Kinder nachts in Bar: Vorwürfe gegen Eltern der Opfer werden laut
Was machten Minderjährige in der Bar? Die Frage treibt nach der Brand-Katastrophe viele um – doch sie ist auch ein Vorwurf. Ein Experte warnt.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Hälfte der Opfer des Brandunglücks in Crans-Montana war noch minderjährig.
- Im Netz und auf den Strassen von Crans-Montana werden Vorwürfe an die Eltern laut.
- Eine Frage, die viele umtreibt: Warum durften 14- bis 17-Jährige nachts in eine Bar?
- Ein Ethiker fordert zur Zurückhaltung von Kritik an den trauernden Eltern auf.
Inzwischen ist klar: Die Hälfte der Opfer, die bei der Brand-Katastrophe in Crans-Montana ums Leben gekommen sind, war noch minderjährig. Die jüngsten wurden nur 14 Jahre alt.
Doch bereits als die ersten Altersangaben zu Vermissten, Verletzten und Toten veröffentlicht wurden, hagelte es Vorwürfe an die Eltern.
Die sozialen Medien sind voll davon. Und auch in der SRF-Spezialsendung von Sonntagabend warf eine Einwohnerin die Frage auf: Warum waren Minderjährige mitten in der Nacht in einer Bar?
Die Eltern hätten ihre Kinder gar nicht in den Ausgang lassen sollen, finden viele. Ein Vorwurf, der den Eltern eine Mitschuld am Schicksal ihrer Kinder gibt, Fragen aufwirft – und für Kritik sorgt.
Ethiker: Vorwürfe kommen «zur falschen Zeit»
Vor solchen Was-wäre-wenn-Gedanken und den damit einhergehenden Vorwürfen warnt Peter G. Kirchschläger, Ethikprofessor an der Universität Luzern.
«Als Erstes möchte ich den Angehörigen der Opfer mein herzliches Beileid und den Verletzten meine guten Besserungswünsche zum Ausdruck bringen. Meine Gedanken sind bei den Opfern und bei ihnen allen», sagt er zu Nau.ch.

«Eine solche Katastrophe macht tief betroffen. Sie löst auch verständlicherweise zahlreiche Fragen aus, so auch diese Gedanken.» Von einem ethischen Standpunkt aus kämen sie jedoch «zur falschen Zeit».
«Mit Kritik zurückhalten»
Auch, wenn das nie ganz gelingen könne – er lade dazu ein, sich in die Lage der betroffenen Erziehungsberechtigten hineinzuversetzen.
«Dadurch würde einem klar werden: Aus Mitgefühl mit und aus Rücksichtnahme auf sie sollte man sich mit Kritik an ihnen zurückhalten.»

Das heisst nicht, dass man sich mit dieser Frage nie beschäftigen darf. Zu einem «viel späteren Zeitpunkt» darf sie laut Kirchschläger aus ethischer Sicht diskutiert werden. Aber auch dann nicht als Vorwurf gegen die Eltern, stellt er klar.
Ethiker Christof Arn stimmt zu – und gibt gegenüber Nau.ch zu bedenken: «Mit einer solchen Brandkatastrophe muss man als Eltern nicht rechnen. Es wäre schrecklich, wenn sie sich von der Vorstellung leiten liessen, dass es ja überall und jederzeit irgendwo brennen könnte.»
Hatte Alter Auswirkung auf Ausmass der Katastrophe?
Die Frage danach, warum Minderjährige nachts in der Bar sassen, greift aber noch tiefer.
Es schwingt nicht nur ein Vorwurf an die Eltern mit – sondern sie wirft auch weitere Fragen auf: Hätte es denn etwas am Ausmass der Katastrophe geändert, wenn keine Minderjährigen betroffen gewesen wären?
Hätte die Bar die Plätze dann nicht einfach mit anderen jungen Menschen gefüllt, die genau dasselbe Schicksal ereilt hätte? Wären deren Angehörige nicht ebenso am Boden zerstört gewesen?
Die letzten beiden Fragen dürften wohl mit Ja beantwortet werden. Komplexer ist die Frage, welchen Einfluss das junge Alter der Gäste auf ihr Einschätzungsvermögen und das Ausmass der Tragödie hatten.
Videos aus der Katastrophen-Nacht zeigen, wie ein Teil der Decke bereits in Flammen steht, viele aber weitertanzen, lachen und filmen. Der Gefahr, dass der gesamte Raum innert kürzester Zeit in Flammen stehen könnte, sind sie sich nicht bewusst.
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Doch genau das geschah – ein sogenannter Flashover. Einen solchen vorzeitig zu erkennen, ist Laien praktisch unmöglich, sagen Experten. Darum sollte man Räume schon bei kleineren Bränden umgehend verlassen.
Eine Information, die vielleicht auch dem einen oder anderen Erwachsenen nicht bekannt war. Doch besonders jungen Menschen wird oft nachgesagt, dass sie sich Gefahren oft noch weniger bewusst sind. Zu viel Risiko in Kauf nehmen.

Die Luzerner Psychologin Margareta Reinecke behandelt unter anderem Jugendliche und hat in der Vergangenheit als Notfallpsychologin gearbeitet. Auch sie beschäftigt das Unglück von Crans-Montana sehr.
Und sie bestätigt gegenüber Nau.ch: «Junge Menschen sind sicher risikobereiter, haben weniger Angst. Vor allem männliche Jugendliche. Das gehört dazu und ist auch wichtig für die Entwicklung.»
«Mehr Verständnis nötig, wenn Jugendliche unvernünftig handeln»
Das hat auch mit dem Gehirn zu tun. Für Impulskontrolle, Entscheidungsfindung und höhere Kognition ist der sogenannte präfrontale Cortex zuständig. Und dessen Entwicklung ist erst zirka gegen das 25. Lebensjahr abgeschlossen, wie Reinecke zu bedenken gibt.
«Jugendliche sind mehr vom limbischen System, also von der Gefühlswelt, gesteuert.»

