, dass die meisten Brautgeschäfte Beratungsgebühren verlangen?

Zoro gibt zu bedenken: «Unsere Beraterinnen üben diesen Beruf mit viel Herzblut und Leidenschaft aus. Es ist schön, wenn unsere Gäste dies auch wertschätzen und nicht ausnutzen, um irgendwo ein billiges Imitat zu erwerben.»

Immerhin: Das Phänomen ist in Zoros Boutique selten.

«Die Leute denken sich einfach nichts dabei»

Auch das Brautmodegeschäft Tessa & Thomi in Thun BE musste schon solche Erfahrungen machen.

«Leider gibt es das immer wieder mal. Die Leute denken sich einfach nichts dabei», sagt Gründerin Gabriela Wülser zu Nau.ch. Das könne leider nicht vermieden werden und komme auch in anderen Branchen vor.

Sie beobachtet, dass es das früher vor allem bei Abendkleidern gab – inzwischen komme es aber auch bei Brautkleidern vor.

«Das ist das Verhalten der Gen Z»

Das Zürcher Brautmodeatelier Zauberbraut hatte bisher zwar keine Kundinnen, die sich beraten liessen und dann doch online bestellten.

Dass andere Geschäfte darüber berichten, erstaunt Inhaberin Nancy John jedoch nicht. Sie sagt zu Nau.ch: «Das ist das Verhalten der Gen Z, weil sie so alle ihre Sachen bestellt – easy per App.»

Von einem anderen Phänomen ist auch sie betroffen. Frauen, die vorbeikommen, um Braut-Selfies für Social Media zu schiessen – ohne überhaupt einen Hochzeitstermin zu haben.

«Tatsächlich haben wir das auch schon bemerkt. Deshalb kostet bei uns ein Beratungstermin, das schreckt schon mal ab», sagt John. In ihrer Boutique ist es zudem verboten, Fotos zu schiessen.

John erinnert daran, dass Beratungstermine für die Boutiquen nicht gratis sind. «Unser Geschäft in der Stadt Zürich hat seinen Preis. Es kostet 265 Franken pro Quadratmeter», sagt sie.

«Und in der Schweiz verdient eine Verkäuferin oder Schneiderin mindestens 30 Franken auf die Stunde.»

Insiderin: Umsätze sind gesunken

«Die Branche leidet», sagt eine erfahrene Insiderin zu Nau.ch, die anonym bleiben will. «Die Leute heiraten weiter, doch die Umsätze sind gesunken. Das würde wohl jedes Geschäft unterschreiben.»

Ein Grund dürfte der Onlinehandel sein. Das Phänomen ist auch aus anderen Bereichen im Detailhandel bekannt – die Kundschaft wandert ins Internet ab. Das Ladensterben ist seit Jahren in aller Munde.

Ein weiterer Grund dürfte laut der Insiderin der starke Franken sein – einige Bräute fliegen oder fahren extra ins Ausland.

Geschäfte: Darum sollte man Hochzeitskleid vor Ort kaufen

Doch die Geschäfte betonen: Es gibt nach wie vor viele Gründe, das Hochzeitskleid vor Ort in der Schweiz zu kaufen.

Einerseits ist es natürlich nachhaltiger, nicht extra ins Ausland zu reisen für einen Anprobetermin. Und es unterstützt die lokale Wirtschaft.

Erika Rodriguez von der Brautmodeboutique Liebeskleid in Bülach ZH gibt andererseits zu bedenken: «Alle renommierten Brautmode-Labels verkaufen ihre Brautkleider ausschliesslich an den Fachhandel. Also nicht direkt.»

Wo hast du dein Hochzeitskleid gekauft?

Heisst: Wer gute Qualität will, muss in der Regel ins Geschäft, statt online zu bestellen. Es gibt laut Rodriquez zwar auch seriöse Brautmodegeschäfte, die ihre Kleider online verkaufen. «Dieser Online-Preis ist aber immer höher als bei uns im Geschäft.»

Was das bedeutet, liegt auf der Hand, wie Rodriguez sagt: «So bleiben nur noch die gängigen China-Plattformen, um ein Kleid zu kaufen, das günstiger ist als im Geschäft.»

Dort sei die Qualität viel schlechter als bei den Kleidern, die im Laden anprobiert werden können. «Wir haben öfter als früher Bräute, die zu uns kommen, nachdem sie feststellen, dass ein billiges Brautkleid auch billig aussieht.»

Boutique warnt: «Viele Tränen» wegen billigen Online-Kleidern

Die Boutique Liebeskleid macht darum eher die umgekehrte Erfahrung: Bräute bestellen nicht nach der Beratung vor Ort online. Sondern sie versuchen es erst online – «entscheiden sich dann aber doch für ein hochwertiges, richtiges Brautkleid im Geschäft».

Ähnliches stellt auch das Thuner Brautmodegeschäft Tessa & Thomi fest. «Wir haben vermehrt Anfragen, ob wir in unserem professionellen Atelier nicht Online-Kleider ändern würden», sagt Gründerin Gabriela Wülser.

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Sind zwar oft billig, sehen dann aber auch billig aus, wie Schweizer Boutiquen warnen: Hochzeitskleider im Netz. - Screenshot

«Da haben wir schon viele Tränen erlebt, weil wir nichts verbessern können, ohne dass massive Kosten dazu kommen.»

Wülser betont: «Will man sich wohlfühlen und ein gut sitzendes Kleid am wichtigsten Tag des Lebens tragen, sollte man in einem professionellen Geschäft mit hauseigenem Atelier kaufen.»

Bei Online-Käufen fällt auch die Anpassung weg – und diese Dienstleistung ist in Schweizer Geschäften oft im Kauf enthalten. Eine Anpassung ist fast immer nötig, wie viele Boutiquen betonen.

Kommentare

User #4477 (nicht angemeldet)

Wäre doch ein Business Modell: Bietet ein Fotoshooting in verschiedenen Brautkleidern an, einfach gegen eine angemessene Gebühr. Und wenn dann doch noch etwas gekauft wird, kann man die Gebühr anrechnen.

User #4212 (nicht angemeldet)

Als meine Schwester heiraten wollte waren wir auch in drei Geschäften bis wir das schönste gefunden haben. Denke manchmal wechselt man auch weil es nicht das war. Oder eine Verkäuferin die absolut nicht passt. Glaube nicht das es nur wegen online ist.

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