Jetzt führen junge Schweizer schon ganze Gespräche auf Englisch
«Schlimmer» als der virale «Finance Bro»: Jugendliche verwenden untereinander nicht nur zahlreiche Anglizismen, sondern führen ganze Gespräche auf Englisch.

Das Wichtigste in Kürze
- Englisch boomt: Deutschschweizer Jugendliche führen inzwischen teils ganze Gespräche in der Fremdsprache.
- Einen Forscher erstaunt das nicht – Englisch ist omnipräsent. Viele Jugendliche sprechen es deutlich besser als noch vor ein paar Jahren.
- Er findet es aber schade, dass das Französisch darunter leidet. Zudem haben die Englischkompetenzen weniger Vorteile fürs Lernen, als man meinen könnte.
Nau.ch-Leserin Melinda G.* (35) meint, sich verhört zu haben. Die Strassen sind voll, als sie kürzlich in der Stadt Bern unterwegs ist. Vor ihr: Eine Gruppe Teenager, die zusammen Englisch spricht.
Sie denkt nicht gross darüber nach. Für sie ist klar: Das sind Touris. Doch dann wechselt die Gruppe plötzlich ins astreine Schweizerdeutsch.
«Ich bin baff», erzählt G. Dass Junge viele englische Begriffe einstreuen, ist ihr natürlich längst bekannt. «Finance Bro» Roman ging kürzlich dafür viral. Doch gleich so?
Experte: «Anekdote überrascht wohl niemanden»
Ein Einzelfall ist das Erlebte aber keinesfalls. «Die Anekdote überrascht wohl niemanden», sagt Raphael Berthelé, Sprachforscher an der Universität Freiburg zu Nau.ch.
«Ich habe das selbst schon im Zug beobachtet und von verschiedenen Personen ähnliche Geschichten gehört», sagt er. Das Phänomen beobachte er fast ausschliesslich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
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Wissenschaftlich untersucht wurde das in der Schweiz bisher nicht. Die Forschung zeigt jedoch: «Jugendsprache hat sich immer schon für das Trendige interessiert», sagt Berthelé.
«Jugendliche sind sehr sensibel für Mode, Trends und die Attraktivität von bestimmten Ausdrucksformen. Und es ist klar: Englisch ist sehr populär, unter anderem dank Social Media.»
Kurz: Das Handy ist schuld – oder zumindest mitschuldig.
Warum Englisch, wenn Schweizerdeutsch Muttersprache ist?
Trotzdem: Dass sich junge Menschen mit derselben Muttersprache in einer Fremdsprache unterhalten, «ist auf den ersten Blick erstaunlich».
«Man würde erwarten, dass sie untereinander Deutsch sprechen», sagt Berthelé. «Gerade, wenn man bedenkt, wie gross der Widerstand unter vielen Deutschschweizern ist, sobald Standardsprache erwartet wird.»

Erinnern wir uns an Schulungen, Meetings oder Kurse, in denen gefragt wird, ob alle Schweizerdeutsch verstehen. Meldet sich jemand, er könne nur Hochdeutsch, geht oft erstmal ein kollektives Seufzen durch die Runde.
Nicht selten wechseln die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dann trotzdem ins Schweizerdeutsche – bewusst oder unbewusst.
Der Experte für Mehrsprachigkeit hat verschiedene Erklärungsansätze für die englischen Gespräche der Jugendlichen. «Es ist sicherlich auch eine Art Rolle, in die sie schlüpfen», sagt Raphael Berthelé.
Will heissen: Am Znachtisch findet man, dass Mami «nervt» und seine Witze seien «peinlich».
Unterwegs mit Gleichaltrigen aber verkörpert man die coole Tiktok-Persönlichkeit. Und dann geht man plötzlich «crashout», weil die «cringe» Mum einem «ragebaited». «Deadass!»
Jugendliche können heute viel besser Englisch
Teenager sind jederzeit nur einen Blick aufs Handy von einem Englisch-Sprachbad entfernt.
Das zeigt sich auch in ihren Sprachkenntnissen: «Viele Jugendliche können heute besser Englisch als noch vor wenigen Jahren», sagt Sprachforscher Berthelé. «Die Kompetenzen nehmen zu, insbesondere die mündlichen.»
Dass das positive Effekte hat, ist für ihn klar – «im Businesskontext und in der Wissenschaft ist diese Fähigkeit wichtig». Englisch sei schliesslich hier, um zu bleiben.
Der Experte warnt aber davor, die Vorteile zu überschätzen. «Sprechen ist ein Punkt, aber sobald sie auf Englisch schreiben müssen, sieht es oft anders aus», sagt er.
Und: «Wir konnten in der Forschung bisher selten zeigen, dass diese Englischkompetenzen einen positiven Effekt haben auf das Lernen anderer Sprachen.» Das sei gut untersucht.
Experte erwartet Englisch-Gespräche als kurzlebigen Trend
Doch ist das Phänomen da, um zu bleiben? Sprich: Redet die Jugend von heute auch noch in zehn, zwanzig Jahren miteinander auf Englisch?
«Wir sind keine Propheten», sagt Raphael Berthelé. «Es gibt jedoch eine sehr grosse Jugendsprachforschung, die zeigt, dass solche jugendsprachlichen Moden in der Regel kurzlebig sind.»
Auch seine Generation habe in der Jugend zahlreiche Begriffe genutzt, die heute praktisch verschwunden seien. «Wir nannten zum Beispiel alles ‹lässig› – das sagt inzwischen niemand mehr.»
Entwicklung «schade»
Dass Englisch zudem in der Deutschschweiz das Französisch als Zweitsprache verdrängt, ist bekannt. Das Phänomen ist längst zum Politikum geworden.
Nun macht auch der Bundesrat Druck: An Schweizer Primarschulen soll weiterhin eine zweite Landessprache unterrichtet werden. Damit reagiert er auf Pläne mehrerer Deutschschweizer Kantone, Französisch aus dem Primarschul-Lehrplan zu streichen.

Auch Berthelé findet die Entwicklung «schade», wie er sagt. Gerade an der Sprachgrenze sei es sehr wichtig, beide Sprachen zu sprechen.
«Klar, ich habe eine sehr spezifische Sicht auf das Thema. Ich wohne und lebe in Freiburg, unterrichte halb auf Deutsch und halb auf Französisch», gibt er zu bedenken.
Im St. Galler Rheintal nehme man Französisch sicherlich als deutlich weniger wichtig wahr, und in Genf Deutsch.
«Wichtig ist vor allem, dass wir weiterhin – über die Sprachgrenzen hinaus – miteinander sprechen.» Das wäre natürlich gegeben, wenn sowohl Welsche, Tessiner und Deutschschweizer einfach alle Englisch könnten.
Trotzdem: «Das wäre schade – so würden wir untereinander kommunizieren wie mit dem Rest des Planeten. Wir Schweizer sind ja sonst immer so stolz auf unsere Eigenheiten.»
*Name von der Redaktion geändert