Dieser Faktor in Verbindung mit Alkohol könne dazu führen, dass die Hemmschwelle sinkt und man sich vor anderen profilieren will. Da kämen schnell Gedanken auf wie: «Aha, die anderen tanzen auch noch, so mache ich auch weiter.»
Mit zunehmender Reife würden Argumentation, Impulskontrolle und Urteilsvermögen besser. Für Reinecke ist darum klar: «Es ist mehr Verständnis nötig, wenn Jugendliche unvernünftig handeln.»
40-Jährige hätten vielleicht gleich reagiert
Das heisst im Umkehrschluss aber nicht, dass die Gäste schneller geflüchtet wären, wäre ihr Altersdurchschnitt höher gewesen. Und dass es dadurch weniger Opfer gegeben hätte.
«Eigentlich muss man davon ausgehen, dass es anders ausgesehen hätte, wären hauptsächlich 30- oder 40-Jährige in der Bar gewesen. Aber nur eigentlich», sagt Reinecke.
«Es kann nie genau eingeschätzt werden, wie sich die Masse oder der Einzelne in gewissen Situationen verhält. Das wissen wir von vielen Experimenten.»
Faktoren wie Umstände, Gruppendruck und viele mehr würden in Extremsituationen immer eine Rolle spielen.
Experten kritisieren Filmen-statt-Helfen-Phänomen
Was Reinecke an der Katastrophe «erschreckend» fand: «Dass der erste Reflex war, zu filmen. Der Gedanke, ich möchte für meine Posts Likes.»
Dieser Reflex sei überall zu beobachten – und stelle eine zunehmende Gefahr dar. Und das Verhalten ist auch aus ethischer Sicht problematisch, wie Ethikprofessor Kirchschläger kritisiert.

Videos von der Katastrophe kursierten schon am nächsten Morgen im Internet. Einige zeigten, wie Menschen verzweifelt versuchten, den Flammen zu entkommen. Panische Schreie, verbrannte Körper, Der völlig verstopfte Ausgang.
Gefilmt von Personen, die zuschauten. Der Experte sagt dazu: «Grundsätzlich ist ‹Filmen statt Helfen› bei solchen Katastrophen ethisch höchst problematisch.»
Zudem seien die Menschenrechte auf Datenschutz und Privatsphäre aller Menschen auch im Ausgang zu achten. «Wir müssen selbst entscheiden können, ob wir fotografiert oder gefilmt werden wollen. Beziehungsweise, was mit Bildern und Videos von uns passiert.»
Geduld ist gefragt
Im Netz ist dem Experten nach dem Brand noch anderes Verhalten aufgefallen, das er kritisiert. Etwa Druckausübung auf Ärztinnen und Ärzte und die Untersuchungsbehörden. Geduld sei gefragt.
«Auch vorschnelle Schuldzuweisungen und Vorverurteilungen sowie die Verbreitung von Fake News sind zu unterlassen.»
Aus Respekt vor den Opfern sollte man zudem nicht blindlings Fotos und Videos des Vorfalls verbreiten. Kirchschläger ruft hier zur Zurückhaltung auf.
Todesopfer aus der Schweiz (22 Menschen)
- Ein Mädchen im Alter von 14 Jahren
- Vier Mädchen im Alter von 15 Jahren
- Eine Teenagerin sowie drei Teenager im Alter von 16 Jahren
- Ein Teenager im Alter von 17 Jahren
- Eine Teenagerin sowie drei Teenager im Alter von 18 Jahren
- Ein Mann im Alter von 20 Jahren
- Eine Frau und ein Mann im Alter von 21 Jahren
- Zwei Frauen im Alter von 22 Jahren
- Zwei Frauen im Alter von 24 Jahren (eine davon war auch französische Staatsbürgerin)
- Ein Mann im Alter von 31 Jahren
Todesopfer aus Frankreich (acht Menschen)
- Ein Bub im Alter von 14 Jahren
- Ein Mädchen im Alter von 15 Jahren (sie war auch israelische und britische Staatsbürgerin)
- Ein Teenager im Alter von 17 Jahren
- Ein Mann im Alter von 20 Jahren
- Ein Mann im Alter von 23 Jahren
- Eine Frau im Alter von 26 Jahren
- Eine Frau im Alter von 33 Jahren
- Ein Mann im Alter von 39 Jahren
Todesopfer aus Italien (sechs Menschen)
- Ein Mädchen im Alter von 15 Jahren
- Eine Teenagerin sowie vier Teenager im Alter von 16 Jahren (einer davon war auch Staatsbürger der Vereinigten Arabischen Emirate)
Todesopfer aus Belgien (ein Mensch)
- Ein Teenager im Alter von 17 Jahren
Todesopfer aus Portugal (ein Mensch)
- Eine Frau im Alter von 22 Jahren
Todesopfer aus Rumänien (ein Mensch)
- Ein Teenager im Alter von 18 Jahren
Todesopfer aus der Türkei (ein Mensch)
- Ein Teenager im Alter von 18 Jahren
Alle Todesopfer und Verletzten wurden inzwischen identifiziert. Gegen die Betreiber der Bar wurde eine Strafuntersuchung eröffnet.
































